Vor 60 Jahren: Wiener Oper eröffnet hessischen Regionalsender

"Der Rosenkavalier" in Wiesbaden

2 Schwarzkopf.png

Elisabeth Schwarzkopf als Marschallin im "Rosenkavalier"
Elisabeth Schwarzkopf als Marschallin im "Rosenkavalier"

Die diesjährigen Internationalen Maifestspiele in Wiesbaden – die 125. seit Gründung – werden pandemiebedingt leider nicht stattfinden können. Deshalb möchten wir in diesem Newsletter zumindest an ein Highlight der Festspiele erinnern, das genau vor sechzig Jahren – am 1. und 3. Mai 1961 stattfand: die Aufführung des „Rosenkavalier“ von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal in der – heute – fast sagenumwobenen Besetzung Elisabeth Schwarzkopf (Marschallin), Otto Edelmann (Baron Ochs), Christa Ludwig (Oktavian) und Wilma Lippe (Sophie) unter der Leitung des Wiesbadener Generalmusikdirektors Heinz Wallberg. Übertragung wurde die Vorstellung live vom Hessischen Rundfunk, der damit als „erste Rundfunkanstalt des europäischen Festlands“ ein zweites Fernsehprogramm ausstrahlte. Das Theaterprogramm gab den festlichen Rahmen für dieses große Medienereignis, und die Kameras im Staatstheater förderten den Eventcharakter der Aufführung noch zusätzlich.

Dabei war es nicht die erste prominent besetzte Rosenkavalier-Aufführung in Wiesbaden in jener Zeit. 1953 hatte die Wiener Staatsoper sogar komplett – mit dem Orchester unter Karl Böhm – in Wiesbaden gastiert, mit der nicht weniger legendären Besetzung Maria Reining (Marschall), Ludwig Weber (Baron Ochs), Sena Jurinac (Oktavian) und Lisa della Casa (Sophie). Der Applaus hat seinerzeit nicht enden wollen, wie die Zeitungen schrieben.

Honorarvereinbarung mit Christa Ludwig für die Rolle des "Oktavian" im Rosenkavalier
Honorarvereinbarung mit Christa Ludwig für die Rolle des "Oktavian" im Rosenkavalier

Die Aufführung des Jahres 1961 aber sollte die Aufmerksamkeit des Publikums noch weit mehr auf sich ziehen, zumal die Wiener Gastspiele traditionell besondere Publikumsmagnete waren. Die Kraftanstrengungen des Theaters, dieses Event zu ermöglichen, waren nicht gering gewesen, obwohl 1961 nicht die komplette Wiener Staatsoper in Wiesbaden gastierte, sondern die Wiesbadener Hausproduktion nur durch Stars aus Wien ergänzt wurde.
Elisabeth Schwarzkopf pokerte hoch, als man sie davon in Kenntnis setzte, dass die Aufführung im Fernsehen übertragen werden sollte. Während alle Wiesbadener Darsteller 20 % des Honorars als Zusatz erhielten, bot man den Wienern 50 % an. Doch die Schwarzkopf wollte das Doppelte. Das Fernsehen sollte ihrer Meinung nach ebenso viel bezahlen wie das Theater. Wilma Lipp zeigte sich mit der Gage nicht zufrieden und handelte 500 DM mehr heraus als vorgesehen – schließlich sei das eine Prestigeangelegenheit. Darüber hinaus wollten sie und – die vor wenigen Tagen mit 93 Jahren verstorbene – Christa Ludwig auch im eigenen Kostüm auftreten, nicht im Wiesbadener Modell. Die Akte (HHStAW Abt. 428 Nr. 10254) im Hessischen Hauptstaatsarchiv ist voll von solchen Rechnungen und Sonderwünschen. Aber dann wurde alles gut, und die Vorstellung konnte erfolgreich über die Bühne gehen.

Szenenbild aus dem Rosenkavalier
Szenenbild aus dem "Rosenkavalier"

Die Presseberichte aber zeigten sich eher gemischt im Urteil. Die „Frankfurter Neue Presse“ war des Lobes voll, verglich den Gesang der Elisabeth Schwarzkopf mit duftenden Veilchen und strich die „wienerische Helligkeit ihrer Diktion“ heraus. Auch glaubte sie, dass das Stück nur in einem opulenten Rangtheater in Rot, Gold und Elfenbein wie Wiesbaden gut aufgehoben sei. Die „Frankfurter Rundschau“ hingegen empfand die „tragisch-theatralischen Exaltationen“ der Schwarzkopf nicht wie das in der Rolle angelegte Abschiednehmen von der Jugend, sondern wie eine permanente Migräne, und der Baron Ochs war dem Kritiker zu derb. Auch die „Abendpost“ ging in ihrer Kritik in diese Richtung, bemängelte aber noch, dass man weder Wilma Lipp noch Elisabeth Schwarzkopf ihren Rollen abnehme. Nur Christa Ludwig schien über jeden Zweifel erhaben. Grundsätzlich scheinen sich die Wiener Gäste auch kaum in die Wiesbadener Regie des Stückes eingegliedert zu haben.
Da der Mitschnitt im Archiv des Hessischen Rundfunks noch vorhanden sein dürfte, könnte die Einschätzung der Presse heute noch überprüft werden. Im März 1961 war – im Gegensatz zur Presse – der Jubel des Publikums zumindest „überschwänglich“, wie es hieß.
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

Hessen-Suche