Mokanz oder Gewohnheit?

Ein Aktenfund zum Tag des Lächelns (2. Oktober)

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Ausschnitt aus der Akte HStAM Best. 86 Nr. 18686
"...ein gewisses zweydeutiges Lächeln...". Auszug aus dem Protokoll.

Während es momentan nicht immer ersichtlich ist, ob unser Gegenüber uns freundlich gestimmt ist, da der allgemein gegenwärtige Mund-Nasen-Schutz wesentliche Teile der Gesichtsmimik verdeckt, zog 1784 ein „zweideutiges Lächeln“ des Kammerassessors Mehlburger eine Prügelei nach sich, die schließlich aktenkundig wurde (HStAM 86 Hanau, Nr. 18686).

Was war geschehen? Am 19. März tagte der Hanauer Kammerrat. Während des Referates des Kammerrates Waitz von Eschen über die Pottaschensiederei zu Bieber zeigte der Kammerassessor Mehlburger ein Lächeln. Dieser war bekannt dafür, dass er dieses Verhalten bei den mündlichen Vorträgen, selbst bei „ernsthaften Relationen“, der anderen Sessions-Teilnehmern an den Tag legte. Dabei war unklar, ob er es aus Gewohnheit tat oder aber bewusst als Kommentar „zur Herabsetzung des von anderen vorgebachten“. Von Waitz und ein weiterer Kammerrat deuteten das Lächeln Mehlburgers im geschilderten Fall als Herabwertung und äußerte sich gegenüber Assessor Porbeck, dass „es ärgerlich sey, wenn Leute, die von einer Sache nichts verstünden, sich darüber moquiren wollten“, was nun Mehlburger auf sich bezog und mit der Frage „Wer sind denn diese Leute?“ klären wollte.

Den ungeklärten mündlichen Sachverhalt wollte Mehlburger richtigstellen und suchte von Waitz nach der Sitzung zu Hause auf. Er wartete in dessen Wohnzimmer auf ihn, wo es schließlich sogar zu einer Schlägerei kam. Denn von Waitz betrat mit dem Hut auf dem Kopf sein Wohnzimmer und nahm diesen auch beim Anblick Mehlburgers nicht ab. Daraufhin setzte dieser seinen Hut, den er in der Hand gehalten hatte, wieder auf. Von Waitz entgegnete: „Nein, das verbitte ich mir in meiner Stube mit bedecktem Haupt zu seyn“ und wollte Mehlburger den Hut vom Kopf reißen. Dieser wehrte sich, und es kam zu einem Handgemenge. Durch die dabei getätigten Schreie wurden zwei Bediente herbeigerufen, die von Waitz zur Hilfe kamen. Mehlburger wiederum wandte große Kraft auf, um sich loszumachen und zog „zur Nothwehr“ seinen Degen und bat von Waitz „seine bedienten zum Zimmer hinauszuweisen, und auf einen honette Weise seine Sache auszumachen.“ Aber von Waitz schlug auf Mehlburger ein, riss ihm die Haare im Nacken aus und ließ ihn von den Bedienten die Treppe hinunterstoßen „mit Beyfügung odieuser Beschuldigungen“. Mehlburger trug blutige Blessuren davon, konnte seinen Degen nicht wiederbekommen und bedeckte sein blutendes Gesicht auf dem Heimweg mit einem Taschentuch.

Das Handgemenge führte zu einer mehrfachen Befragung der Herren Mehlburger und von Waitz, denn es stellte sich die Frage, ob mit dem Ziehen des Degens gegen das Duellverbot verstoßen worden war. Das Ergebnis ist nicht überliefert, so dass wir nicht wissen, ob Mehlburger oder auch von Waitz verurteilt wurden.

Dennoch wird deutlich, dass falsch angewandte oder auch missverstandene Mimik durchaus Folgen haben konnte. Dabei spielten im 18. Jahrhundert noch zeremonielle, die Ehre betreffende Aspekte eine Rolle wie etwa das Aufbehalten bzw. das Wiederaufsetzen eines Hutes. Sowohl Mehlburger als auch von Waitz ging es um das Reinhalten der persönlichen Ehre, die nur mithilfe einer eigentlich unehrenhaften Handgreiflichkeit erlangt werden konnte. Die anschließende Befragung zeigt anschaulich, mit welchen Nuancen argumentativ diese wiederhergestellt werden sollte. All das wäre nicht geschehen, hätte Mehlburger einen Mund-Nasen-Schutz getragen…
Eva Bender, Marburg

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