Nassauische Architekturgeschichte

Retrokonversions eines Findbuchs zu Plänen von Christian und Eduard Zais

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Entwürfe des Erbprinzenpalais in Wiesbaden: Ansichten zweier verschiedener Fassaden
Entwürfe des Erbprinzenpalais in Wiesbaden von Christian Zais: Ansichten zweier verschiedener Fassaden (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 5610V)

Archive werden gerne als „Schatzkammern der Geschichte“ bezeichnet, und tatsächlich schlummern in ihnen noch zahlreiche ungehobene „Schätze“: unbekannte oder vergessene Quellen, die neue Forschungsfelder erschließen oder überkommene Lehrmeinungen revidieren könnten, seien es nun mittelalterliche Urkunden, frühneuzeitliche Rechnungsbände, Verwaltungsakten des 18. Jahrhunderts oder akribisch in einem Nachlass zusammengetragene Dokumente der Zeitgeschichte. Sie alle warten darauf, von interessierten Forscherinnen und Forschern endlich gehoben zu werden.
Und wie bei einer echten Schatzsuche benötigen die Forscher eine Schatzkarte – die archivische Erschließung. Angaben zu Titel und Entstehungszeit und zum Aufbewahrungsort sind zwingend erforderlich, um die Quellen überhaupt wiederfinden und historisch auswerten zu können. Schon seit jeher haben sich die Archivare darum bemüht, möglichst aussagekräftige Findmittel zu erstellen. Auch wenn einige davon nicht mehr den heutigen Verzeichnungsrichtlinien entsprechen und vor allem nicht den Anforderungen moderner Datenbanken entsprechen, bergen sie oftmals doch eine Fülle von Informationen, die nicht nur für die Archivalien selbst, sondern auch für die Geschichte der abgebenden Stelle interessant sein können.

Entwurf einer Kirche mit 2 Türmen
Entwurf einer Kirche mit 2 Türmen von Eduard Zais (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 5685 H)

Heutige Archivarinnen und Archivare stehen daher oft vor dem Problem, wie man mit den alten Findmitteln umgehen sollte. Die Archivalien neu zu verzeichnen, ist aus Zeit- und Kapazitätsgründen unmöglich. Die Findmittel einfach abzuschreiben, die sog. Retrokonversion, ist hingegen leicht machbar, birgt aber auch gewisse Probleme: Veraltete oder anstößige Begriffe werden unkommentiert übernommen oder sprachlich unschöne Formulierungen beibehalten, so dass künftige Datenbankanfragen erfolglos bleiben. Überlieferungszusammenhänge, die in der handschriftlichen oder gedruckten Findbuchversion etwa durch Kapitelgliederungen erkennbar sind, gehen bei der Übertragung in die Datenbank verloren, und später hinzugefügte Korrekturen bleiben vielfach gänzlich unberücksichtigt.
Sofern möglich, werden daher Findbücher bei der Retrokonversion leicht überarbeitet und die Erschließung an die heutigen Gepflogenheiten angepasst. Ein solche Arbeit haben im vergangenen Monat die Praktikanten des Hessischen Hauptstaatsarchivs durchgeführt.

Entwurf für ein Wandelement von Eduard Zais
Entwurf für ein Wandelement von Eduard Zais (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 5724 H)

