Segnereien, Wahrsagen und "böse Stücke"

Volksreligion und Heilwissen im 16. Jahrhundert

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Verzeichnis der von Jost Martins Ehefrau behandelten Personen (Ausschnitt)
Verzeichnis der von Jost Martins Ehefrau behandelten Personen (Ausschnitt)

Im August 1595 meldete Adam Kiff, Landschultheiß des Westerwaldes, seinem Herrn, Graf Johann von Nassau-Dillenburg, eine verdächtige Beobachtung:
Die Ehefrau von Jost Martin zu Homberg bei Rennerod hatte sich erneut mit Segnereien, Wahrsagen und anderen „bösen Stücken“ befasst - und das, obwohl sie bereits vier Jahre zuvor deswegen im Gefängnis gewesen war. Damals hatte man ihr die Haft wegen ihrer schwachen Gesundheit erlassen, sie aber eindrücklich ermahnt, sich künftig in der gesamten Grafschaft Nassau derlei Dingen zu enthalten oder in „Straff und Ungnadt“ zu verfallen.
Da sie sich aber nun, wie der Keller zu Beilstein gemeldet hatte, wiederum ihrer alten Betätigung hingab, hatte man sie gemäß der alten Verfügung erneut in Haft genommen. Allerdings bat ihr Ehemann darum, sie aus der Haft zu entlassen, und stellte sich selbst als Bürgen.
Landschultheiß Kiff wusste nicht, wie er nun weiter verfahren sollte: Die Inhaftierte hatte - offenbar ganz freiwillig - Auskunft über die von ihr verwendeten Segenssprüche und Heilmethoden gegeben. War das nun harmlos oder hatte sie damit schon die Grenzen zur verbotenen „Zauberey“ überschritten?

Obwohl die Akte HHStAW Abt. 369 Nr. 291 nur wenige Blatt umfasst, gibt sie einen interessanten Einblick in die Volksreligion und die Heilpraktiken des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Die betroffene Frau wird in der Akte durchgehend als „Jung Jost Martins Ehefrau“ bezeichnet. Mit Sicherheit war „Jung“ nicht ihr Vorname, sondern eine Zusatzbezeichnung für ihren Ehemann - „der junge Jost Martin“, also Jost Martin jun. Dass Frauen lediglich unter dem Namen ihres Mannes geführt wurden, war keine Seltenheit und konnte in Fall von erneuter Heirat zu Verwechslungen führen.
Jost Martins Ehefrau hatte in der Haft eine umfassende Aussage zu ihren Segenssprüchen und Heilmethoden gemacht. Es hat den Anschein, dass diese Aussage freiwillig geschah; jedenfalls ist in der Akte kein Hinweis auf Anklage oder „peinliche Befragung“, also Folter, enthalten. Die Frau hatte nach eigenen Angaben vor einiger Zeit eine „schwache Kuh“ besessen, der „die Zunge vorm Hals gelegen habe“. Ein durchreisender Landsknecht habe sie dann einen Segensspruch gegen die Viehkrankheit gelehrt. Weitere Segenssprüche waren für ein „schwaches Kind“, „eine kranke Kreatur“, deren Krankheitsursache man nicht kannte, für einen Mann, der auf Reisen oder in den Krieg ziehen sollte, „das er nicht mege verletzt werden“, zur Sicherung des Feuers und gegen Hausbrand.

Beschwörung des Feuers und bei Brand
Beschwörung des Herdfeuers und bei Brand (unten). Anstatt Löschversuche zu unternehmen, sollte der Betroffene einen Segensspruch sprechen, einmal um das Haus gehen und anschließend Weihwasser ausgießen.

