Hohe Schule in Herborn

Die 1584 gegründete Hohe Schule in Herborn sollte als reformierte Ausbildungsstätte überregionale Bedeutung erlangen. Wenn auch die dort lehrenden Professoren nicht mehr im engeren Sinn als Reformatoren verstanden werden können, waren ihre Lehren doch für die Einführung des Calvinismus und für calvinistische Strömungen zwischen Siebenbürgen und England maßgeblich.

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Piscator
Seite der kommentierten Bibel von Johannes Piscator (HHStAW Abt. 171 Nr. R 986 I, Ausschnitt)

Caspar Olevian (1536–1587)
Der aus Trier stammende Olevian hatte in Paris und später bei Calvin und Beza in Genf und Lausanne studiert. Nach seiner mehrjährigen Tätigkeit als Theologe in Heidelberg musste er das Kurfürstentum Pfalz verlassen, als es 1576 vom reformierten Bekenntnis zum Luthertum zurückkehrte. Olevian fand Aufnahme beim Grafen von Sayn-Wittgenstein in Berleburg als Erzieher der Grafensöhne. Von Berleburg aus wirkte Olevian fortan auch in die benachbarten Territorien hinein. Bekannt ist sein auf die Landbevölkerung ausgerichteter „Bauernkatechismus“.
1584 berief ihn Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg, damit er in seinem Auftrag die Hohe Schule Herborn gründe, die als calvinistische Ausbildungsstätte Pfarrer und Beamte heranziehen sollte. Olevian wurde deren erster Rektor und nutzte diese Position, um weiterhin grenzüberschreitend in der reformierten Sache tätig zu werden. Die Herborner Generalsynode von 1586, auf der sich Theologen aus verschiedenen Territorien zu einer überterritorialen Struktur zusammenschlossen, kann als einer der Höhepunkte seiner Laufbahn angesehen werden.
Seine Kinder sollten ebenfalls in seine Fußstapfen treten. Auf Anraten Bezas in Genf schickte er deshalb seinen ältesten Sohn Paul zum Studium nach Straßburg. Dieser erkrankte dort so schwer, dass er Arme und Beine nicht mehr bewegen konnte und getragen werden musste. Olevian wandte sich deshalb nach Trier und Metz, wo sich seine Ehefrau aufhielt, um den Sohn zurückzuholen. Das verzweifelte Schreiben, in dem er sich um einen Botenburschen bemühte, der dem Sohn zur Seite stehen könne, zeigt den „bedeutendsten Calvin-Schüler im deutschen Raum“ (Renkhoff) von einer ganz privaten Seite.
HHStAW Abt. 171 Nr. P 47


Johannes Piscator (1546–1625)
Piscator war seit 1584 an der Hohen Schule tätig und muss als deren bedeutendster Theologe angesehen werden. Sein nachhaltigstes Werk war die sogenannte Piscatorbibel: die dritte vollständige Bibelübersetzung nach derjenigen Luthers und der Züricher Bibel. Sie entstand zwischen 1602 und 1604.
Diese reformierte Bibelübersetzung war in vielen reformierten Territorien lange Zeit im Gebrauch. In Stadt und Republik Bern war sie von 1684 bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die vom Staat verordnete Bibelübersetzung. Allerdings wurde sie heftig von den Lutheranern bekämpft. Aber auch einige Lehren Piscators wurden von reformierten Theologen stark angegriffen und z.T. als Irrlehren verurteilt.
Piscator war über seine Bibelübersetzung hinaus ein fruchtbarer Schriftsteller, wie auch das vorliegende Gedicht belegt:
Ein Christliche Klag- Trost- und Gebett

Ach lieber Got,
was Jamr und Not
ist in der Welt an allen Orten.
Doch schirmstu fein
die Gläubgen Dein,
wider List und Gwalt der Helle Pforten.

Drumb will ich mich
gantz sicherlich
verlassen thun auf Dein Zusage:
Sein wolgemut,
und alles gut
von Dir erwarten ohne Zagen.

Doch ists Dein Will,
daß ich halt still,
und gib Geduld
durch deine Huld,
daß ich Dir ja nicht widerstrebe.

Die Welt ist schnöd,
das Fleisch ist blöd,
der Teüfel auch umbher thut schleichen.
Drumb mich bewar
in aller Gfahr
und nim mich endlich in Dein Reiche.
HHStAW Abt. 171 R 1334 b
HHStAW Abt. 171 Nr. R 986/I

Wilhelm Zepper (1550–1607)
Wilhelm Zepper ist einer der wenigen führenden Theologen der Region, die auch aus Nassau stammten. 1550 wurde er als Sohn des Ratsherrn Konrad Zepper in Dillenburg geboren. Er wuchs in Herborn und Siegen auf, studierte aber dann an den Universitäten Marburg und Wittenberg. Ab 1582 war er erster Pfarrer und Hofprediger in Dillenburg, ab 1599 Professor für praktische Theologie, Oberpfarrer und Inspektor in Herborn. Auf ihn geht die systematische Ordnung des Kirchenrechts und die Organisation des Kirchen- und Schulwesens zurück. Er richtete in der Grafschaft Nassau-Dillenburg ab 1582 ein deutsches Schulwesen ein.
Das vorliegende Schreiben verdeutlicht diese organisatorische Tätigkeit Zeppers. Ihm war ein Text zur Kirchenzucht zugeschickt worden, über den er wiederum ein Gutachten verfasste. Dieses Gutachten übersandte er an den Drucker und Verleger Corvinus in Herborn. Darüber hinaus berichtete er von der Landesvisitation. Das Werk erschien 1594 HHStAW Abt. 171 Nr. K 308


Anonymer Theologe
Dieses auch ästhetisch sehr eindrückliche Gutachten mit dem Titel „Tabulae complectentes delineationem tractatus de Ecclesia aedificatione & gubernatione“ steht für die Vielzahl an theologischen Schriftstücken und Traktaten der Reformationszeit, die es noch zu entdecken gilt. Durch den regen Austausch theologischer Schriften zwischen den Reformatoren und Kirchenpolitikern stecken die Texte einen weiten inhaltlichen Radius ab, der Kirchenhistorikern noch zahlreiche Entdeckungen ermöglichen wird. Die aufgeschlagenen Seiten zeigen das Kapitel über die Taufe, das in einer für die Hohe Schule Herborn und insbesondere für den dort wirkenden Theologen Johann Heinrich Alsted (1588–1638) typischen „ramistischen Tafel“ angeordnet ist. In Form zweizinkiger Gabelungen werden u.a. in Alsteds Enzyklopädie von 1630 Strukturen und Inhalte graphisch dargestellt. In diesem Umkreis dürfte auch der Autor des vorliegenden Stücks zu suchen sein.
HHStAW Abt. 171 Nr. R 987
 

Einleitung
Wittenberger Reformatoren
Lutherische Reformation in den nassauischen Grafschaften
Reformation in Genf
Calvinistische Reformation in Nassau-Dillenburg
Hohe Schule in Herborn
Calvinistische Netzwerke

Kapitelübersicht