Ein Museumsbesuch zum Jahreswechsel

Bericht eines Gesandten aus der kaiserlichen Schatzkammer 1697

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Kolorierte Zeichnung der Reichskleinodien aus dem Jahr 1755
Die Reichskleinodien im Jahr 1755. Der Gesandte hatte bei seinem Besuch nur eine Replik der Krone gesehen, dafür aber zahlreiche andere Schätze. (Wikimedia Commons)

Museumsbesuche über die Feiertage und zwischen den Jahren gehören zum Standardprogramm. Vor nunmehr fast genau 324 Jahren besuchte der Mailänder Gesandte Johann Georg Martini von Martinsberg während seines Wien-Aufenthaltes auch die kaiserliche Schatzkammer, die sich damals im Augustinerkloster direkt bei der Hofburg befand, und verfasste darüber einen Bericht. Dieser Bericht, der für den Gouverneur von Mailand gedacht war, gelangte schließlich über die Witwe des Gesandten in den Besitz ihres zweiten Ehemanns, des kaiserlichen Feldzeugmeisters Johann Hieronymus zum Jungen. Nach dessen Tod wiederum ging der Nachlass an dessen Frankfurter Verwandtschaft über und kam schließlich in das Staatsarchiv Darmstadt (HStAD Best. E 12 Nr. 192/22). So befindet sich heute die ausführliche Beschreibung eines Wiener Museumsbesuchs, die für einen Mailänder Auftraggeber gedacht war, in einem hessischen Archiv, wo sie sicherlich niemand erwarten würde.

Der Besuch der Schatzkammer gehörte zum Pflichtprogramm für Wiener Gesandte. So berichtete u.a. auch der hessen-darmstädtische Gesandte Persius von Lonsdorf am 17. Juni 1695 von einem solchen Besuch (HStAD Best. E 1 M Nr. 63/2). Die Ausführlichkeit aber, mit der sich Martini von Martinsberg seinem Besuch widmet, ist nicht alltäglich und macht den Bericht besonders wertvoll.

Eine Seite aus dem Bericht des Gesandten Martini von Martinsberg über seinen Besuch in der Schatzkammer (HStAD Best. E 12 Nr. 192/22)
Eine Seite aus dem Bericht des Gesandten Martini von Martinsberg über seinen Besuch in der Schatzkammer (HStAD Best. E 12 Nr. 192/22)

Am 30. Dezember 1697 frühmorgens suchte der Gesandte die Schatzkammer auf und beschrieb anschließend die Raritäten und Kleinodien, die er dort zu Gesicht bekommen hatte und die bis heute zu einem großen Teil in der Wiener Schatzkammer zu bewundern sind. Darunter befindet sich natürlich auch die Achatschale, die zu den unveräußerlichen Erbstücken des Hauses Habsburgs zählte und als Gralsschale galt, weil man in der Maßerung das Wort „KRISTO“ zu erkennen glaubte.

Achatschale aus der Weltlichen Schatzkammer in Wien
Achatschale aus der Weltlichen Schatzkammer in Wien

„Ingleichen befindet sich daselbst die Kayßerscron mit der Welt und Scepter, so die Hauß Cron gennennt wird, und selbige allein 15 Pfund wiegt, alles von purem Goldt“. Hierbei handelte es sich um die Privatkrone Kaiser Rudolfs II., die ab 1804 als österreichische Kaiserkrone diente. „Item eine Crone, so man die Reichscron nennet, und derselben gantz gleich, so man zu Nürnberg aufbehält, aber doch reicher als selbige seyn solle.“ Damit ist tatsächlich nicht die heute in der Schatzkammer zu bewundernde Krone des Heiligen Römischen Reiches gemeint, die sich zu jener Zeit noch in Nürnberg befand und erst während der Koalitionskriege 1796 nach Wien gelangte, wo sie – mit einer Unterbrechung während der NS-Zeit von 1938 bis 1945 – bis heute aufbewahrt wird. Bei dem Wiener Stück des Jahres 1697 handelte es sich um die von Kaiser Ferdinand II. angefertigte Kopie, die seit dem 17. Jahrhundert als Vortragskrone Verwendung fand bzw. als Krone des Römischen Königs in Gegenwart des Kaisers.

Privatkrone Rudolfs II.
Die sah der Gesandte "in echt": Die Rudolfskrone oder auch Österreichische Kaiserkrone, die Privatkrone Kaiser Rudolfs II. (Wikipedia)

Neben weiteren Kronen geht Martini von Martinsberg schließlich auf Waffen, Pferdezeug und Medaillen ein. Darunter befinden sich dann auch zahlreiche Kuriositäten wie eine Medaille, die ehemals aus Blei bestand, aber durch ein Pulver in reines Gold verwandelt worden war, oder ein „goldenes Blöcklein“, worin sein Vorbesitzer, der Abenteurer Hieronymus Scotus, „alles, was in der Welt passiert, hat sehen können“. Es folgen Beschreibungen wertvoller Brettspiele, von Elfenbeinarbeiten sowie von Gemälden und sakralen Gegenständen. „Ingleichen hat man gezeiget ein Crucifix, so der Catholischen Vorgeben nach, Ferdinando 2do geantworttet und abgerathen haben soll, denen Reformirten die freye Glaubensbekanntnuß nicht zu unterschreiben, gleiche Sie darauf gedrungen et cetera.“ Es handelte sich hierbei um das Sterbekreuz Ferdinands II., das ihm zugeraten haben soll, die Protestanten nicht zu schonen.
Die mehrseitige Beschreibung der Eindrücke, die der Gesandte während seines Besuchs in der Schatzkammer erhielt, ist ein wichtiges Zeugnis für die Sammlungsgeschichte, die Sammlungspräsentation und ihrer Rezeption. Gerade Gesandtschaftsberichte der Frühen Neuzeit, je nach Mitteilungsfreude des Diplomaten, für solche Fragestellungen häufig eine Fundgrube.
Rouven Pons, Darmstadt

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