Reitunterricht am Gymnasium Weilburg

"Elitäres" Vergnügen oder Notwendigkeit?

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Kassel, Ansicht des Friedrichsplatzes 1840/1850
Zur Illustration zeigen wir einige historische Ansichten und Fotos von Reitern: Ansicht des Friedrichsplatzes in Kassel, 1840/50 (LAGIS, Historische Ortsansichten)

Im Juni 1770 wendete sich Johann Philipp Ostertag, Rektor des Gymnasiums Weilburg, in einem Gesuch an die nassau-saarbrückische Landesregierung: Verschiedene Eltern auswärtiger Schüler hätten darum gebeten, dass ihre Kinder – ausschließlich Söhne – die Möglichkeit zum Reitunterricht erhalten sollten. Ostertag erwähnt insbesondere die schon im Militärdienst stehenden jungen englischen, französischen und holländischen Offiziere, die „allhier die deutsche Sprache, die Geschichte, Mathematick und andere ihrem Stand gemäße Stücke“ erlernen wollten, zu denen bald noch weitere Schüler aus London und der französischen Schweiz hinzukämen (HHStAW Abt. 150 Nr. 4106).

Der Rektor, der den Wunsch der Eltern ausdrücklich unterstützte, fragte an, ob der fürstliche Bereiter Blanck den Unterricht auf der (fürstlichen) Reitbahn und bei schlechtem Wetter in der Reithalle erteilen könnte – gegen eine entsprechende Gebühr. Für 16 Stunden sollten ihm 3 Gulden 12 Albus gezahlt werden, in denen alles enthalten sein sollte.
Es handelte sich dabei schon um das zweite Gesuch des Rektors in dieser Sache. Bereits im September 1769 hatte er sich an die Landesregierung gewendet, die damals das Gesuch an den Fürsten weitergeleitet hatte. Die Entscheidung war jedoch aus unbekannten Gründen verschoben worden (HHStAW Abt. 151 Nr. 375).

Jetzt jedoch gab der Fürst dem Gesuch statt. Allerdings sollte nicht der fürstliche Bereiter, sondern der Sattelknecht Anton Mehl den Unterricht erteilen, und zwar auf einem eigenen Pferd, das er dafür auf eigene Kosten anschaffen sollte. Keinesfalls durfte für den Unterricht eines der herrschaftlichen Pferde verwendet werden. Immerhin aber sollte das Schulpferd freie Fourage und einen kostenfreien Stand im fürstlichen Marstall erhalten.

Wiesbaden-Schierstein, Gaststätte "Zu den drei Kronen"
Gaststätte "Zu den drei Kronen" in Wiesbaden-Schierstein, 1854 (HHStAW Abt. 3008/1 Nr. 34697)

Nachdem der Bedarf am Reitunterricht zwischenzeitlich nachgelassen hatte, gab es 1778 so viele Interessenten, dass selbst zwei Schulpferde nicht ausreichten. Anton Mehl, inzwischen zum Marstallaufseher aufgestiegen, konnte die vielen Schüler gar nicht mehr unterbringen. In einem langen Bericht schilderte der neue Rektor Schellenberg der Regierung das Problem.
Die Regierung schaffte Klarheit: Täglich durfte Mehl nur vier Reitstunden geben. Um einen Lernerfolg zu erzielen, sollte jeder Reitschüler wöchentlich mindestens drei Stunden nehmen. Für diejenigen, „welche nicht allzu ängstlich und auf die ihm gegebene Vorschriften Aufmerksamkeit verwende(n)“, hielt sie vier Monate Unterricht für ausreichend, war sich aber auch bewusst, dass „in entgegengesetzten Fällen aber 8, auch 10 und mehr Monate erforderlich seyen“. Insgesamt konnten wöchentlich also acht verschiedene Schüler Lektionen bekommen.
Die Schüler, die kurz vor dem Verlassen des Gymnasiums standen oder es generell nur für ein halbes Jahr besuchten, sollten bevorzugt Unterricht erhalten, wohingegen diejenigen, die schon mehr als vier Monate Reitunterricht bekommen hatten, erstmal pausieren mussten. Künftig sollten sich alle neuen Schüler, die Reiten lernen wollten, gleich zu Beginn beim Rektor melden.
Wenn die Unterrichtsplätze knapp würden, sollte die Zahl der Stunden für jeden von drei auf zwei verkürzt werden oder das Los entscheiden. Falls das auch nicht ausreichte, sollten die ausländischen (!) Schüler bevorzugt werden, „um sie und deren Eltern nicht auf die Gedanken zu bringen, man verspreche in den öffentlichen Nachrichten vom Gymnasium mehr, als man halten könne oder wolle.“ Zur Abrechnung führte man ein praktisches Billetsystem ein: Jeder Reitschüler konnte bei Rektor Schellenberg für vier Monate Billets, also Reitkarten, erwerben, die er beim Stallaufseher Mehl abgeben sollte.

