Rokoko-Idyll auf Leinwand

Schenkung einer Tapisserie an das Deutsche Tapetenmuseum

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Tapisserie aus dem 18. Jahrhundert (Ausschnitt)
Tapisserie aus dem 18. Jahrhundert (Ausschnitt)

In den kulturgeschichtlichen Sammlungen des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbaden schlummerte über Jahre hinweg von einem breiten Publikum oder auch der Forschung unbeachtet ein Schatz, für den die für Papier und Pergament idealen Lagerungsbedingungen nicht optimal waren und der zusammengefaltet auf seine Entdeckung wartete: die Fragmente einer Tapisserie im Rokokostil. Jetzt kann das wertvolle Stück "aufatmen": Denn die großformatige Leinwand konnte im Februar 2021 an das Deutsche Tapetenmuseum in Kassel abgegeben werden, wo die Aufbewahrungsbedingungen optimal sind und auch ein adäquater Interessenkreis zu finden sein wird.

Vor der Übergabe wurden die Fragmente trocken gereinigt und für den Transport in mehrere Lagen Seidenpapier eingeschlagen. So vorbereitet wurden die Stücke am Tag der Abholung in einer großformatigen Transportbox verpackt, die diese vor Beschädigung schützt.

Die Tapisserie wird verladen
Eingeschlagen in Seidenpapier werden die einzelnen Teile der Tapisserie für den Transport verladen.

Erhalten sind vier Fragmente, drei größere Stücke von etwa 230 cm Länge und ein kleineres Bruchstück mit Rahmenwerk. Den Maßen nach war die Tapisserie wandhoch aufgespannt und dürfte ganze Wände, vielleicht auch einen vollständigen Raum eingekleidet haben, so dass der Betrachter sich inmitten der idyllischen Szenerie wähnen konnte. Denn die dargestellten Szenen zeigen eine höfische Gesellschaft, die in einem Boskett lustwandelt oder musiziert. Diese sich verlustierende Gesellschaft ist umgeben von kunstvoll arrangierten Pflanzen. Im Hintergrund zu sehen sind architektonische Elemente, eine Statue und ein Hermenpilaster, klassische Formelemente also, die im Zusammenspiel mit dem verspielten Dekor typisch sind für das 18. Jahrhundert. Umgeben ist die Darstellung von Ornamenten im Rocaillestil des Rokoko.

Der Künstler ist ebenso unbekannt wie die Herkunft dieses nur in Fragmenten erhaltenen Objekts. Beklebungen auf der Rückseite mit Altpapier lassen aber den Schluss zu, dass die Tapisserie ein Anwesen in der ehemaligen Reichsgrafschaft Sayn-Altenkirchen dekoriert hat. Die Entstehung des Bildteppichs dürfte in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zu datieren sein. Wo dieser jedoch gefertigt wurde, lässt sich ohne weiterführende Forschung nur spekulieren.

Ein Kavalier mit Mandoline unterhält zwei Damen (Ausschnitt aus der Tapisserie)
Ein Ein Kavalier mit Mandoline unterhält zwei Damen.

In Mittelalter und Früher Neuzeit galten Tapisserien als wertvolle Besitztümer, die nicht nur zur Zierde, sondern der Herrschaftsrepräsentation dienten. Die kostspieligen handgewirkten Bildteppiche waren exorbitant teure Luxusobjekte. Eine preiswertere Alternative für den gehobenen Geschmack boten grob gewebte und motivisch bemalte Leinwände, welche die gewirkten Teppiche imitierten. Um eine solche Variante handelt es sich auch im vorliegenden Fall. Dennoch stellt der Bildteppich ein beeindruckendes und kulturgeschichtlich wertvolles Kunstwerk dar, das im Hessischen Hauptstaatsarchiv nicht adäquat präsentiert werden konnte. Umso erfreulicher ist, dass die Tapisserie nun im Deutschen Tapetenmuseum restauratorisch optimal behandelt und ausgestellt werden kann.
Carina Schmidt, Wiesbaden

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