Schafhut auf den Wiesen im Frühjahr

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Schäfer Gröf mit Enkel und Schafherde bei Bicken, um 1900 (HHStAW Abt. 1267 Nr. 50028)
Seit Jahrhunderten fast unverändert: Schafhut. Zur Illustration zeigen wir ein Glasplatten-Foto aus dem Nachlass Groos. Zu sehen sind Schäfer Gröf mit seinem Enkel, Hund und Schafherde bei Bicken, um 1900 (HHStAW Abt. 1267 Nr. 50028)

Pünktlich zum Frühlingsbeginn im März lohnt es sich, in die Akten zu schauen, die das Frühjahr in den Fokus rücken. Aus den zahlreichen Akten, die sich mit dem Thema beschäftigen, werfen wir einen kleinen Blick in die Akte der Hanauer Rentkammer Anfang des 19. Jahrhunderts (HStAM Abt. 86 Nr. 2940). In dieser wurde ausführlich der Frage nachgegangen, wie lange die Schafe im Frühjahr auf den Wiesen gehütete werden durften.

Während der Beginn der Schaf- und Rinderhute recht klar war, nämlich vom Michaelistag des Vorjahres und dann witterungsabhängig, ebenso die Tatsache, dass die Rinder nicht so lange auf den Wiesen bleiben durften, da sie durch ihr Gewicht den Boden verdichteten, war das Ende der Schafhute im Frühjahr unklar. Der Rentmeister in Windecken hatte im Januar 1818 zur Klärung der Frage „mit denkenden Landwirthen Rücksprache genommen, auch die Herrschaftliche Schultheißen darüber vernommen“, aber kein eindeutiges Ergebnis erhalten. Auch in der Folgezeit kristallisierte sich schnell heraus, worum es ging: Endete die Schafhute am 1. oder am 15. April?

Akte über die Schafhut auf den Wiesen im Frühjahr (Ausschnitt)
"...soviel aber 4. Wießen, Klauern und Krautgärten betrifft, soll und darff der Schäffer selbige ehender und länger nicht, alß der bisherigen Observanz nach von Martini, bis den 16. April betreiben..." (HStAM Best. 86 Nr. 2940)

Dies hing vom Vegetationsstand auf den Wiesen ab. Denn: Handelte es sich um ein „zeitiges Frühjahr“, in dem das Gras schon früh zu sprießen begann, durften die Schafe nicht mehr auf die Wiesen, damit sie die Sprösslinge nicht abfraßen und somit die erste Heuernte gefährdet war. Die Schafherden mussten dann auf das Brachfeld ausweichen, damit sie ausreichend Nahrung fanden. Hier war für Marköbel eine Verordnung aus der Mitte des 18. Jahrhunderts relevant, die in der Diskussion gut sechzig Jahre später zur Anwendung kam. Neben der Festlegung, welche Wiesen und Grasflächen für die Schafherden noch zu nutzen waren, wurden unter Punkt 7 genau bestimmt, wie mit dem Brachfeldumzugehen war: Es wurde dreigeteilt. Der erst Teil wurde den Untertanen zur Verfügung gestellt, die nach Gutdünken Tabak, Flachs, Rüben, Kraut, Kartoffeln Zwiebeln und dergleichen anbauen durften. Diesen durfte der Schäfer unter Androhung von Strafe nicht behüten. Der zweite Teil durfte zwar mit Tabak und Rüben bestellt werden, aber nicht das ganze Feld, das auch für die Schafe frei zugänglich war.Der dritte Teil sollte brach liegen, aber ebenfalls für die Schafe nutzbar sein.

So zeigt sich hier die historische Kombination von Ackerbau und Viehzucht im hessischen Raum, der seit dem Mittelalter ein renommierter Produzent von Wolle und Tuchen war. Dies brachte nicht nur den verschiedenen hessischen Städten Einnahmen, sondern wurde lange Zeit auch landesherrlich durch Schäfer betrieben. Noch heute ist Hessen ein schafreiches Bundesland. Die hier präsentierte Akte zeigt aber zum einen, dass die Forschung zu diesem wirtschaftshistorisch spannenden Komplex noch nicht abgeschlossen ist. Zum anderen zeigt sich hier die durchaus nachhaltige Herangehensweise in der Landwirtschaft, die heute eine Aktualität erfährt, mit der man im 19. Jahrhundert sicher nicht gerechnet hätte.
Eva Bender, Marburg

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