Kola-Dultz, Tresso und Sargol

Das zeitlose Geschäft mit dem Leid

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Nachdruck des "Diploms" für das Nahrungsergänzungsmittel "Sargol"
Nachdruck des "Diploms" für das Nahrungsergänzungsmittel "Sargol"

Schon seit jeher haben Krankheiten und Gebrechen und die Suche nach Heilung alle Arten von Schwindlern angezogen, die mit fragwürdigen Mitteln den Leidenden Abhilfe versprachen. Während des Ersten Weltkriegs hatten die dem Reklameschwindel zugerechneten Betrügereien solche Ausmaße angenommen, dass die Frankfurter Polizei eine eigene Akte für den Bereich „Heilmittel und Rezepte“ anlegen musste (HHStAW Abt. 407 Nr. 296). Sie gibt interessante Einblicke in das Geschäft mit dem Leid, das in vielen Fällen merkwürdig vertraut wirkt. Insbesondere unheilbar Kranke, aber auch Personen mit diffusen Krankheitsbildern oder auch beeinträchtigenden Schönheitsfehlern und peinlichen oder tabuisierten Leiden wurden von den vermeintlichen Heilmitteln angesprochen.

Werbebroschüre für "Kola-Dultz" (außen)
Das aufgedruckte Siegel sollte Vertrauen erwecken: Angebliche Urteile von Ärzten und Sachverständigen über Kola-Dultz

„Kola-Dultz hilft, wo alles versagt hat“ – so lautete einer der Werbesprüche, mit denen die Kola-Dultz-Tabletten angepriesen wurden. Sie sollten ferner „Kraft und blühendes Aussehen“ bringen, „Arbeitslust und Ausdauer“, den Magen stärken, Nervenzuckungen und Kopfschmerzen beseitigen und vieles mehr. Mit kleinen Broschüren und fingierten Leserbriefen sollten Leidende von der Wirksamkeit des „Kola-Dultz“ überzeugt werden. Da bat angeblich „Baron von R“ aus dem Hotel Suisse in Nizza um die Zusendung von 200 weiteren Kola-Dultz-Tabletten, „Frz. K.“ auf Schloss Pilsing bei Burghausen lobte die Wirkung, der Steuererheber „A.A.“ hatte angeblich das perfekte Magenmittel gefunden und so weiter. Ein als besiegelte Urkunde aufgemachtes Bändchen enthielt „Urteile von Aerzten und Sachverständigen“.

Werbebroschüre für "Kola-Dultz" (innen)
Die Gewährsleute für die Wirksamkeit von "Kola-Dultz": Dr. med. A.B., Frauenarzt in St.; Sanitätsrat Dr. G. in E., Dr. med. A.B., praktischer Arzt in A. und andere

Wer von „Kola-Dultz“ nicht überzeugt war, erhielt von dem (angeblichen) Vertreiber Max Dultz einen maschinengeschriebenen Brief, der in drastischen Worten zum weiteren Bezug aufforderte: „…Sie sollten ernstlich bedenken, dass es kein Mittel gibt, von dem Sie auch nur annähernd denselben Nutzen erwarten könnten, wie von Kola-Dultz. (…) Sie begehen daher ein grosses Unrecht gegen sich und Ihre Angehörigen, wenn Sie Kola-Dultz nicht zur Kräftigung Ihrer Nerven benützen. Ich schreibe Ihnen deshalb dieses Zeilen, damit Sie nochmals daran denken mögen und nicht leichtsinnig glauben, es ginge auch so. …“ Anschließend folgte ein Angebot zum Bezug von 100 Kola-Dultz-Tabletten zu 5 Mark, denen „ausnahmsweise“ weitere 100 Tabletten für nur 4 Mark folgen sollten.

Werbung für "Tadellos" und "Brillant" - Creme für die weibliche Büste
Werbung für "Tadellos" und "Brillant", eine Creme für die weibliche Büste

Für eine „herrliche, edelgeformte Büste und rosig-weiße Haut“ sollte die Creme „Tadellos“ sorgen, die „Frau A. Nebelsiek aus Braunschweig“ vertrieb. Mit einer nahezu identischen Anzeige warb der ebenfalls in Braunschweig ansässige „Dr. med. Ernst Geyer & Co“ für „Brillant“. Wie ein Gutachten der Braunschweiger Polizei ergab, bestand die polizeiintern als „Busencreme“ bezeichnete Mixtur aus Wasser, Glycerin, Reisstärkepulver und alkoholfreiem Parfüm – an sich ungefährlich, aber völlig überteuert. Die angebliche Wirkung der Creme wurde hauptsächlich durch die Massage beim Auftragen erzeugt.

Als besonders mildtätig präsentierte sich die (angebliche) Firma „Sanalak Limited“ aus London, die das Haarwuchsmittel „Tresso“ vertrieb, das nicht nur Haarausfall beseitigte, sondern auch ergrautem Haar innerhalb von „drei bis vier Wochen“ wieder zu seiner ursprünglichen Farbe verhalf und Schorf, Kopfhautjucken und anderes beseitigte. „Leute, die Tresso gebraucht haben“, hieß es in der Werbeschrift, „raten uns, irgend einen Preis zwischen 20 und 50 Mark für eine sechswöchige Behandlung zu machen. Obwohl wir wissen, dass Hunderte gern diesen Preis zahlen würden, so sind doch Tausende da, denen es unmöglich sein würde, die Früchte dieses wunderbaren Erzeugnisses zu ernten. Wir haben uns daher entschlossen, nicht 50 Mark und auch nicht 20 Mark zu verlangen, sondern haben vorläufig den Preis für einen sechswöchigen Vorrat auf 10 Mark festgesetzt“. Man musste aber schnell bestellen, da die große Nachfrage die Produktion fast übertraf. Der Frankfurter Polizei war dieses Mittel so suspekt, dass sie auch hier eine Untersuchung anordnete. „Tresso“ bestand aus einer kräftig parfümierten Salbe, die hauptsächlich aus unverseifbarem und verseifbarem Fett zusammengerührt war. Wirksame Bestandteile waren nicht nachzuweisen.

