"...Alles anzuwenden, um jede Art Thierquälerei zu verhindern"

Tierwohl und Tierschutzvereine im 19. und frühen 20. Jahrhundert

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Stahlstich Katze "Schnurri" aus einer Broschüre des Berliner Tierschutz-Vereins (HHStAW Abt. 425 Nr. 4296)
Wirkt auch nach über 120 Jahren: Stahlstich der Katze "Schnurri" aus einer Broschüre des Berliner Tierschutz-Vereins (HHStAW Abt. 425 Nr. 4296)

Obwohl Nutz- und Haustiere für die Agrarwirtschaft unentbehrlich waren und in vielen Ländern noch sind, war in der Bevölkerung der Sinn für Tierwohl nur wenig verbreitet. Nur vereinzelt gab es zumeist anlassgebundene obrigkeitliche Verordnungen, die Misshandlungen von Tieren verboten, während gleichzeitig vermeintliche Flur- oder Fruchtschädlinge wie etwa Sperlinge gejagt wurden. Bei der gegen Ende des 18. Jahrhunderts durchgeführten drastischen Verkleinerung der Ziegenherden war der Schutz von Feldern und Wäldern die Motivation; bei der Abschaffung der Metzgershunde die Furcht vor Tollwut. In den Stallordnungen landesherrlicher Ställe, wie sie etwa aus Kurtrier überliefert sind, wurde durchaus die gute Behandlung der Pferde und Maultiere eingefordert, wobei damit vor allem der Wert der Tiere gewahrt bleiben sollte.

"Der arme Kettenhund", Auszug aus einer Broschüre des Berliner Tierschutz-Vereins (HHStAW Abt. 425 Nr. 4296)
(K)eine Kindergeschichte: "Der arme Kettenhund", Auszug aus einer Broschüre des Berliner Tierschutz-Vereins (HHStAW Abt. 425 Nr. 4296)

Erst im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts erhielt das Wohl von Nutz- und Haustieren, aber auch von Wild und Kriechtieren stärkere Aufmerksamkeit. Parallel zur beginnenden (Früh-)Industrialisierung versuchten sowohl Privatpersonen als auch staatliche Stellen, in der Bevölkerung einen Sinn für Tiere als fühlende und leidende Mitgeschöpfe des Menschen zu wecken. Im Jahr 1844 wurde der „Verein zum Schutz der Thiere im Herzogthum Nassau“ gegründet (HHStAW Abt. 242 Nr. 1041 und Abt. 231 Nr. 33). Ziel des Vereins war, „daß das Mißhandeln, Marten und Quälen der Thiere (…) aus den Sitten aller Völkerklassen verschwinde.“ Die Mitglieder mussten folgendes versprechen:
„a) Sich selbst keine Tierquälerei, welcher Art und Natur dieselbe auch sein mag, zu Schulden kommen lassen zu wollen.
b) Durch Beispiel, Ermahnung und Strafen zu verhindern, daß Kinder und Hausgenossen sich dergleichen Mißhandlungen der Thiere schuldig machen.
c) In ihrem und nach Maßgabe der Ausdehnung ihres Wirkungskreises als: Staatsdiener, Geistliche, Lehrer, Schultheißen etc. Alles anzuwenden, um jede Art Thierquälerei zu verhindern.“
Der Beitritt zum Verein stand allen unbescholtenen Erwachsenen ab dem 23ten Lebensjahr offen, ausdrücklich auch Frauen, „vorzüglich Glieder eines Frauenvereins oder Vorsteherinnen der Kleinkinderbewahranstalten“ (Kindergärten), die „auf alle mögliche Weise“ zum Beitritt aufgefordert werden sollten. Die Initiatoren hatten erkannt, dass Tierschutz den Kindern schon möglichst früh vermittelt werden musste.

