Der Synagogen-Gesangverein Wiesbaden - Erinnerung an eine fast vergessene Kunstform

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Briefkopf des Wiesbadener Synagogen-Gesangvereins, 1882
Briefkopf des Wiesbadener Synagogen-Gesangvereins, 1882

Nur 15 Blatt umfasst die Akte mit dem Titel „Synagogen-Gesangverein“, die im Hauptstaatsarchiv im Bestand des Polizeipräsidiums Wiesbaden aufbewahrt wird (HHStAW Abt. 408 Nr. 115). Der Aktentitel wirkt zunächst etwas irritierend, da die Begriffe Synagoge als würdiges Gotteshaus und das an feucht-fröhliche Runden erinnernde Gesangverein nicht so recht zusammenzupassen scheinen, und dann noch im Bestand des Polizeipräsidiums?

Während der synagogale Gesang auf einer jahrtausende alten Tradition beruht - die Abschnitte aus der Torah und den anderen biblischen Büchern werden seit jeher gesungen vorgetragen - und im Chassidismus das Singen an sich integraler Bestandteil der Religionsausübung und -erfahrung war bzw. ist, sind Einflüsse der weltlichen Kunstmusik erst im 19. Jahrhundert zu bemerken. Mit dem Aufkommen der jüdischen Reformbewegung wurden neue Wege der Gottesdienstgestaltung gesucht, teils in bewusster Anpassung an die christliche Mehrheitsgesellschaft, teils zur Abgrenzung an die bisherigen, als überkommen empfundenen Traditionen. An die Stelle der gesungenen (hebräischen) Bibellesung trat die gesprochene in der Landessprache, was wiederum den Wunsch nach musikalischer Untermalung der Gottesdienste weckte.
Inspiriert von christlichen Gebräuchen und motiviert von der allgemeinen Sangesfreude des 19. Jahrhunderts wurden zunehmend Orgeln in Synagogen eingebaut und semi-professionelle Chöre gegründet. Vielerorts sorgte die Einführung der als „typisch christlich“ empfundenen Orgel für erbitterten Widerstand bei traditionellen Gemeindemitgliedern, zumal in Erinnerung an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem Instrumentalmusik während des Gottesdienstes gemeinhin als verboten galt. Auch gemischte Chöre stießen oft auf wenig Gegenliebe, da der öffentliche Gesang von Frauen und überhaupt die „Mischung“ der Geschlechter aus religiösen Gründen abgelehnt wurden. In der Folgezeit spalteten sich zahlreiche Gemeinden in einen liberal-reformierten und einen orthodoxen Zweig oder trennten sich gleich ganz.

Briefkopf des Synagogen-Gesangverein Wiesbaden, 1914
Die grafische Gestaltung entsprach den zeitgenössischen weltlichen Gesangvereinen oder Kirchenchören: Briefkopf aus dem Jahr 1914

Die Akte zum Wiesbadener Synagogen-Gesangverein beginnt erst im Jahr 1882, als der Verein vorschriftsmäßig seine revidierten Statuten an die Polizeidirektion übersendete. Doch seine Geschichte ist weit älter: Bereits um 1832 regte der als Reformator bekannt gewordene Rabbiner Abraham Geiger die Gründung eines Gesangvereins für die Gottesdienstgestaltung an. In den folgenden Jahrzehnten bestanden immer wieder Gesangsensemble, deren Erfolg hauptsächlich vom Geschick des Leiters und den finanziellen Möglichkeiten abhängig war. Das Jubiläum der Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1863, das auch von den deutschen Juden mit patriotischem Eifer gefeiert wurde, bot Anlass zur festen Etablierung eines Chores, der schon zwei Jahre später in einen gemischten Chor umgewandelt wurde und künftig die Gottesdienste passend gestaltete.
Doch der Synagogen-Gesangverein beschränkte sich keineswegs nur auf religiöse Darbietungen: In der neuen Synagoge am Michelsberg, 1868 eingeweiht, wurden auch weltliche Konzerte für die Öffentlichkeit gegeben, und der Chor trat selbstverständlich auch außerhalb auf, etwa beim Stiftungsfest der deutsch-katholischen Gemeinde oder beim Beethoven-Fest im Jahr 1870, und 1894 wollte man sich vom Staatstheater die Einzelstimmen und Requisiten der Operette „Zehn Mädchen und kein Mann“ von Franz von Suppé leihen. Die Partitur besaß der Verein bereits. (HHStAW Abt. 428 Nr. 241).
Wie üblich für die Gesangvereine seiner Zeit besaß der Chor auch eine „gesellige Abteilung“, die weltliche Vergnügungen bis hin zu Bällen organisierte. Auffällig ist, dass der Chor für seine geselligen Treffen nicht das neben der Synagoge stehende Gemeindehaus am Michelsberg nutzte, sondern in der Stadt eigene Klublokale an wechselnden Orten einrichtete. Der Umzug in das Gebäude der Rohstoff-Genossenschaft für Eisengewerbe in der Schwalbacher Straße 30 im Jahr 1902 stimmte das 3. Polizeirevier misstrauisch, da sich der Chor dort ein Billardzimmer, einen Versammlungssaal, ein Salonzimmer und einen Büffetraum einrichtete und ein Verstoß gegen die baupolizeiliche Verordnungen befürchtet wurde. Doch die Polizeidirektion sah kein Grund zum Eingreifen.

