Der Süddeutsche Polizei-Telegraph

Frühe grenzüberschreitende Polizeiarbeit

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Süddeutscher Polizei-Telegraph 1/1856
Die erste Ausgabe des "Süddeutschen Polizei-Telegraphen", 1856

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurde eine sinnvolle Polizeiarbeit in Südwestdeutschland nicht nur durch das dürftig ausgebaute Straßennetz und die langen Kommunikationswege erschwert. Vor allem die staatliche Zersplitterung, die den schnellen Nachrichtenaustausch zwischen „ausländischen“ Polizeistellen erschwerte, machte eine Verfolgung flüchtiger Verdächtiger oder Verbrecher fast unmöglich.

Im Jahr 1828 vereinbarten daher das Herzogtum Nassau und das Großherzogtum Hessen(-Darmstadt) eine Intensivierung ihrer Zusammenarbeit. Die grenznahen Gendarmerien, wie die Polizeistellen damals bezeichnet wurden, sollten „zur Beförderung der Aufrechthaltung der öffentlichen Sicherheit“ entsprechende Mitteilungen an das nächste Amt jenseits der Landesgrenze machen, das die Mitteilung wiederum an den zuständigen Gendarmeriechef weiterleiten sollte. Dieser etwas umständliche Weg war den abweichenden Organisations- und Verwaltungsstrukturen der Polizei bzw. Gendarmerien im Herzogtum Nassau und im Großherzogtum Hessen geschuldet, die häufig zu Missverständnissen geführt hatten.

Zehn Jahre später erließ das Großherzogtum Baden eine Verordnung zur Verbesserung des Polizeiwesens, insbesondere der Fahndungen im Großherzogtum. Zugleich sollte diese Verordnung die Grundlage für eine künftiges gemeinsames Fahndungswesen der übrigen deutschen Bundesstaaten bilden. Da eine gemeinsame oder gar übergeordnete Polizeibehörde aus politischen Gründen unmöglich war, war die Zusammenarbeit auf den Nachrichtenaustausch und die Veröffentlichung relevanter Mitteilungen in einem gemeinsamen Publikationsorgan beschränkt.
Was sich (heutzutage) wenig spektakulär anhört, war damals so ungewohnt, dass die nassauische Landesregierung ihr Staatsministerium in einem ausführlichen Bericht die Vorzüge dieser gemeinsamen Publikation erörtern musste:
„Sie macht es möglich:
1. daß die Policey- und Untersuchungsbehörden der benachbarten Länder ohne großen Zeit- und Kostenaufwand sich hinsichtlich der Handhabung der öffentlichen Sicherheit inbeständiger Relation erhalten und gemeinsame Maßregeln eingreifend durchführen können.
2. daß alle policeylich wichtigen Nachrichten schnell und unittelbar in die Hände sämtlicher Policeybeamten gelangen, daß diese daher, indem sie verpflichten sind, hierüber Registraturen anzulegen, in ihrer Thätigkeit genau controlirt werden können.
3. daß dem Verbrecher, in dem ihm die Mittel unbekannt bleiben, welche der Obrigkeit zu seiner Entdeckung zu Gebote stehen, weniger Gelegenheit gegeben ist, sich den Nachforschungen zu entziehen.“

Als Nachteil wurde angeführt, dass bei der großen Zahl Verdächtiger, die das geplante Polizeiblatt zwangsläufig enthielte, möglicherweise der einzelne Verdächtige untergehe, zumal Schultheißen und Reservisten, die der Polizei zuarbeiteten, kaum jeweils das ganze Blatt durchlesen würden.
Auch wenn das Herzogtum Nassau die Einrichtung eines gemeinsamen Polizei-Fahndungsblattes begrüßte, wurde die Idee mangels Interesse der Nachbarstaaten in Südwestdeutschland nicht umgesetzt. Es blieb bei den innerstaatlichen Polizeifahndungsblättern.

Süddeutscher Polizei-Telegraph, Nr. 2/1856
Namensverwechslungen waren auch im 19. Jahrhundert ein Problem, das bei der Nachrichtenübermittlung per Telegraph besonders schnell auftrat: Die meldenden Behörden werden daher gebeten, die Namen "gefälligst möglichst deutlich" zu schreiben.