Die Segenssprüche bestehen aus Anrufungen von Gott-Vater, Sohn und heiliger Geist und Wiederholungen von Gebeten, teilweise verbunden mit einfachen „weißmagischen“ Praktiken.
Um etwa das Feuer zu beschwören, d.h. Brände zu verhindern, sollte man das erste Brot, das gebacken werden sollte, mit einem Kreuzzeichen versehen und es ins Feuer werfen. Dazu sollte man folgendes sprechen (modernisiert):
Ich beschwöre dich, du heißes Feuer und Glut,
mit des heiligen Christes frommen Blut,
das dem lieben Herrn Jesu Christ
durch die rechte Seite einfloss (sic!),
dass du kein Fuß fort gehest
und still stehest.
Das sei wahr.
Im Namen des Vaters, Sohnes und Heiligen Geists, Amen.

Auch bei den Heilungen wendete Jost Martins Ehefrau einfache „magische“ Praktiken an. So ließ sie Schnüre um Erkrankte binden, sagte einen passenden Segensspruch und warf die Schnur ins Wasser; eine Art Schadensaustreibung.
Gleichzeitig setzte sie verschiedene Heilkräuter ein: Blutkraut (Capsella bursa-pastoris), Odermennig (Agrimonia eupatoria), Wald-Sanikel (Sanicula europaea) und andere, aber auch „Alba Graecum“ (weißen Hundekot) und Hühnermist. Je nach Krankheitsbild wurden die Kräuter mit Wein eingenommen, als Sud getrunken oder auch geräuchert.

Aus den geschilderten Fällen lässt sich nicht beurteilen, nach welchen Kriterien Jost Martins Ehefrau die Kräuter auswählte. Keineswegs aber handelte es sich dabei um Geheimwissen: Die Heilwirkung der Kräuter war schon seit der Antike tradiert; der „weiße Hundekot“ war ein zeittypisches Heilmittel. Die Tatsache, dass Jost Martins Ehefrau in einem Umkreis von rund 35 km tätig war, zeigt eine gewisse Bekanntheit und gute Heilungserfolge. Offenbar wurde sie nicht von sich aus tätig, sondern aktiv um Hilfe gebeten. Die Betroffenen waren von ihren Fähigkeiten überzeugt und fanden weder die Kräutermischungen noch die „magischen“ Praktiken verdächtig. Aus der Akte ist nicht erkennbar, für was man Jost Martins Ehefrau gehalten hat: für eine talentierte Kräuterkundige, eine Gesundbeterin oder gar eine Hexe? In der Abschrift der Zeugenaussagen aus der älteren Anklage findet sich wiederholt die Floskel „er wisse aber nicht, ob sie etwas könne": Man wusste nicht, ob sie tatsächlich über magische und damit verbotene Fähigkeiten verfügte.

Wiewohl die Vorwürfe gegen Jost Martins Ehefrau auf dem Höhepunkt der „Hexen“-Verfolgung erhoben wurden, erscheint das Wort Hexe selbst nicht in der Akte. Auch von den üblichen Vorwürfen wie Teufelspakt und Teufelbuhlschaft ist nichts zu finden. Zwar wurden die „Segnereien“ von Behörden und Landesherrn nicht gerne gesehen, da religiöse Handlungen den Geistlichen vorbehalten bleiben sollten, aber die „weißmagischen“ Praktiken mit Brot und Schnur und das Kräuterwissen waren wohl zu harmlos und vielleicht auch zu weit verbreitet, um dagegen vorzugehen - zumindest solange kein Schaden dadurch entstand.

Und möglicherweise hatte Jost Martins Ehefrau einfach Glück und keine missliebigen Nachbarn oder Widersacher, die sie der Hexerei beschuldigt hätten. Auch der Landesherr, Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg, war kein fanatischer „Hexenjäger“, und Landschultheiß Kiff scheint ebenfalls wenig Interesse an zusätzlichen Nachforschungen gehabt zu haben. Jost Martins Ehefrau wurde aus der Haft entlassen. Von einer Anklage oder weiteren Schritten gegen sie ist nichts bekannt.

Die Akte kann online eingesehen werden: HHStAW Abt. 369 Nr. 291
Ein Auszug daraus ist auf der Seite „Handschriften lesen“ als Leseübung eingestellt (Direktlink); Leseübung Nr. 14.
Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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