„Verlegt. Neue Anschrift abwarten.“

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

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Paketrücksendung aus dem Vernichtungslager Auschwitz
"verlegt. Neue Anschrift abwarten." Rücksendung eines Paketes, das besorgte Angehörige in das Vernichtungslager Auschwitz geschickt hatten.

Zwei Briefe und eine Postkarte sind die einzigen hier erhaltenen Lebenzeugnisse von Sura Brana Bodensiek geb. Sachs (Zaks).

Anfang der 1930er Jahre muss Sura Brana den Chemiker August Bodensiek kennengelernt haben, der aus Wunstorf (bei Hannover) stammte. Da eine Heirat im Deutschen Reich aufgrund fehlender Papiere nicht möglich war, verpflichtete sich August Bodensiek für zwei Jahre als „ausländischer Spezialist“ in Moskau, wo er und Sura Brana am 11. Dezember 1932 „gegen Wissen und Willen der Familie und anderer Verwandter“ heirateten. August Bodensiek war evangelisch; die Ehe blieb kinderlos. Seit 1933 bei der Firma Blendax in Mainz angestellt, lebten er und Brana Sura, die inzwischen zum Christentum konvertiert war, in relativ sicheren wirtschaftlichen Verhältnissen in Wiesbaden. Einige Male besuchten sie ihren Bruder Max im israelitischen Krankenhaus in Frankfurt, bis er im August 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde und dort nur einen Monat später unter ungeklärten Umständen verstarb.

Blanko-Postkarte von Sura Brana Bodensiek aus dem Vernichtungslager Auschwitz
Blanko-Postkarte von Sura Brana aus dem Vernichtungslager Auschwitz. Die harmlose Wortwahl war der strengen Zensur geschuldet.

Am 8. März 1943 wurde Sura Brana selbst von der Gestapo Wiesbaden vorgeladen und verhaftet. Obwohl ihr Ehemann seinerseits als „verdächtig“ galt – er war mehrfach wegen seiner Auslandstätigkeit von der Gestapo verhört worden, ihre Wohnung war durchsucht worden –, sprach er mehrere Male bei der Gestapo Wiesbaden vor. Ein Grund für die Verhaftung wurde ihm nicht genannt. Noch Jahre später erinnerte sich August Bodensiek an den Namen des Mannes, der seine Frau verhaftet hatte: Bodewich (Bodewig).

Sura Brana schrieb ihrem Mann aus dem Polizeigefängnis in Wiesbaden; am 19. April folgte ein weiterer Brief aus dem Frauengefängnis in Frankfurt. Im August 1943 erhielt August eine Blanko-Postkarte aus dem Lager (Auschwitz-Birkenau) – das letzte Lebenzeichen seiner Frau: „Mein Liebling! Mir geht es gut. Lass bitte bald von Dir hören. Hoffentlich geht es Dir auch gut. Grüße und küsse Dich herzlichst, und bleib schön gesund, Dein A.“ Die zensurbedingte Wortwahl konnte zu diesem Zeitpunkt niemanden mehr täuschen.
Ein Paket, das August im Frühjahr 1944 an Sura Brana geschickt hatte, ging geöffnet und geplündert zurück an seine Schwester Maria in Wunstorf. Der Adressaufkleber, auf dem als Absender „Frauenlager Auschwitz“ angegeben ist, trägt den Vermerk „verlegt. Neue Anschrift abwarten“. Über Sura Branas Schicksal ist nichts bekannt. Vermutlich war sie zu diesem Zeitpunkt längst ermordet worden oder an den unmenschlichen Haftbedingungen zugrundegegangen. 1951 wurde Sura Brana für tot erklärt.

Nach dem Krieg stellte August Bodensiek einen Antrag auf „Wiedergutmachung“. Doch da er selbst durchgehend bis 1948 bei der Firma Blendax angestellt gewesen war und aus freiem Willen gekündigt hatte, hatte er keine finanziellen Einbuße erlitten und konnte dafür nicht entschädigt werden. Um einen Ausgleich für die Wertgegenstände zu erhalten, die Sura Brana bei ihrer Verhaftung bei sich gehabt hatte (Ehering und einen anderen Ring), sowie für die bei einer Wohnungsdurchsuchung von der Gestapo beschlagnahmten Bücher, hätte er einen Erbschein benötigt, den er aufgrund fehlender Kontakte zu ihrer Familie nicht beibringen konnte. 1963 zog August Bodensiek den Antrag auf Wiedergutmachung zurück.

Der Fall steht beispielhaft für die nationalsozialistische Ideologie, in deren Namen über sechs Millionen Menschen, die meisten davon Juden, ermordet wurden. Er belegt aber auch den unwürdigen Umgang mit den Opfern und ihren Hinterbliebenen in der deutschen Nachkriegszeit. (HHStAW Abt. 518 Nr. 37949 und Abt. 469/33 Nr. 3447)
Dorothee A.E. Sattler, Wiesbaden

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