Vor 100 Jahren: Die zweite Welle der Spanischen Grippe erfasst Hessen

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Todesanzeige Oberhessische Zeitung

Zu all dem Leid gesellte sich noch eine furchtbare Seuche, die im Herbst dieses Jahres unser Volk heimsuchte. […] Kaum ein Haus blieb hier von dieser Krankheit verschont, ganze Familien lagen danieder. Gesellte sich noch Lungenentzündung hinzu, so führte die Krankheit innerhalb weniger Tage den Tod herbei. (1)

Während des letzten Kriegsjahres 1918 hatte ein tödliches Virus auch in Hessen beste Ausbreitungsbedingungen, traf es doch auf eine unterernährte und geschwächte Bevölkerung: Die „Spanische Grippe“, so bezeichnet, weil in Spanien zuerst über die Krankheit berichtet wurde, raffte zwischen 1918 und 1920 weltweit Millionen Menschen dahin - die Schätzungen schwanken dabei zwischen 25 und 70 Millionen.

Nachdem bereits im Frühjahr eine Influenzawelle das Deutsche Reich erfasst hatte, trat ab dem Spätsommer eine besonders bösartige Form von Grippe, wie es in einem Bericht des Rintelner Kreisarztes heißt, wieder auf. Er berichtet, dass es innerhalb von 14 Tagen bereits 16 Todesfälle gegeben habe, der Verlauf der Krankheit sei außerordentlich rasch (vgl. HStAM Best. 165 Nr. 5970).

In den Lokalzeitungen wurde ebenfalls über die Grippewelle berichtet. Neben den Kriegsmeldungen und wohl auch aufgrund der Zensurverfügung für die deutsche Presse, dass medizinische Meldungen, welche die Bevölkerung beunruhigen können, nicht veröffentlicht werden dürfen, nehmen diese jedoch nur einen geringen Stellenwert ein. Die Oberhessische Zeitung berichtet im Oktober 1918 jedoch nahezu täglich über Neuausbrüche in der näheren Umgebung und in ganz Europa und veröffentlicht Ratschläge zur Vorbeugung, wie sie auch in einem Rundschreiben des Großherzoglichen Ministerium des Innern, Abteilung für öffentliche Gesundheitspflege, vom 4. November veröffentlicht sind: Man solle sorgfältig auf Reinlichkeit bedacht sein und sich regelmäßig die Hände waschen, mit Salzwasser gurgeln und Massenverkehr meiden. Tritt, trotz aller Vorsicht, eine Erkrankung ein, so soll man nicht die Krankheit hinschleppen, indem man der gewohnten Beschäftigung weiter nachgeht. Man begebe sich vielmehr schon bei den ersten Anzeichen des Unwohlseins (Frostempfindungen, Fieber, Kopfweh, Schnupfen, Husten, Abgeschlagenheit oder Gliederschmerz) alsbald ins Bett (vgl. HStAD Best. G 15 Heppenheim Nr. P 169).

Geschäftsschließung wegen Grippe
Wegen des hohen Krankenstandes konnte das Bankhaus Baruch Strauß nur noch für eine Stunde öffnen.

Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens durch die Krankheit spiegeln sich auch in weiteren Meldungen und Anzeigen wider: So wurde am 17. Oktober berichtet, dass die Vorstellung im Stadttheater wegen der Erkrankung des Personals ausfallen muss, Postsachen und Zeitungen nicht pünktlich zugestellt werden können, der Bahnverkehr teilweise zum Erliegen kommt, und an den Frankfurter Schulen aufgrund Personalmangels die Herbstferien um eine Woche verlängert werden. In einer Zeitungsanzeige teilt das Bankhaus Baruch Strauß mit, dass wegen Erkrankung fast meines gesamten Personals nur von 10 bis 11 Uhr geöffnet sei. Und nicht zuletzt fallen die zahlreichen Todesanzeigen vor allem junger Erwachsener auf, die von kurzer, schwerer Krankheit aus dem Leben gerissen werden.
Katrin Marx-Jaskulski, Marburg

1 - Zitat aus Albert Schorn, Kriegs-Chronik der Stadt Camberg, 1914-1921, Abschnitt 26: Kriegsende und Rückkehr der Truppen, Spanische Grippe“, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/34-26> (aufgerufen am 27.09.2018)