„Kirschen rot, Spargel tot!“

Das Ende der diesjährigen Spargelsaison naht

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Frauen und Kinder bei der Spargelernte in Ingelheim am Rhein, 1918
Frauen und Kinder bei der Spargelernte in Ingelheim am Rhein, 1918 (HStAD Bestand R 4 Nr. 30797)

Bald ist es wieder soweit: Am Johannistag, dem 24. Juni, endet traditionell die Spargelsaison. Das frühsommerliche Ernteende ist aufgrund der langen Regenerationszeit der Spargelpflanze eine (land-)wirtschaftliche Notwendigkeit und soll auch im nächsten Jahr eine ertragreiche Ernte gewährleisten. Althergebrachte Bauernregeln wie beispielsweise „Stich den Spargel nie nach Johanni!“ oder die im Titel genannte Redensart betonen dieses Erfordernis. Auch die Zeitung für Landwirtschaft, Obst- und Weinbau als Beilage der Wormser Volkszeitung riet am 2. Juli 1914: „Spargelpflanzungen müssen sofort nach Schluß der Ernte, also nach Johanni, gedüngt werden“.

Konditoreibuch von Friedrich Purgold
Wäre auch heutzutage ungewöhnlich: Spargeleis. Das Rezept ist im Konditoreibüchlein von Friedrich Purgold aus dem Jahr 1782 überliefert (rechte Seite). (HStAD Bestand D 8 Nr. 368)

Vor allem im Süden Hessens liegen wichtige Spargelanbaugebiete: Das sogenannte „königliche Gemüse“ – einst exotisches Luxusprodukt für die europäischen Höfe – wurde und wird unter anderem rund um Weiterstadt und Griesheim, Groß-Gerau, im Rodgau oder im Hessischen Ried geerntet. Hatte 1782 der Darmstädter Hofkonditor Friedrich Purgold in seinem Konditoreibuch (HStAD D 8 Nr. 368, S. 77) noch exklusives „Spargeln Eiß“ mit dem Saft von 24 Spargelstangen fabriziert, war im 19. und 20. Jahrhunderts der Absatz des Spargels immens gewachsen und auch für die Konservenindustrie von Interesse. Ob wohl die am 17. Dezember 1908 auf der großherzoglichen Tafel gemäß Menükarte (HStAD O 10 Nr. 13/26) servierte Spargelsuppe mit Spargeln aus der Dose gekocht wurde?

Menükarte der Großherzoglichen Tafel vom 17.12.1908
Menükarte der Großherzoglichen Tafel vom 17. Dezember 1908: Zuerst gab es Spargelsuppe - mitten im Winter..

Jedenfalls beschwerte sich der in Mainz ansässige Verein der Konserven-Industriellen e.V. 1927 beim Kreisamt Groß-Gerau über den Verkauf von gewaschenem Spargel als „Täuschung und Benachteiligung des Käufers“ (HStAD G 15 Gross-Gerau Nr. T 243). Der Verein fürchtete durch diese „Unsitte“ neben einer „Verwässerung“ des Geschmacks und der schlechteren Haltbarkeit auch eine „Verstärkung des Gewichts“ – und somit ein Verlustgeschäft beim Einkauf. Die Spargelproduktion in Baden oder Braunschweig sei hier wesentlich weiterentwickelt, da man dort „das Waschen einfach nicht kennt“. Aus einer entsprechenden Verfügung des Kreisamts Groß-Gerau im März 1927 an die Bürgermeistereien entstanden zunächst Missverständnisse bei den Spargelbauern, so dass sich das Kreisamt zu einer Stellungnahme genötigt sah: Nur das Waschen des Spargels, der konserviert werden solle, sei verboten, ebenso stelle „das stundenlange oder gar tagelange Wässern des Spargels (…) eine strafbare Handlung dar“.

Trotz verschiedenster alter und neuer Konservierungsmöglichkeiten des frischen Spargels, ob im Glas oder in der Dose, selbst eingelegt oder tiefgefroren, noch immer markiert der 24. Juni das traditionelle Ende der Spargelzeit!
Andrea Heck, Darmstadt

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