Keine langweilige Statistik

Die Schweinezählung im Juni 1922

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Jungen mit drei Schweinen in Bicken, um 1900
In ländlichen Gegenden wurden Schweine noch lange - ähnlich wie Kühe und Schafe - auf die Weide getrieben oder liefen frei im Dorf herum: Jungen mit drei Schweinen in Bicken, um 1900

Mit seinem derzeit über 8,2 Millionen Erschließungsdaten bietet das Archivinformationssystem Arcinsys Zugang zu einer Fülle von geschichtlichen Informationen. Auch ohne konkretes Forschungsvorhaben lädt Arcinsys zum Stöbern ein, wobei man immer wieder auf interessante Verzeichnungseinheiten stößt, die zur weiteren Beschäftigung einladen. Gibt man etwa das naheliegende Wort „Juni“ ein, stößt man neben einer Vielzahl von Akten und Urkunden, die eine Datierung in den Monat Juni enthalten, neben Monatszeitschriften und Amtsprotokollen auch auf mehrere Akten, die vor allem in den 1920er Jahren verschiedene Viehzählungen und insbesondere Schweinezählungen zu Beginn des Monats Juni dokumentieren (HStAM Best. 330 Kirchhain Nr. 1646).

Das bietet Anlass, sich mit diesem Phänomen zu beschäftigen. Die Landräte ordneten in Preußen eine jährliche Schweinezählung an, die am 1. Juni des Jahres stattfinden sollte. Die Ergebnisse sollten „allgemeinen volkswirtschaftlichen und statistischen Zwecken dienen.“ Explizit wurde darauf hingewiesen, dass diese – neben der Wahrung des Amtsgeheimnisses über die erhobenen Daten – nicht zu Steuerzwecken benutzt werden sollten. Die Durchführung der Zählung war klar geregelt: die ehrenamtlich tätigen Zähler hatten einen bestimmten Zählbezirk zu kontrollieren, in dem sie am 1. Juni von Gehöft zu Gehöft gingen und die vorhandenen Schweine zählten. Unter Angabe der Lage des Hofes und des Haushaltsvorstandes waren die Tiere den unterschiedlichen Rubriken zuzuordnen, die vor allem das Alter der Schweine als Kriterium enthielten wie etwa „unter 8 Wochen alte Ferkel“, „½ bis noch nicht 1 Jahr alte Schweine“ sowie „1 Jahr alte und ältere Schweine“. Zudem wurde noch unterschieden, ob es sich um Schweine für Zuchtzwecke oder „übrige“ Schweine handelte.

Schweinezählung in Kirchhain 1922
Ergebnis der Schweinezählung in der Borngasse in Kirchhain (Auszug)

Die Mehrheit der im vorliegenden Beispiel in Kirchhain nach Straßen erfassten Schweine fiel in die Kategorie „8 Wochen bis noch nicht ½ Jahr alte Schweine“, einige wenige Ferkel, meist nur zwei oder drei, wurden zudem erfasst. Deutlich wird, dass nicht jeder Haushalt Schweine besaß und diejenigen, die welche hatten, hielten zwei oder drei, selten mehr. Das Alter und die Anzahl der Schweine deutet darauf hin, dass es sich um die traditionelle Schweinehaltung handelt, die im Spätherbst und Winter mit der hauseigenen Schlachtung die Selbstversorgung durch das Fleisch bereicherte. Auch wenn die Schweinehaltung bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts im ländlich geprägten Hessen üblich war, lohnt es sich, diese spezielle Viehhaltung näher in den Fokus zu rücken. Schweine spielten im täglichen Leben seit der Sesshaftwerdung der Menschen eine wichtige Rolle, und es verwundert nicht, dass selbst Städte wie Marburg bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts noch einen stadteigenen Schweinehirten bezahlten, der die städtischen Schweine auf die Weiden trieb. Auch wenn es bei der vorliegenden staatlich angeordneten statistischen Erhebung der vorhandenen Schweine wie bei allen anderen Viehzählungen vor allem um volkswirtschaftliche Aspekte ging, zeigt sich, dass eine auf den ersten Blick langweilige Statistik für Sozial-, Wirtschafts- und Agrarhistoriker von Interesse sein kann. In vielen Fällen wartet diese Quellengattung noch auf die detaillierte Auswertung. Zudem gibt es sicher noch weitere Aspekte etwa der Alltags- und Kulturgeschichte, die zu vertiefen wären. In diesem Sinne: Schwein gehabt!
Eva Bender, Marburg

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