Calvinistische Netzwerke

Durch die internationale Bedeutung der Hohen Schule in Herborn und den Anteil des Hauses Nassau-Dillenburg an den Aufständen in den Niederlanden bestanden intensive Kontakte der Grafenfamilie zu reformierten Theologen in ganz Europa.

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Tossanus
Brief von Daniel Tossanus d.Ä. (HHStAW Abt. 171 Nr. R 1334 a)

Daniel Tossanus der Ältere (1541–1602)
Tossanus war reformierter Prediger in Orléans gewesen und Hofprediger in der Pfalz. 1576 wurde er von Kurfürst Ludwig VI. von der Pfalz, der nach dem Tod seines Vaters wieder dem Luthertum anhing, des Landes verwiesen. Tossanus ging als Professor und Generalsuperintendent nach Neustadt an der Haardt, wo ein Bruder des Kurfürsten, der reformierte Johann Kasimir, residierte. Er war bekannt für seine Kontroversschriften, die er mit lutherischen und katholischen Theologen austauschte.
Im vorliegenden Schreiben vom 22. April 1581 nahm er Bezug auf ein Gespräch mit Otto von Grünrade. „In disen letsten zerruttenen Zeiten, da der leidig Teufel auch den Frommen auff mancherley Weise zusetzt, wachen, betten, sich einander erinnern, und warnen, wol vonnöthen thut“, schrieb er nach Dillenburg. Nachdem das Kurfürstentum Pfalz als calvinistische Bastion im Reich verlorengegangen war, schien Tossanus diese Haltung insbesondere für die verbliebenen reformierten Territorien von großer Bedeutung.
Nach dem Tod des Kurfürsten Ludwig VI. sollte er allerdings 1582 wieder als Hofprediger nach Heidelberg zurückkehren. 1594 war er Rektor der dortigen Universität.
HHStAW Abt. 171 Nr. R 1334 a

Christoph Pezel (1539–1604)
Pezel hatte in Wittenberg studiert und war zunächst im sächsischen Raum als Pfarrer und Prediger tätig, u.a. an der Wittenberger Schlosskirche. Als er in den Verdacht geriet, ein heimlicher Anhänger des Calvinismus zu sein (Kryptocalvinist), wurde er von Kurfürst August von Sachsen inhaftiert und später des Landes verwiesen. 1577 berief ihn Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg nach Siegen, wo er zunächst, später in Dillenburg als Prediger tätig war. Auf ihn geht das „Nassauische Bekenntnis“ von 1578 zurück, demzufolge sich Nassau-Dillenburg endgültig und institutionell dem reformierten Bekenntnis anschloss. 1578 wurde Pezel Pfarrer und Kircheninspektor in Herborn, ging aber bereits 1579 nach Bremen, um dort einen Theologenstreit zu schlichten.
Die Kontakte in die Hansestadt rissen im Folgenden nicht ab, so dass er schließlich 1584 Superintendent in Bremen wurde und dort das reformierte Bekenntnis einführte. Die dortige Lehr- und Kirchenordnung „Consensus Bremensis“ von 1595 geht auf ihn zurück.
Das ausgestellte Schreiben Pezels an Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg verdeutlicht die enge Verklammerung zwischen Dillenburg und Bremen. Pezel beschreibt seine Reise von Dillenburg/Siegen nach Bremen und gibt wichtige Mitteilungen weiter. Mit Freude kann Pezel festhalten, dass er auf seiner Reise selbst im Kurfürstentum Köln von niemandem im Unguten angesprochen worden sei. Aus all diesen Darlegungen ist zwischen den Zeilen herauszulesen, dass Pezel das reformierte Bekenntnis deutschlandweit auf dem Vormarsch sah.
Hessisches Hauptstaatsarchiv Abt. 171 Nr. R 1334 a

Johann Jakob Grynaeus (1540-1617)
Grynaeus war ab 1575 Professor für das Alte Testament an der Universität Basel. 1577 stellte er sich auf die reformierte Seite gegen die lutherische Konkordienformel. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Theologe an der Universität Heidelberg war er ab 1586 Antistes am Basler Münster, womit in der Schweiz das höchste Amt eines reformierten Predigers bezeichnet wurde, und zeitweise Rektor der dortigen Universität. Er formte die Basler Kirche zu Staatskirche und schuf eine streng kontrollierte Kirchenordnung.
In den vorliegenden beiden Schreiben äußerte sich Grynaeus gegenüber Graf Georg von Sayn über ein Religionsgespräch in Mömpelgard von 1586, das Beza auf der reformierten Seite und der Württemberger Jacob Andreae auf der lutherischen Seite anführten. Anlass der Bemühungen war gewesen, dass das württembergische Mömpelgard (heute: Montbéliard) französische reformierte Glaubensflüchtlinge aufgenommen hatte, was in der sich in Württemberg konsolidierenden lutherischen Orthodoxie für Zündstoff sorgte. Wie Grynaeus berichtete, wurde über den Leib Christi, das Abendmahl, die „Götzenbilder“ in den Kirchen, die Taufe und die Prädestination diskutiert. Eine Einigung konnte allerdings nicht erzielt werden.
Das Scheitern des Religionsgesprächs verfestigte die beiden Blöcke an Konfession und Kirchenordnungen im süddeutschen Raum. Der Kirchenhistoriker Johannes Wallmann sprach davon, dass „die Lava der reformatorischen Bewegung zu konfessionell geformten Kirchentümern“ erstarrt sei. Nur Basel stand noch einige Zeit zwischen den Fronten, bis es sich um 1600 der reformierten Richtung anschloss.
HHStAW Abt. 171 Nr. R 1334 a
 

Einleitung
Wittenberger Reformatoren
Lutherische Reformation in den nassauischen Grafschaften
Reformation in Genf
Calvinistische Reformation in Nassau-Dillenburg
Hohe Schule in Herborn
Calvinistische Netzwerke

Kapitelübersicht