Im Jahr 1855 ergriffen nun zwei Polizeibeamte die Initiative: Der herzoglich-nassauische Polizeirat Albert von Rößler zu Wiesbaden und der großherzoglich-hessische Polizeikommissar Christian Leichtweiß aus Mainz schlugen (erneut) ein gemeinsames Fahndungsblatt vor, an dem neben Nassau und Hessen auch Kurhessen, Hessen-Homburg, die Stadt Frankfurt, das Königreich Würtemberg, das Großherzogtum Baden, Rheinbayern (Rheinpfalz), Unterfranken, Aschaffenburg und die preußischen Regierungsbezirke Coblenz, Trier und Köln teilnehmen sollten. Das Blatt sollte unter dem Namen „Süddeutscher Polizei-Telegraph“ erscheinen und neben Fahndungen auch die Namen entlassener Sträflinge, von Personen unter Polizeiaufsicht, Diebstahlmeldungen und Berichte aus der Polizeiarbeit enthalten.
Da auch 1855 eine grenzübergreifende Zusammenarbeit der Landespolizeien nur mit großem Aufwand möglich war, erbaten die beiden Polizeibeamten die direkte Unterstützung der beteiligten Staaten bzw. ihrer Polizeidienststellen.
Diesmal war das halb privat geführte Projekt erfolgreich – auch wenn die bayerische Rheinpfalz ihre Mitwirkung versagte. Am 5. Juli 1856 erschien die erste Ausgabe des „Süddeutschen Polizei-Telegraphen“, ein vierseitiges Blatt im Stil der zeitgenössischen Zeitungen oder Intelligenzblätter. Die Meldungen waren von der Redaktion (Polizeikommisar Leichtweiß und Polizeirat von Rößler) etwas umständlich in Rubriken angeordnet:
- Verfolgte Verbrecher [Fahndungen]
- Beschreibung sicherheitsgefährlicher Personen
- Gestohlene Effecten
- Sträflinge
- Besondere Kennzeichen von Verbrechern
- Angehaltene verdächtige Gegenstände [vermutetes Diebesgut]
- Gauner [gefährliche Vagabunden oder Landstreicher]
- Landesverweisungen.
Den Abschluss bildete der erste Teil des Artikels „Die Nachtheile des Wanderns der Handwerksburschen und deren Abhülfe durch eine Regulirung des Arbeitsmarktes“.

Süddeutscher Polizei-Telegraph, Nr. 1/1856 - Fahndung nach Carl Lavizar
Fahndung nach dem Schuhmachergesellen Carl Lavizar aus Lindschied. Für den Abdruck des ausführlichen Steckbriefs berechnete die Redaktion zusätzliche Kosten.

Die gesuchten Personen waren in den Rubriken alphabetisch aufgeführt und durchnumeriert, wobei zur leichteren Identifizierung die Numerierung in den folgenden Ausgaben einfach fortgesetzt wurde. Angegeben wurden jeweils Name und Aussehen, Delikt bzw. Verdacht und die meldende Behörde. Unter den Rubriken „Verfolgte Verbrecher“ und „Sicherheitsgefährliche Personen“ vermutet man schwere Kriminalfälle; die aufgelisteten Delikte erscheinen heutzutage jedoch vergleichweise harmlos.
Die königlich preußische Polizei-Direktion zu Köln suchte bspw. den Schumacher Heinrich Schleiss aus Köln, „welcher wegen Landstreicherei in der Arbeitsanstalt zu Bauweiler detinirt war und daselbst am 3. Mai mit der Weisung entlassen worden, sich in seine Heimath zu begeben.“ Da er dort nicht eingetroffen war, wurde um Mitteilung des Aufenthaltsortes gebeten.
Eine „sicherheitsgefährliche Person“ war der vierundzwanzigjährige Anton Walther Renno aus Stierstadt. Er hatte sich der Kurpfuscherei, Landstreicherei und Betrügerei schuldig gemacht, in dem er „zwei Frauen von Ellersdorf vorspiegelte, er wolle Wachs kaufen und verbrennen, wodurch ihre kranken Kinder gesund werden würden.“ Als Wiederholungstäter war er zu einer Zuchtausstrafe von 6 Monaten verurteilt worden. Diese Meldung des herzoglich-nassauischen Amts Montabaur war keine Fahndung, sondern ein Warnhinweis an die Sicherheitsbehörden. Auch mit den Meldungen der kürzlich entlassenen oder noch zu entlassenen (ehemaligen) Sträflingen sollte die verhängte Polizeiaufsicht gewährleistet werden.
Die Rubrik „Besondere Kennzeichen von Verbrechern“ lässt heutzutage an die „Lehre“ von Physiognomik und Phrenologie denken. Tatsächlich aber handelte es sich nur um eine Auflistung besonderer Kennzeichen der in der aktuellen Ausgabe den Polizei-Telegraphen gesuchten Personen, die eine schnellere Identifizierung ermöglichen sollte: „Gesicht: das linke untere Gesicht ist verzogen bei Jakob Klepper von Flörsheim (s. Art. 19)“ oder aus der zweiten Ausgabe: „Fehlender rechter Arm: Heinrich Ueberwasser, Schneidergeselle aus Lemgo (s. Art. 45) … Tätowierungen: Georg Weitzel von Westhofen (s. Art. 57), auf dem rechten Arm ein Herz und ein Stiefel tätowirt“.

