12. Juni – Tag des Tagebuches

Verschiedenerlei Formen einer Gattung im Hessischen Staatsarchiv Marburg

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Tagebuch von Ludwig Bickell, 1877
Tagebuch von Ludwig Bickell, 1877 (HStAM Best. 340 Bickel Nr. 256)

Der internationale Tag des Tagebuches geht auf den dreizehnten Geburtstag von Anne Frank zurück, die an diesem Tag ein Notizbuch von ihrem Vater geschenkt bekam, in das sie in der Folgezeit ihre Erlebnisse im Amsterdamer Exil festgehalten hat. Dieses wichtige Ego-Dokument aus der Zeit des Nationalsozialismus dient heute noch als Ansporn, selbst Aufzeichnungen über das tägliche Leben anzufertigen, da diese in Zukunft auch als wichtige Quelle der eigenen Zeit dienen können. Aber auch vor Anne Frank war das Führen von Tagebüchern bekannt.

Diese finden sich meist in den Nachlässen von Personen und Familien, die in Marburg im Bestand HStAM 340 verwahrt werden. Für die Heimatforschung spannend ist zum Beispiel das Tagebuch von Ludwig Bickell aus dem Jahr 1877 (HStAM 340 Bickell Nr. 256). Auch wenn es sich hierbei um ein rudimentäres Zeugnis handelt, das vom 1. bis zum 21. Januar läuft und dann abbricht, dokumentiert es seine Aktivitäten und Gedanken etwa zur Sitzung des Geschichtsvereines am 13. Januar mit einem Vortrag von Obergerichtsrat von Starck über zwei Hexenprozesse und geschäftliche Mitteilungen, die Bickell folgendermaßen kommentierte: „d. Nr. 1 bot für mich nichts von Interesse ich glaube auch überhaupt kaum, N. 2 wurde durch d[en]. vorzeitigen Aufbruch d. Mitglieder sehr reduciert.“ Da das Tagebuch schon nach drei Wochen nicht mehr genutzt wurde, stellt sich die Frage, was die Ursache hierfür war. Hatte Bickell keine Motivation mehr, dieses zu benutzen? Fand er nicht die Zeit dazu? Es lässt sich nicht klären. So gesehen sind persönliche Tagebücher immer von der Intention, der Zeit und der Muße des Schreibers abhängig.

Tagebuch für den Betrieb der Waldecker Talsperre (Ausschnitt)
Tagebuch für den Betrieb der Waldecker Talsperre (Ausschnitt, HStAM Best. 607 Nr. 280)

Eine andere, in Staatsarchiven noch umfangreicher überlieferte Gattung aber sind Behörden-Tagebücher, die gewissenhaft zu führen waren. Kein Wunder, denn in der allgemeinen Verwaltung dokumentieren sie wichtige Prozesse im Geschäftsalltag. So findet sich beispielsweise im Staatsarchiv Marburg das „Tagebuch für den Betrieb der Waldecker Talsperre“ (HStAM 607 Nr. 280). Das von Mitte 1926 bis März 1928 laufende Buch dokumentiert die Besonderheiten im Betrieb der Staumauer, etwa im Juli und August 1926, in dem der Stauweiher dreimal übergelaufen ist. Zudem sind Schäden und Reparaturen am Turbinensystem für die seit 1915 dort getätigte Stromerzeugung festgehalten. Ein vergleichbares Tagebuch, das produktive Prozesse belegt, ist das „Tagebuch der Bierbrauerey der Kurfürstlichen Domäne Beberbeck von dem Wirthschaftsjahr 1829“ (HStAM Rechnungen II Nr. Beberbeck 13), das vor allem eine Statistik der aus dem eingemaischten Malz und dem vorhandenen Hopfen gewonnen Biermenge aufführt. So zeigt sich, dass zwar zwei Sorten Bier gebraut wurden, nämlich Lager und „ordinaires“ Bier, aber nicht gleichzeitig. Während die Geschichte der Staatsdomäne Beberbeck als eines von fünf preußischen Hauptgestüten recht gut erforscht ist, harrt die wissenschaftliche Auswertung dieses Gewerbezweiges von Beberbeck noch seiner Würdigung.

Tagebuch des Husaren-Regiments, 1792-1793
Tagebuch des Husaren-Regiments, 1792-1793 (HStAM Best. 10 e Nr. II 19)

Hingegen ist eine weitere, in den Verwaltungskontext zu ordnende Gattung von Tagebüchern recht gut wahrgenommen und ausgewertet worden. Es handelt sich hierbei um die Regiments-Tagebücher oder -journale. Als Beispiel dient das „Tagebuch von hochlöblichen Husaren Regiment von denen Campagnen de Anno 1792 et 1793“ (HStAM 10 e Nr. II 19). Es beginnt im August 1792 mit dem Eintritt Kurhessens in den Ersten Koalitionskrieg und lässt die Bewegungen und Kampfhandlungen des Husarenregiments sehr gut nachvollziehen. Dabei werden Märsche zum Kriegsgebiet ebenso dokumentiert, wie Ruhe- oder Rasttage und die Gefechte mit allen Folgen. Dabei ging es auch darum, das rechtmäßige Verhalten der Truppe in Folge der Befehle zu belegen.

Die Bandbreite dessen, was ein Tagebuch alles umfasst, ist also im Hessischen Staatsarchiv Marburg ausgesprochen groß.
Eva Bender, Marburg

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