Werbung für das Nahrungsergänzungsmittel "Sargol"
Biblische Ankläge: "Nimm und lies und richte" - über Sargol, ein Nahrungsergänzungsmittel zur Gewichtszunahme

Das Wundermittel „Sargol“, das von der „Société Sargol“ in Paris vertrieben wurde, versprach eine gesunde Gewichtszunahme – das Schönheitsideal des frühen 20. Jahrhunderts forderte wohlgerundete Frauen- und Männerkörper. Mit angeblichen Auszeichnungen, Zertifikaten und Garantiescheinen, die den Interessenten und Interessentinnen zugesendet wurden, sollte der Firma bzw. dem Mittel Seriosität verliehen werden. Weitaus drastischer waren die Schilderungen im Werbeblatt: „Was ist abscheulicher anzusehen als eine dürre, knochige Person in ausgeschnittenem Ballkleid und nachten (sic) Armen? Auf jedem Balle trifft man deren hunderte, die die Heiterkeit der übrigen Anwesenden erregen. Es bedarf keiner Frage, dass sie als „Mauerblümchen“ die Wände zieren, mitleiderregend in ihrer knochigen Nacktheit“. Auch magere Männer wurden entsprechend abgewertet. Tatsächlich aber bestanden die Sargol-Tabletten nur aus Zucker, Kakao, Eiweiß und etwas Salz.

Werbung für das Potenzmittel "Gingos"
Männerschwäche und Mannesunglück: Werbung für das Potenzmittel "Gingos"

Gegen „Männerschwäche“ oder „Mannes-Unglück“, also Potenz- und Erektionsstörungen, sollte „Gingos“ wirken. Der exotische Namen, eine phantasievolle Neukreation aus Ginseng und Gingko, war mit Bedacht gewählt: Angeblich stammte das Mittel aus China und wurde dort „erfolgreich zur ausgiebigen Betätigung und Stärkung des geschlechtlichen Genusses“ angewendet. Als prominenter Fürsprecher fungierte ein „Universitäts-Professor Dr. med. Hajos“, der angeblich außerordentlicher Medizinalrat, Dozent der Nervenheilkunde an der Universität Budapest, dirigierender Arzt der Charité, Landessanitätsrat, ärztlicher Berater der ungarischen Staatsbahn und anderes mehr war; den Vertrieb übernahm ein eigenes Versandgeschäft mit Sitz in Berlin. Schon zwei Jahre bevor die Frankfurter Polizei auf „Gingos“ aufmerksam wurde, hatte sich ein Artikel in der „Ärztlichen Rundschau“ (Nr. 37, XXII. Jahrgang, 1912) dem Präparat gewidmet. Die Tabletten bestanden hauptsächlich aus Zucker und Weizenmehl und enthielten einen Kern aus „Lecitin, Yohimberindenpulver und Süßholzpulver“ sowie Spuren von anderem. Ginseng, aus dem das Mittel angeblich „ohne Beimengung anderer Stoffe“ bestand, konnte nicht nachgewiesen werden.

Gleich ob es sich um Schönheitsmittel handelte – altes Rezept (Nachdruck verboten!) aus einem Frauenkloster, in dem die berühmte Tänzerin Barberina die zweite Hälfte ihres Lebens verbracht hatte –, um Ohrenstäbchen gegen Tinnitus und Schwerhörigkeit, Mittel gegen das Bettnässen oder eine Papiermaske gegen Schlaflosigkeit – die Polizeibehörden kamen mit den Ermittlungen kaum hinterher. Unterstützung erhielten sie von der „Zentralstelle zur Bekämpfung der Schwindelfirmen“, die sich reichsweit dem Problem annahm, Materialien sammelte und Gutachten in Auftrag gab (Nachfolger: Deutscher Schutzverband gegen Wirtschaftskriminalität; externer Link). In den meisten Fällen war der Betrug zwar offensichtlich, jedoch gab es nur selten die Möglichkeit zum polizeilichen bzw. richterlichen Eingreifen: Solange die verkauften Mittel nicht als zulassungs- oder apothekenpflichtige Medikamente verkauft wurden, solange der Inhalt unschädlich war und lediglich überteuert verkauft wurde, solange blieben der Polizei und der Zentralstelle nichts anderes übrig, als mit Zeitungsinseraten vor dem Bezug der vermeintlichen Heilmittel zu warnen. Wie viele Leidende von den Betrugsfirmen getäuscht wurden und welche Vermögen sie für unwirksame Mittel ausgaben, ist leider nicht überliefert.
Dorothee A.E. Sattler, Wiesbaden

Warnung vor dem Betrüger Ludwig Warnecke und seinem Sprechapparat
Warnung vor dem Betrüger Ludwig Warnecke und seinem Sprechapparat.

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