Süddeutscher Polizei-Telegraph, Nr. 2/1856 - Besondere Kennzeichen
Besondere Kennzeichen der gesuchten Verbrecher. Die Nummern verweisen auf den jeweiligen Fahndungsaufruf der aktuellen Ausgabe.

Der Polizei-Telegraph wurde von allen Polizei- und Gendarmerie-Stellen, aber auch von Ämtern, Bürgermeistereien und Schultheißen bezogen. Sein Erscheinen wurde schnell auch überregional bekannt: Schon in der zweiten Ausgabe des Polizei-Telegraphen fand sich eine Fahndungsmeldung des Vereinigten Criminalamtes Leipzig nach dem Handlungsreisenden Adolph Otto Leonhard, der wegen Veruntreuung gesuch wurde, sowie ein Warnhinweis aus dem Central-Polizei-Blatt der k.k. österreichisch obersten Polizeibehörde in Wien, die vor der in Frankreich geborenen Elise Rousseau warnte. Sie war wegen verschiedener Delikte „aus sämmtlichen österreichischen Staaten ausgewiesen und über Sachsen in ihre Heimath instradirt“ worden.

Süddeutscher Polizei-Telegraph, Nr. 2/1856 - Nahrungsmittelvergehen
Zusätzliche Artikel gaben Informationen über neue Betrugsmaschen, informierten über die Polizeiarbeit oder gaben Denkanstöße zu sicherheitsrelevanten Themen.

Obwohl keiner der beteiligten Staaten an Sinn und Zweck des Polizei-Telegraphen zweifelte, war der Wille zur Kostenbeteiligung äußerst gering. Zu gerne sah man das ganze als ein Privatprojekt zweier ambitionierter Polizisten, zumal die Bezieher für das Jahresabonnement des Polizei-Telegraphen 4 Gulden bezahlen mussten. Doch insbesondere kleine Kommunen scheuten die Ausgabe, und selbst für die nassauischen Ämter war der Bezug nicht verpflichtend. Auch die Extragebühren, die für den Abdruck eines Steckbriefs „in extenso“, also ungekürzt, fällig wurden, konnten den finanziellen und personellen Aufwand der Herausgeber nicht decken. Immer wieder wurden die beiden Polizeibeamten beim herzoglich nassauischen Staatministerium vorstellig und baten um eine Subvention. Im Rechnungsjahr 1864/1865 standen 1840 Gulden Einnahmen eine Ausgabe von 1910 Gulden und 26 Kreuzern gegenüber, wobei die Differenz von rund 70 Gulden fast exakt dem Honorar der Mitarbeiter, den Extra-Vergütungen der Drucker für Nacht- und Sonderarbeit und dem Neujahrsgeschenk für die Briefträger entsprachen. Ihre eigene Arbeit stellen von Rößler und Leichtweiß nicht in Rechnung. Auffällig sind die 60 Gulden „für Photographien zum Gebrauch der Redaction resp. Mittheilung an die Behörden“ – die Herausgeber hatten die Vorteile der noch relativ neuen Technik schnell erkannt.
Der „Süddeutsche Polizei-Telegraph“ bestand lange über die Dienstzeit von Christian Leichtweiß und Albert von Rößler, lange über das Herzogtum und das Großherzogtum Hessen hinaus: Erst 1920 wurde sein Erscheinen eingestellt.
Dorothee A.E. Sattler, Wiesbaden

Quellen:
HHStAW Abt. 210 Nr. 6206 bis 6209

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