Staatlicher Unterricht für Gehörlose

Das geplante "Institut für die Taubstummen" im Mainz

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Rundschreiben an die kurmainzischen Ämter
Rundschreiben an die kurmainzischen Ämter: Auskunft über die "Taubstummen", 1785

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein waren gehörlose Kinder – mehr noch als hörende – auf das Wohlwollen ihrer Eltern oder Vormünder angewiesen. Entstammten die Eltern einer höheren Gesellschaftsschicht oder gar dem Adel, waren sie wohlhabend oder bildungsbeflissen, erhielten auch hörbehinderte Kinder eine frühzeitige Förderung. Im Gegensatz dazu hatten die Kinder armer oder ungebildeter Eltern, insbesondere der einfachen Landbevölkerung, nur wenig Chancen, wenigstens eine rudimentäre Bildung zu erlangen. Oft unterblieb selbst die religiöse Unterweisung, die nach den damaligen Vorstellungen die Voraussetzung für ein „ehrliches“ Leben war. Ohne Möglichkeit zum Berufserwerb oder zur Eheschließung – und somit ohne Aussicht auf Kinder und Altersversorgung – mussten die Betroffenen oftmals ein Leben in Armut führen. Der Weg ins Spital oder Armenhaus war für viele unausweichlich.

Friedrich Karl Joseph von Erthal, Kurfürst und Erzbischof von Mainz, der die aufgeklärte Herrschaft seines Vorgängers fortsetzte, hatte Mitte der 1770er Jahre mit grundlegenden Reformen des Schulwesens und des Armen- und Fürsorgewesens in seinem Territorium begonnen. Hierbei war ihm auch die schwierige Lebenssitutation gehörloser Personen in der Landbevölkerung bewusst geworden. Die langfristig beste Lösung schien ihm nicht ein Ausbau der (staatlichen) Versorgung, sondern die größtmögliche Selbständigkeit der Betroffenen.

Aus Paris lagen vielversprechende Nachrichten vor: Dort hatte Charles-Michel de l’Epée, ein französischer Geistlicher (1712–1789), im Jahr 1771 die erste Schule für Gehörlose gegründet. Erstmalig wurden gehörlose Kinder gezielt nach einer festen pädagogischen Methode unterrichtet. Der Abbé de l‘Epée verwendete dazu Gebärden, die er von gehörlosen Parisern übernommen und mit eigenen Gesten zu einer frühen Form von Gebärdensprache ergänzt hatte. Auch in Wien und Leipzig gab es bereits Schulen für hör- und sprachbehinderte Personen. Nun zeigte sich für Außenstehende, dass Gehörlose (mindestens) einen normalen Bildungsstand erreichen konnten.

Geplantes "Institut für die Taubstummen" in Mainz
Plan des "Institut für die Taubstummen" in Mainz, 1784 (HStAD Best. P 1 Nr. 2179)

Friedrich von Erthal war davon so beeindruckt, dass er auch in Mainz eine derartige Schule gründen wollte. Zu diesem Zweck schickte er den Abbé Müller, von dem nur der Vornamen überliefert ist, nach Paris und ließ ihn dort in der Schule des Abbé de l’Epée ausbilden. Unterdessen konkretisierten sich in Mainz die Vorbereitungen für die Unterbringung des „Instituts für die Taubstummen“ (HStAD Best. P 1 Nr. 2179). Wie der im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt erhaltene Plan vermuten lässt, wurden hierzu zwei nebeneinanderliegende Häuser zu einem größeren Komplex verbunden. Das Erdgeschoss, das drei heizbare Zimmer und eine Küche umfasste, sollte als Wohnung vermietet werden. Vermutlich waren die Einkünfte zur Mit-Finanzierung des Instituts gedacht. Im ersten Stock befand sich die Wohnung des Lehrers, bestehend aus zwei Räumen und einer davon durch das Treppenhaus getrennten Küche, sowie ein großer Unterrichtsraum. Im ausgebauten Dachgeschoss waren zwei Schlafräume mit je sieben (Stock?-)Betten für die Schüler und Schülerinnen geplant. Auffällig ist, dass das Gebäude immerhin über drei „Privats“, also Aborte, verfügte. An eine Waschmöglichkeit für die Zöglinge hatte man allerdings nicht gedacht.

