Eine Modezeichnung wird lebendig

Präsentation „Schillertaft und Samt“ am 23. März 2022 im Staatsarchiv Marburg

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Rekonstruktion des Brautjungfern-Kleides aus dem Jahr 1565 von Karin Pfunder
Rekonstruktion des Brautjungfern-Kleides aus dem Jahr 1565 von Karin Pfunder

Eine Zeichnung, eine Stoffprobe und eine Beschreibung – dies ist vom Kleid der Brautjungfer, die bei der Hochzeit mit Erbprinz Wilhelm IV. von Hessen-Kassel Sabina von Württemberg begleitete, in einer Akte des Hessischen Staatsarchivs Marburg überliefert (siehe HStAM Best. 3 II Nr. 801). Aus der lebhaften Korrespondenz zwischen Stuttgart und Kassel, in der nicht nur Ehe- und Wittumsvertrag ausgehandelt, sondern auch die Einzelheiten der Festgestaltung besprochen wurden, geht hervor, dass die von beiden Höfen in gleicher Anzahl zu stellenden Brautjungfern gleich gekleidet sein sollten. Daher schickte man im November 1565 dem Bräutigam zwei Blätter, auf denen jeweils in Vorder- und Rückansicht die beiden für die Jungfern gewünschten Kleider aus schwarzem Samt und goldbraun schillerndem Taft detailgenau gezeichnet waren.

Die Zeichnung ist Bestandteil der Ausstellung „Lifestyle im Archiv. Hessische Kleidung aus sechs Jahrhunderten“, die bis 11. März im Staatsarchiv Marburg zu sehen war und ab 17. Mai im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden gezeigt wird.
Karin Pfunder, Gästeführerin in Marburg, war auf der Suche nach einem neuen Kleid, das sie bei einer Kostümführung tragen könnte. Unter dem Motto „Den Marburgern auf’s Maul geschaut“ werden im Jubiläumsjahr „Marburg 800“ verschiedene Episoden der Stadtgeschichte von den Gästeführerinnen und -führern an den Originalschauplätzen in Szene gesetzt – so auch am Landgrafenschloss die Fürstenhochzeit von 1566. Bei ihren Recherchen stieß sie auf das goldfarbene Brautjungfernkleid. Das Ziel, dieses nachzuschneidern, erforderte von ihr nicht nur Recherchen nach dem richtigen Stoff und Schnittmuster oder den passenden Accessoires sowie immenses Geschick beim Umgang mit Nähmaschine, Nadel und Faden. Karin Pfunder arbeitete sich auch tief in die Modegeschichte der Zeit ein.

Die Marburger Gästeführerin Karin Pfunder mit ihrer Zofe.
Die Marburger Gästeführerin Karin Pfunder mit ihrer Zofe.

Begleitet von Dr. Eva Bender, die bei der Präsentation „Schillertaft und Samt. Realisierung eines Festkleides aus dem 16. Jahrhundert“ am 23. März 2022 im Landgrafensaal des Staatsarchivs Marburg Organisation und Ablauf der Hochzeit erläuterte, ging Karin Pfunder detailreich und unterhaltsam auf ihr Nähprojekt und auf die Mode der Zeit ein: Worin bestanden die Unterschiede zwischen dem italienischen und deutschen Kleidungsstil? Was waren Nestelbänder und warum befestigte man Ärmel nur oben am Kleid? Und trugen Frauen früher BH und Unterhosen? Neben der Klärung dieser Fragen konnten die Zuschauer und Zuschauerinnen im Laufe der Präsentation live miterleben, wie die Zofe beim Anziehen von Unter- und Oberkleid zur Hand ging, Haube und Barrett sowie der Gürtel angelegt wurden.

Wichtiger Bestandteil der Damenkleidung im 16. Jahrhundert: Das Untergewand.
Wichtiger Bestandteil der Damenkleidung im 16. Jahrhundert: Das Untergewand.

Zum Abschluss gab es großen Applaus für einen informativen und kurzweiligen Vortrag und die sich anschließende lebendige Diskussion kreiste vor allem um die arbeits- und zeitintensive Leistung, die mit dem detailgetreuen Nachschneidern dieses Kleides verbunden ist. Wie hervorragend dies gelungen ist, zeigen die Fotos.
Katrin Marx-Jaskulski, Marburg

Beim Anlegen des Festgewandes.
Beim Anlegen des Festgewandes.
Die Zofe bei der Arbeit: Das Kleid wurde hinten geschnürt.
Die Zofe bei der Arbeit: Das Kleid wurde hinten geschnürt.
Prachtvolles Ergebnis: Das Festkleid mit zugehöriger Kopfbedeckung.
Prachtvolles Ergebnis: Das Festkleid mit zugehöriger Kopfbedeckung.
Prachtvolles Ergebnis: Das Festkleid mit zugehöriger Kopfbedeckung.

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