Der Spanische Turm lüftet sein Geheimnis

Vom Zusammenspiel zwischen Bauforschung und archivalischen Quellen

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Der Spanische Turm in Darmstadt, um 1932.
Der Spanische Turm in Darmstadt, um 1932.

Wenn sich bauhistorische Untersuchungen an denkmalgeschützten Gebäuden mit Befunden aus archivalischen Quellen verbinden, hat das in den meisten Fällen interessante Neuigkeiten zur Folge, zumal, wenn es sich um Gebäude handelt, über deren Geschichte immer wieder spekuliert wird.

Jüngstes Beispiel dafür sind die Forschungen zum Spanischen Turm auf der Rosenhöhe zu Darmstadt, über den jahrzehntelang gerätselt wurde, weil man weder den Auftraggeber, das Erbauungsjahr noch den Architekten kannte und auch mit dem Namen nichts anzufangen wusste. Außerdem war die Funktion unklar.
Im Zusammenspiel zwischen dem Landesamt für Denkmalpflege, der BS Kulturstiftung Darmstadt und dem Staatsarchiv Darmstadt konnte nun das Geheimnis um das Bauwerk zu einem großen Teil gelüftet werden. Die bauhistorischen Untersuchungen ergaben, dass es einen älteren Ursprungsbau gab, der umgebaut und aufgestockt wurde. Ursprünglich, so die Baubefunde, handelte es sich vielleicht um ein von vornherein als künstliche Ruine errichtetes Landschaftsarchitekturelement oder um ein Garten- oder Weinberghaus mit einer Aussichtsfunktion, das vielleicht im 18. Jahrhundert erbaut worden war.
Von archivischer Seite waren es vor allem die Schreibkalender des Prinzen Karl von Hessen und bei Rhein (1809–1877), Bruder Großherzogs Ludwig III., im Bestand des Großherzoglichen Familienarchivs, denen Neuigkeiten zu entlocken waren. Sie setzen als geschlossene Reihe im Jahr 1830 ein und enden mit seinem Tod 1877 (HStAD D 23 Nr. 23/11 bis 26/3. Die Bände 1831 und 1874 fehlen). Sie sind nicht leicht zu lesen, weil Karl äußerst klein schrieb und ­– da ihm der Raum für manche Einträge zu knapp wurde – mitunter Abkürzungen einführte, die sich erst nach längerem Einlesen erschließen, zumal, wenn es sich um Orts- und Personennamen handelt. Seine Tagebücher dürften noch nie in Gänze gelesen worden sein, sondern immer nur in Auszügen. Sie sind für die Darmstädter Dynastie- und Hofgeschichte eine ebenso reichhaltige Quelle wie für die Stadtgeschichte, denn Karl war ein aufmerksamer Chronist der Veränderungen seines Umfelds.

Spanischer Turm in Darmstadt vor der Sanierung.
Der Spanische Turm in Darmstadt vor der Sanierung im Januar 2020.

Anhaltspunkte für ein gezieltes Recherchieren in den Aufzeichnungen Karls ergaben sich aus der dendrochronologischen Bestimmung eines Tannenbalkens aus der Obergeschossdecke des Turmes, die eine Fällung des Holzes in den Winter des Jahres 1850/51 datierte. Ein paar Jahre vor- und zurückrecherchiert ergab sich folgendes Bild: Karl verwendete ab 1837 zunächst den Begriff „Thurmhaus“ oder das „alte hohe Haus“ für das Gebäude, bevor er ab 1847 selbst den Begriff „Spanischer Turm“ prägte. Der Grund für die Bezeichnung ist letztlich noch nicht bewiesen, aber doch höchstwahrscheinlich abgeleitet vom französischen „Chateaux d’Espagne“, was so viel bedeutet wie „Luftschlösser bauen“ oder „unrealistische Träume haben“. Der Erwerb des alten Häuschens war, wie er selbst schrieb, ein lang gehegter Wunsch von ihm, und der schließlich im Jahre 1853 realisierte Kauf und der Umbau mit seiner Aufstockung und dem neugotischen Treppengiebel verkörperte Karls ganz persönliches, Stein gewordenes Luftschloss.

Karl teilte in seinen Schreibkalendern auch den Architekten des Umbaus mit: „Baumeister Harres war um 5 bei mir, hat mir hübsche Zeichnung gemacht zu Umbau des sogenannt spanischen Thurmes“ (HStAD D 23 Nr. 23/14, Eintrag vom 11. April 1853). Es war also nicht, wie Jahrzehnte lang vermutet, der Hofbaumeister Georg Moller, der zwar das Landhaus und das Mausoleum auf der Rosenhöhe entworfen hat, nicht aber sämtliche Gebäude der Parkanlage und auch nicht den Spanischen Turm, sondern Balthasar Harres (1804–1868), der an der Höheren Gewerbeschule in Darmstadt Bau- und Maschinenwesen unterrichtete. Er ist für das Aussehen des Turmes verantwortlich. Dessen Funktion war die eines Aussichtsturms über die ab 1853 wesentlich nach Osten hin erweiterten Besitzungen des Prinzen Karl auf seiner Rosenhöhe. In ihm traf sich die Familie des Bauherrn, um Tee oder Schokolade zu trinken, sich gegenseitig vorzulesen oder Karten zu spielen und dabei die Landschaft zu genießen.
Eine detaillierte Ausarbeitung des Verfassers wird unter dem Titel „Nicht Moller, sondern Harres. Zur Geschichte des Spanischen Turms in Darmstadt“ im Archiv für Hessische Geschichte NF 78 (2020) in der zweiten Jahreshälfte 2020 veröffentlicht.
Rainer Maaß, Darmstadt

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