Reiter auf der Wilhelmstraße in Wiesbaden
Reiter und Reiterin auf der Wilhelmstraße in Wiesbaden, 1934 (HHStAW Abt. 3008/1 Nr. 33874)

Aus dem Jahr 1790 ist eine Instruktion des damaligen Reitlehrers, dem Sattelknecht Georg Philipp Schepp, erhalten. Er durfte nur den Schülern Unterricht erteilen, die eine schriftliche Erlaubnis des Rektors vorweisen konnten. Für jeden Reitschüler waren Unterrichtsblöcke von vier Monaten à 16 Stunden vorgesehen; danach musste er seinen Platz bei Bedarf einem anderen Interessenten überlassen. Das zwölf Jahre zuvor eingeführte bewährte Billetsystem wurde beibehalten. Als Gegenleistung erhielt der Stallknecht – wie schon 1770 – drei Gulden und 24 Kreuzer Sattelgeld für 16 Stunden. Für zwei Ausritte über Land musste ein Schüler drei Billets abgeben, reduzierte sich damit also die möglichen Unterrichtsstunden. Und natürlich war „Beim Ausreiten alles Einkehren und Zechen in den Wirths- und Hofhäußeren untersaget.“
Auch im Jahr 1790 durfte der Sattelknecht keines der herrschaftlichen Pferde verwenden, sondern hatte „sich ein taugliches Pferd auf eigene Kosten anzuschaffen und zu halten“, das jedoch bei freier Kost und Logis im fürstlichen Marstall eingestellt werden konnte. Außerhalb des Unterrichts durfte das Pferd jedoch nur mit schriftlicher Erlaubnis des Rektors an Schüler vermietet werden, wobei (ausstehende) Mietzahlungen nicht auf die Rechnung für den Reitunterricht gesetzt werden durften.

Nach Anton Mehl und Georg Philipp Schepp ist Bereiter Georg Ludwig Valentini als Reitlehrer belegt, der bis 1797 tätig war. Nach seiner Kündigung scheint der Unterricht – wohl auch bedingt durch die Zeitumstände – zum Erliegen gekommen zu sein. Im Jahr 1807 setzte sich Superintendent Georg Christian Theodor Müller für eine Reaktivierung ein. Schon mehrere Schüler hatten sich wegen des im Lehrplan enthaltenen Reitunterrichts an den Stallmeister Ludwig Schuster gewendet, der jedoch „nicht nur mit wichtigern Arbeiten überhäuft, sondern auch durch Schwäglichkeit [Schwächlichkeit] gehindert sey“, den Unterricht abzuhalten. Interessant ist die Begründung, die Müller für die Notwendigkeit des Reitunterrichts am Gymnasium gibt: es sei „schon für jeden Geschäftsmann, der oft gezwungen würde, ein Pferd zu besteigen, zum Vortheil des Dienstes und zur Erhaltung seiner geraden Glieder frühere Anweisung zum sicheren Reiten nothwendig.“ Jetzt waren es nicht mehr die angehenden Offiziere, sondern die künftigen Geschäftsleute, für die der Reitunterricht am Gymnasium als sinnvoll erachtet wurde.

Reiter vor dem Kurhaus in Wiesbaden
Reiter vor dem Kurhaus in Wiesbaden, 1934 (HHStAW Abt. 3008/1 Nr. 33871)

Auch im Herzogtum Nassau gehörte Reitunterricht zum festen Lehrplan der Gymnasien und höheren Lehranstalten – eine Recherche in Arcinsys ergibt einige Treffer (arcinsys.hessen.de). Ein „elitäres“ Vergnügen, wie die Aktentitel vielleicht denken lassen, war damit allerdings nie verbunden. Nicht nur für Militärangehörige und Geschäftsleute, sondern auch für Staatsbeamte und -angestellte, Ärzte und viele weitere gehörte das Reiten zur Berufsausübung. Indem das Gymnasium Weilburg und später auch andere (nassauische) Schulen Reitunterricht anboten, erhielten auch Schüler, die zu Hause keine Möglichkeit dazu hatten, die Gelegenheit, das Reiten zu erlernen.
Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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