Schaumwein für die schwedische Nachtigall

Eine ganze besondere Gabe für die Sopranistin Jenny Lind

Most.png

Flaschenetikett "Süßer Most" zur Erinnerung an einen Auftritt von Jenny Lind
Etikett "Süsser Most 1846 von Oppenheim am Rhein" zur Erinnerung an einen Auftritt von Jenny Lind (HStAD Best. O 22 Nr. 49)

Die seinerzeit enthusiastisch gefeierte schwedische Koloratursopranistin Jenny Lind (1820–1887), die als „schwedische Nachtigall“ in die Geschichte des Gesangs eingegangen ist, gastierte 1845 und 1846 u.a. als Norma, Lucia von Lammermoor, Nachtwandlerin und Regimentstochter in Darmstadt. Eine recht umfangreiche Korrespondenz des Oberfinanzrats Alexander Freiherr von Dalwigk mit der Sängerin ist im Familienarchiv der Dalwigks im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt (HStAD Best. O 22 Nr. 49) überliefert. Von Jenny Lind selbst sind neun eigenhändige Briefe erhalten. Darin schreibt sie u.a. „...dass es mir nirgends so gut gefallen hat wie in Darmstadt und daß mir nirgends so viele zarte Aufmerksamkeiten zu Theil geworden wie dort.“

Jenny Lind im Opernkostüm der "Regimentstochter"
Jenny Lind im Opernkostüm der "Regimentstochter" von Gaetano Donizetti, um 1840 (HStAD Best. R 4 Nr. 38576 GF)

Auch die Presse zeigte sich begeistert: „Fräulein Jenny Lind ist [...] gestern Abend auf dem Großherzoglichen Hoftheater zum erstenmale als Norma aufgetreten. Der Erfolg war auch hier der glänzendste. [...] Ihr Gesang die vollendetste Kunstfertigkeit, voll der bezauberndsten Anmuth und oft zu Thränen rührend. Ihr Spiel plastisch – jede Stellung, jede Bewegung malerisch und voll Grazie.“ (18. September 1845).

Theaterzettel für "Die Nachtwandlerin", Karlsruhe 1846
Theaterzettel für "Die Nachtwandlerin", erstes Gastspiel von Jenny Lind in Karlsruhe, 1846 (HStAD Best. O 22 Nr. 49)


Doch die Akte besticht nicht nur durch Autographen und theaterhistorische Dokumente wie Theaterzettel aus Darmstadt, Karlsruhe, Berlin, Mannheim und Frankfurt, sondern auch durch verschiedene Devotionalien. Getrocknete Blumen finden sich darunter, aber eben auch zwei Flaschenetiketten des Darmstädter Buchdruckers Bekker aus Darmstadt. Das eine Etikett ist betitelt: „Süsser Most 1846 von Oppenheim am Rhein, wo der grosse Schweden-König Gustav Adolph 1631 über den Rhein setzte und eine Denksäule am jenseitigen Ufer bei Erfelden den Uebergang verewigt. Für die liebenswürdige Erscheinung aus Schweden Jenny Lind, das bezaubernde Landmädchen Amina, zur Erinnerung an Darmstadt und die Rheingegend im Oktober 1846“ – Bezug genommen wurde hier auf ihre Rolle in Bellinis Oper „Die Nachtwandlerin“.

Etikett für Champagner für Jenny Lind
Etikett für "Schäumender Oppenheimer, Jenny-Lind-Champagner. Johann Jakob Dieterich in Oppenheim" (HStAD Best. O 22 Nr. 49)

Das zweite Etikett hat sich vom Most zum Champagner verbessert. Es handelt sich um die optimierte Fassung des Erstentwurfs: „Schäumender Oppenheimer, Jenny-Lind-Champagner. Johann Jakob Dieterich in Oppenheim“. Diese Etikette waren für ein Geschenk hergestellt worden, das Dalwigk der Sängerin zu überreichen oder nachzusenden wünschte. Und da Bekker sich, wie er schrieb, bei Dalwigk beliebt machen wollte, tat er sein Bestes, um dessen Wünschen zu entsprechen. Denn, wie er an die Sängerin selbst schrieb, ihm waren als Hofbuchdruckerei die Dekorationen des Hoftheaters entzogen worden und er hoffte, diese möglichst bald wiederzuerlangen. Dabei konnten sowohl die schwedische Nachtigall als auch der Finanzrat sehr von Nutzen sein.
Barbara Tuczek / Rouven Pons, Darmstadt

Hessen-Suche