Für die weitere Organisation der neuen Schule, insbesondere die Finanzierung, wurde im November 1785 ein Rundschreiben an die kurmainzischen Ämter verschickt. Die Amtleute sollten innerhalb von 14 Tagen Auskunft darüber geben
a) wieviel Taubstummen sich in ihrem untergebenen Amtsbezirke befinden,
b) wie sie sich nennen,
c) wie alt und wessen Standes sie seyen
d) ob sie einiges Vermögen haben, worinn solches bestehe und
e) ob solches so beschaffen sey, daß sie sich hier in dem Institute auf ihre Kosten den Unterricht geben lassen können, oder aber was sonsten für Mittel vorhanden sind, dergleichen Taubstummen während ihrem Unterrichte dahier die Verpflegung zu verschaffen.

Wie die Formulierung zeigt, war das neue „Institut für die Taubstummen“ keineswegs nur für (Schul-)Kinder gedacht. Auch erwachsenen Gehörlose sollte zumindest die Möglichkeit zur Verständigung, d.h. lesen und schreiben, erlernen können.

Die etwas zögerlich eintreffenden Antworten der Amtmänner, die erst jeden Ortsschultheißen befragen mussten, geben einen ebenso interessanten wie bedrückenden Einblick in die Lage Gehörloser gegen Ende des 18. Jahrhunderts (HHStAW Abt. 108 Nr. 2754; Abt. 106 Nr. 278).
Noch im Schulalter befand sich der elfjährige Johannes Kilb aus Oberjosbach, der als „sehr gelehrig“ bezeichnet wird. Er besuchte die örtliche (Winter-)Schule und war „bereits im schreiben besser alß seine Mitschühler erfahren und folglich imstand (…), sich durch diesen weeg andern begreiflich zu machen.“ Auch wenn die Eheleute Kilb vermeiden wollten, ihre Kinder finanziell ungleich zu behandeln, „so würde es jedoch diesem Knaben alles werth seyn, den Unterricht empfangen zu haben und zum Menschen gebildet worden zu sein, wenn Er auch hievor dereinst in der [Erb-]Theilung gegen die übrige Geschwistrige zurückstehen müßte.“ Sofern der Unterricht in Mainz nicht zu viele Jahre dauerte, konnten die Eltern immerhin 20 Gulden bezahlen; 10 weitere würde die Gemeindekasse beitragen. Und die Eltern konnten Verpflegungspakete aus Oberjosbach ins rund 25 km entfernte Mainz bringen.

Weniger gut war die Situation der zwölfjährigen Katharina Best aus Neuenhain, die abgesehen von der Gehörlosigkeit „von gesundem Körper und Verstand“ war. Ihr Vater war arm, so dass das Mädchen mit Spinnen, Stricken und Nähen seinen Lebensunterhalt verdienen musste; ein Schicksal, das auch hörende Kinder treffen konnte. Die Gemeinde Neuenhain war aber bereit, 30 Gulden für den Unterricht in Mainz zu zahlen.

Drei Gehörlose lebten im Amt Eltville: Maria Elisabeth Burg in Eltville selbst, der 25jährige Jakob Holz in Niedergladbach und Michael Jung in Hattenheim. Alle drei waren bürgerlichen Standes und ledig.
Der Hospitalsfonds von Eltville wäre für die Schulkosten von Maria Elisabeth aufgekommen. Doch sie war seit einem „hefftigsten Gichter“ (Krampfanfall) in ihrer frühesten Kindheit schwerstbehindert und „ist zur Einnehmung einigen Unterrichts ganz unfähig, indem sie auch des Verstands gänzlich beraubt und an allen Gliedern gelähmt“. Zudem litt sie an einer Schluckstörung, „so daß ihr die Nahrungsmittel durch den Schlund eingetröpfelt werden müssen.“ Trotz dieser Behinderung hatte sie - dank guter Pflege - immerhin schon das Alter von 33 Jahren erreicht.
Der junge gehörlose Jakob Holz schien „zum Unterricht ganz geschickt zu seyn“, doch war er gänzlich unvermögend und die Gemeinde Niedergladbach zu arm, die Kosten zu übernehmen. Michael Jung wiederum besaß zwar einiges Vermögen, galt aber mit 58 Jahren als zu alt für den Schulunterricht. Aus Höchst, Hofheim und Oberursel wurden keine Gehörlosen gemeldet.

Die beiden Akten zum Mainzer „Institut für die Taubstummen“, die im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden aufbewahrt werden, lassen nicht erkennen, ob das Projekt umgesetzt wurde und wie lange die Schule möglicherweise bestand. Trotzdem geben sie Aufschluss über das neue Bildungsideal der Aufklärung, das sich nun auch hör- und anderweitig behinderten Personen widmete, und laden zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema ein.
Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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