Non scholae, sed vitae…

Schulchroniken im Staatsarchiv Marburg

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Schulchronik aus dem Jahr 1910
Doppelseite einer Schulchronik, 1910

Kaum eine Institution prägt das Leben eines Menschen so sehr wie die Schule. Gleichsam strahlt ihr Einfluss auch in die Dörfer und Städte aus, in denen sie ansässig ist. Um die daraus resultierenden Entwicklungen zu dokumentieren, übernehmen die Abteilungen des Hessischen Landesarchivs Unterlagen verschiedenster hessischer Schulen.

Dem Staatsarchiv Marburg wurden in den letzten Wochen und Monaten vermehrt Unterlagen ehemaliger Volks- und Grundschulen angeboten. Der Hintergrund dieses Anstiegs an Anbietungen konnte noch nicht abschließend geklärt werden. Jedoch fühlt man sich beim Anblick der Akten und Amtsbücher oft direkt in die eigene Schulzeit zurückversetzt oder hat prompt den Geruch des Matrizendruckers in der Nase.
Neben Schulverwaltungsakten, Konferenzprotokollen, Unterlagen zu Schüler- und Elternbeteiligungen liegt bei diesem Schriftgut ein besonderes Augenmerk auf der Überlieferung von Schulchroniken. Als dauernd aufzubewahrende Unterlagen begleiten sie das Leben ihrer Schule und finden daher meist erst nach Auflösung der Lehranstalt den Weg ins Archiv. Aus diesem Grund ist es besonders erfreulich, dass sich unter den zuletzt angebotenen Unterlagen auch zahlreiche Chroniken befanden, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen.

Angabe der Schülerzahl in der Schulchronik
Angabe der Schülerzahl in der Schulchronik. Im Jahr 1910 besuchten 137 Kinder die Schule. Die meisten Kinder waren evangelisch, aber es gab auch einige "Dissidenten".

Was macht diese Chroniken besonders wertvoll? Ein Blick in die Verfügung zur Führung der Schulchroniken in den Volksschulen der Königlichen Regierung zu Cassel vom 9. Januar 1878 gibt Auskunft: Zwar wollte man kein „gleichmäßig anzuwendendes Schema“ vorgeben, um „den örtlichen Verhältnissen einerseits und der Neigung und Begabung des Lehrers andererseits […]“ Raum zu geben. Der Lehrer war aber „zur Beförderung des Interesses für die Heimatkunde“ aufgefordert, „daß nicht nur die, die Schule, sondern auch die, den Ort und die Gemeinde betreffenden wichtigen Ereignisse in die Chronik eingetragen und wo darüber Nachrichten zu ermitteln sind, über die frühere Geschichte des Orts, also über seine Gründung, seine Weiterentwickelung, […] über wichtigere Ereignisse und dergleichen berichtet wird.“ (Vgl. HStAM, Best. 166, Nr. 776). Somit trifft Senecas eingangs genanntes, ursprünglich umgekehrt lautendes Wort in seiner heute verbreiteten Variante in besonderem Maße auch auf die Schulchroniken zu.

Gedenktag für Königin Luise am 19. Juli 1910
In der Schulchronik wurde alles festgehalten, was für Schule, Lehrer und Schüler bedeutsam war. Hierzu gehörte auch der staatlich verordnete Gedenktag für Königin Luise am 19. Juli 1910.

Neben den oben genannten Inhalten sind beispielsweise auch Lebensläufe des Lehrpersonals in den Chroniken zu finden, die im Lauf der Zeit durch Fotografien illustriert werden. Nicht zu unterschätzen ist zudem ihre Rolle als aussagekräftige Zeitzeugen der Weltkriege, die deren Auswirkungen bis in die Schulen hinein dokumentieren. Vom Inhaltlichen einmal abgesehen, muss man beim Anblick der größtenteils fein säuberlich geschriebenen Ausführungen geradezu demütig erkennen, dass man selbst eine solche Perfektion im Schreibunterricht der Grundschule wohl nie erreicht hat.

Eintrag über den Eisenbahnbau in der Schulchronik
Auch über den geplanten Bau der Bahnstrecke Oberscheld - Wallau wurde in der Schulchronik berichtet

Aktuell umfasst der Bestand Protokolle IV Schulchroniken und sonstige Amtsbücher von Schulen 13 Chroniken, die demnächst um die vor Kurzem übernommenen Chroniken ergänzt werden. Es bleibt zu hoffen, dass der Chroniken-Strom nicht abreißt und die Darstellungen weiterhin von der Schulbank ins Magazin des Staatsarchivs wechseln.
Elisabeth Schläwe, Marburg

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