Schon seit mehreren Jahrzehnten lagert in der Allgemeinen Kartenabteilung des Hessischen Hauptstaatsarchivs ein Konvolut von Architekturplänen der Architekten Christian und Eduard Zais.
Christian Zais (1770–1820) war maßgeblich für die städtebauliche Entwicklung Wiesbadens verantwortlich, der den Aufstieg der ehemals bescheidenen Landstadt zu einer Weltkurstadt begünstigte: Auf Weisung von Herzog Wilhelm von Nassau und gegen den teils erbitterten Widerstand der Bevölkerung schuf er das bekannte Kurviertel mit separaten Kuranlagen und umschloss die Stadt mit einem umgebenden Straßenring, der durch die boulevardartige, baumbestandene Anlage eine neue Weite schaffte und zugleich den mittelalterlichen Stadtkern, das sog. Historische Fünfeck, mit seiner eher bescheiden-schäbigen Bebauung verbarg. Die Ablehnung der Wiesbadener beruhte nicht nur auf der Furcht vor Neuerungen, sondern auch auf der Missachtung bestehender Rechte von Stadt und Grundstücksbesitzern, die bei der Stadtentwicklung übergangen wurden.
Dass Zais das von der Ständesammlung abgelehnte Projekt eines gewaltigen Badehauses an der neuen Prachtstraße (Wilhelmstraße) dann selbst zusammen mit seinem Bruder realisierte und als „Hotel Vier Jahreszeiten“ betrieb – und sich direkt daneben noch eine große Stadtville errichtete –, war seinem Ansehen noch weiter abträglich. Das prachtvolle Hotel, geführt von Zais‘ Ehefrau Maria Sybilla Josepha Zais und ihrem Sohn Wilhelm Zais, war mit seinen 140 Zimmern auch für heutige Maßstäbe groß dimensioniert; auf jeden Fall aber ein Publikumsmagnet, gegen den die traditionellen Badehäuser nicht ankamen. Es dürfte den Wiesbadener Wirten eine Genugtuung gewesen sein, dass sich die Familie Zais mit dem Hotelbau hoffnungslos übernommen hatte. Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Auch Zais‘ Sohn Eduard (1804–1896) war als Architekt tätig. In seiner Funktion als Landesbaumeister bzw. Baurat im Bezirk Wiesbaden bzw. Nasssau oblag ihm die Überwachung von Hochbauprojekten. Sein eigentlicher Schwerpunkt war jedoch der Bau von Kirchen.

Entwurf von zwei Bürgerhäusern von Eduard Zais
Schattenstudie: Entwurf von zwei Bürgerhäusern von Eduard Zais (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 5694 H)

Die Pläne des erwähnten Konvoluts hatten bis zum Zweiten Weltkrieg in der Villa Zais gelegen, waren aber während des Krieges ins Städtische Hochbauamt verbracht worden. Trotz verschiedener Standortwechsel hatte die Behörde die Pläne stets treulich aufbewahrt, bis sie im Jahr 1977 – mit Einverständnis des Erbes und Eigentümers der Pläne – an das Hessische Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden abgegeben wurden. Sie wurden in die Allgemeine Kartenabteilung (Abt. 3011/1) eingegliedert und schon bald von einem Mitarbeiter detailliert verzeichnet. Das Konvolut beinhaltet u.a. Pläne und Entwürfe zum Erbprinzenpalais in Wiesbaden, dem besagten Hotel Vier Jahreszeiten, dem nicht realisierten Badehaus, dem Nassauer Hof, dem Hotel und Badehaus „Zum Adler“ und verschiedenen anderen Häusern und Plätzen, teilweise auch außerhalb von Wiesbaden, sowie technischen Bauwerken. Auffällig ist die hohe Anzahl von Entwürfen von Kurhäusern, Hotels, Villen und Kirchen, bei denen es sich oftmals um Architekturstudien handelt.

Während ihres Praktikums haben nun Frau Janina Wiegand und die Herren Andreas Diehl, Jan Pilgram und Robert Steiner das Findbuch in leicht überarbeiteter Form in das Archivinformationssystem Arcinsys eingegeben. Hierbei wurden zusammengehörige Pläne zu Serien zusammengefasst, Abkürzungen aufgelöst und Titel datenbankkonform umformuliert.
Die Verzeichnungen wurden in Abt. 3011/1 eingegliedert (Pläne von Christian und Eduard Zais sowie einzelne Pläne bei Wiesbaden, Weilburg und Bad Ems, Nr. 5600 H bis 5736 V). Die Pläne können auch über eine Suche nach Christian bzw. Eduard Zais gefunden werden. Vor allem für die Architekturgeschichte von Wiesbaden und dem Kirchenbau im 19. Jahrhundert sind sie bestimmt von großem Interesse.
Dorothee A.E. Sattler, Wiesbaden

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