Eislaufen - (k)ein ganz harmloses Vergnügen

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Foto von Ellen Brockhöft aus der Broschüre "Vom Eislauf"
Die Eiskunstläuferin Ellen Brockhöft. Bild aus der Broschüre "Vom Eislauf", 1932

Die historischen Landschaften des heutigen Bundeslandes Hessen sind nicht gerade ein Kernland des Eissports, aber dennoch erfreut sich das Eislaufen bzw. Schlittschuhlaufen vor allem bei Kindern und jungen Erwachsenen schon seit mindestens 200 Jahren großer Beliebtheit. Die zahlreichen Weiher, Seen und Flüsse, die früher in den Wintermonaten regelmäßig zufroren, boten dazu genügend Gelegenheit. Leider kam es dabei immer wieder zu schweren, oftmals sogar tödlichen Unfällen, die ein Einschreiten der obrigkeitlichen bzw. staatlichen Stellen erforderten.

Gesuch um Verbot des Schlittschuhlaufens
Gesuch um Verbot des Schlittschuhlaufens auf dem Rhein nach dem Tod des ältesten Sohnes von Georg Schultheis aus Geisenheim, 1811 (HHStAW Abt. 238 Nr. 41/9)


Als im Jahr 1811 der älteste Sohn des Geisenheimer Bürgers Georg Schultheis beim Schlittschuhlaufen auf dem Rhein zwischen der Schönborner Aue und dem Ufer in ein Eisloch gefallen und dort ertrunken war, wendete sich der Ortsvorsteher in umständlichen Worten an das zuständige Amt Rüdesheim, um das Eislaufen gleich ganz verbieten zu lassen: „Ein allgemeines Verboth dieses so gefährlichen und sehr entbehrlichen Vergnügens könnte vielleicht manchem das Leben retten, der ohne dasselbe eines eben so kalten Todes zu sterben das Unglück haben könnte.“ Eine besondere Tragik sah der Ortsvorsteher darin, dass der verunglückte Junge „bald in der Wirtschaft“ gestanden hätte, d.h. dass die Eltern nun auf eine Arbeitskraft verzichten mussten. Er war knapp vierzehn Jahre alt geworden.
Das herzogliche Amt Rüdesheim schloss sich der Sichtweise an, „da durch unvorsichtiges Schlittschuhlaufen auf dem Rhein schon öfter Menschen verunglückt sind“, und untersagte kurzerhand das Schlittschuhlaufen und das „Schleifen“ auf dem Fluss. Dazu sollten die Ortsvorsteher und Polizeidiener das Verbot streng überwachen und Übertritte mit Gefängnisstrafe belegen (HHStAW Abt. 238 Nr. 41/10).

Mehr Glück hatte ein Kupferstecher namens Felsing, der am 8. Januar 1824 beim Eislaufen auf dem Großen Woog in Darmstadt ins Eis einbrach. Er wurde durch den mutigen Einsatz des im 2. Garderegiment stehende Hornisten Odé gerettet, der kurzerhand ins Wasser sprang, den Verunglückten „mit der einen Hand bey den Haaren“ fasste und „mit der andern Hand aber das Eis vor sich aufgeschlagen“ hat, unterstützt durch den (Lehr-)Kandidaten Kahl (HStAD Best. D 12 Nr. 8/12, Digitalisat online).
Drei Jahre später ist ein weiteres Verbot des Schlittschuhlaufens und Schlittenfahrens belegt, diesmal aus der nordhessischen Stadt Neukirchen (HStAM Best. 330 Neukirchen Nr. B 1518).

Einen anderen Weg wählte die preußische Regierung Ende des 19. Jahrhunderts: Sie verpachtete die Lahn abschnittsweise zur Eisgewinnung, wobei der Pächter auch Schlittschuhbahnen anlegen durfte. Auch der „Eislaufverein zu Ems“, geleitet von Dr. v. Ibell, gehörte zu den langjährigen Pächtern (HHStAW Abt. 438 Nr. 331).

Broschüre "Vom Eislauf"

Ausführliche Informationen enthielt die Werbebroschüre für die Schuljugend, mit welcher der Südwestdeutsche Eissportverband, ein Unterverband des 1888 in Berlin gegründeten Deutschen Nationalen Eislauf-Verbandes (später „Deutscher Eislauf-Verband“), im Jahr 1932 Werbung für seine Sportarten machte. Der Eissportverband wollte „die Jugend wieder für den schönen Eissport interessieren und begeistern“ - den Verband plagten Nachwuchssorgen im Profi-Bereich, denn (natürliche) Eisbahnen zum Herumschlittern gab es genug. Die Verteilung der Broschüre sollte erst gegen Ende November vorgenommen werden, „da nur dann Gewähr dafür besteht, daß unsere Arbeit erfolgreich ist.“

Heutzutage ist die kleine Broschüre selbst ein Dokument der Eislaufgeschichte in Deutschland, das durch seine leicht polemische Sprache ebenso irritiert wie belustigt. Dass das Eislaufen für Frauen früher - „es ist noch gar nicht lange her“ - unschicklich gegolten habe und eislaufende Mädchen „von erzürnten Bauern mit Steinen beworfen“ wurden, wie die Broschüre weismachen will, kann zumindest nach kurzer Recherche für die hiesige Gegend nicht belegt werden. „Aber während bei einem Frauen-Wettlauf in Groningen eine Holländerin 48 km in zwei Stunden auf ihren Schlittschuhen zurücklegte“, so die Broschüre weiter, „saßen bei uns noch die zimperlichen Mädchen hinter dem Ofen und mußten häkeln und sticken.“ Gemeint ist wohl der bekannte Wettlauf des Jahres 1801 in Groningen. Zu dieser Zeit war auch hierzulande das Schlittschuhlaufen schon bei Mädchen und Frauen bekannt und beliebt, allerdings als vergnüglicher Zeitvertreib ohne jeglichen professionellen Anspruch.

Bis sich das Eislaufen als Massensport etablieren konnte, vergingen noch etliche Jahrzehnte. Mit dazu beigetragen hat die Erfindung von Kältemaschinen bzw. der Bau von Kunsteisbahnen ab 1880. Derzeit gibt es in Hessen mehr als zehn Eisstadien oder Eissporthallen bzw. temporäre Eisbahnen.
Dorothee A.E. Sattler, Wiesbaden