Wiesbadener Synagogen-Gesänge, 1913, Titelblatt
"Wiesbadener Synagogen-Gesänge". Das Titelblatt der 1913 herausgegebenen Notensammlung zeigt die Synagoge am Michelsberg (HHStAW Abt. 3008/1 Nr. 14225)

1913 feierte der Synagogen-Gesangverein sein fünfzigjähriges Bestehen und übersendete der Polizeidirektion die anlässlich dessen herausgegebene Festschrift. Ein Exemplar davon hat sich in der Bibliothek des Hessischen Hauptstaatsarchivs erhalten (Signatur X 381), ein weiteres befindet sich in der Freimann-Sammlung der Universitätsbibliothek der Goethe-Universität Frankfurt und kann online eingesehen werden (Direktlink). Zudem gaben Oberkantor Abraham Nussbaum und Dirigent Otto Wernicke im Jubiläumsjahr unter dem Titel „Wiesbadener Synagogen-Gesänge“ eine umfangreiche Sammlung an mehrstimmigen Chorsätzen auf hebräisch und deutsch heraus, die im Lauf der Zeit für den Synagogen-Gesangverein komponiert worden waren. Die Notensammlung wurde von zahlreichen jüdischen Gemeinden, Synagogenchören und Kantoren im ganzen Reichsgebiet bezogen. Eine Ausgabe davon ist in der Universitätsbibliothek der Universität Augsburg erhalten und online einsehbar (Direktlink).
Die Akte des Wiesbadener Polizeipräsidiums endet im Februar 1914. Wie lange der Synagogen-Gesangverein in welcher Form noch Bestand hatte, geht aus der Überlieferung des Hauptstaatsarchivs nicht hervor. Mit der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten kam das unbeschwerte gesellige Leben der jüdischen Gemeinden zum Erliegen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden schon sehr bald - in Wiesbaden 1946 - wieder jüdische Gemeinden gegründet. Doch die wenigen Überlebenden des Holocaust, viele davon aus Osteuropa stammende „Displaced Persons“, sahen keine Anknüpfungspunkte an die deutsch-jüdische Chortradition, zumal etliche der orthodox-konservativen Richtung des Judentums angehörten. Auch den späteren Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, die den Gemeinden ab den 1990er Jahren erheblichen Zulauf bescherten, waren gottesdienstlicher Chorgesang mit Orgelbegleitung fremd. Inzwischen gibt es in einigen jüdischen Gemeinden (Herren-)Ensembles, die hauptsächlich an den Feiertagen den Kantor gesanglich unterstützen, doch der Chorgesang, wie ihn der Wiesbadener Synagogen-Gesangverein pflegte, ist in der Praxis in Deutschland nicht mehr gebräuchlich.

Das 1988 von Herrn Andor Iszák gegründete Europäische Zentrum für Jüdische Musik (EZJM) an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover widmet sich (unter anderem) dieser Kunstform aus musikwissenschaftlicher Sicht. Verschiedene weltliche Chöre wie der Synagogalchor Hannover (externer Link) oder der Leipziger Synagogalchor (externer Link) bringen die Werke in Konzerten zur Aufführung.
Die Geschichte der Synagogen-Gesangvereine und Synagogenchöre bedarf hingegen noch der Erforschung.
Dorothee A.E. Sattler, Hauptstaatsarchiv Wiesbaden

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