Werbung für die Broschüren des Berliner Tierschutz-Vereins (HHStAW Abt. 425 Nr. 4296)
Werbung für die Broschüren des Berliner Tierschutz-Vereins (HHStAW Abt. 425 Nr. 4296)

Der Verein wurde von der nassauischen Landesregierung bzw. den nachgeordneten Ämtern aktiv unterstützt und über die Dorfschultheißen beworben. Doch das Interesse der Landbevölkerung war sehr gering. Die meisten Mitglieder waren Lehrer, Geistliche und Schultheißen oder niedere Beamte, vereinzelt auch höhere Ratsmitglieder und einige wenige „Ökonomen“. Der Grund dafür war teilweise der Jahresbeitrag von 12 Kreuzern, hauptsächlich aber das mangelnde Problembewusstsein: „Von hieraus will sich Niemand zum Beitritt des rubricirten Vereins verstehen“, schrieb der Schultheiß von Hasselborn, „und zwar deshalb, weil dahiero ohnehin keine Thierquälerei vorkommt.“ Die grobe Behandlung von Zugtieren, schlechte Haltung und brutal durchgeführtes Schlachten, die Vernachlässigung von Kettenhunden oder auch die angeblichen „Kindervergnügen“ wie Nesterausnehmen oder Jagd auf Frösche und Kriechtiere wurden nicht als Tierquälerei empfunden.

Bitte um Vogelfütterung im Winter, Plakat des Berliner Tierschutz-Vereins (HHStAW Abt. 425 Nr. 4296)
Das Plakat des Berliner Tierschutz-Vereins zur Vogelfütterung im Winter wurde über viele Jahre erst in schwarz-weiß, dann in Farbe aufgelegt. (HHStAW Abt. 425 Nr. 4296)

Auch staatlicherseits wurden nun vermehrt Tierschutzgesetze erlassen. Zum einen hatte man dabei das Wohl der Tiere im Sinn, zum anderen eine „Besserung“ des Menschen. „Sind auch Thiere keine rechtsfähigen Subjecte“, heißt es in einem 1855 verfassten Bericht aus der Landgrafschaft Hessen-Homburg, „so hat denn doch der Mensch gegen sie, als gegen fühlende Geschöpfe, bestimmte sittliche Pflichten, sie nämlich nicht zu quälen und zu mißhandeln. Uebertretungen dagegen haben noch den weiteren Nachtheil, daß sie das Gefühl des Mitleids abstumpfen und somit auch zu Grausamkeiten gegen Menschen fähig machen.“ (HHStAW Abt. 310 Nr. XIV c 1 35)

Stahlstich mit Kleinkind und Hund. Bildunterschrift: "Kannst Du denn nicht reden?" Aus einer Broschüre des Berliner Tierschutz-Vereins (HHStAW Abt. 425 Nr. 4296)
"Kannst du denn nicht reden?" fragt das Kleinkind den treuen Hund - oder der Hund das Kind? Aus einer Broschüre des Berliner Tierschutz-Vereins (HHstAW Abt. 425 Nr. 4296)

Häufig jedoch standen wirtschaftliche Erwägungen der Durchsetzung des Tierwohls entgegen, wie das Verbot des Doppeljochs zeigt. Bei dieser Art der Anschirrung werden zwei Zugtiere, zumeist Ochsen oder auch Kühe, in einem gemeinsamen Joch eingespannt. Je nach Ausführung verhinderten Quer- und Seitenstangen die freie Bewegung des Kopfes; auch Größenunterschiede der Tiere bereiteten große Probleme. 1883 wurde im preußischen Regierungsbezirk Koblenz daher das Doppeljoch verboten. Erkundigungen hatten ergeben, dass diese Anschirrung ohnehin nur von einem kleinen Teil der Bauern verwendet wurde, während die meisten Einzeljoche verwendeten. Doch in der Gemeinde Leun bei Wetzlar regte sich Widerstand gegen das Verbot, und zwar aus einem praktischen Grund: Die Hofreiten waren zu klein für Koppelfuhrwerke, die eine aufwändigere Anspannung erforderten und insgesamt mehr Platz bzw. Länge beanspruchten. Obwohl 93 Bauern des Orts das Gesuch unterzeichneten, wurde es abgelehnt. „Ausnahmen dürften jedoch zuzugestehen sein.“ (HHStAW Abt. 423 Nr. 526)

Titelblatt des Tierschutz-Kalenders 1910, herausgegeben vom Berliner Tierschutz-Verein (HHStAW Abt. 425 Nr. 4296)
Der "Tierschutz-Kalender" des Berliner Tierschutz-Vereins hatte ab dem frühen 20. Jahrhundert einen farbigem Einband, was seine Attraktivität bei Kindern gewiss steigerte. (HHStAW Abt. 425 Nr. 4296)

Erheblich mehr Reichweite als der nassauische Tierschutzverein hatte der 1841 gegründete „Berliner Tierschutz-Verein“ (HHStAW Abt. 425 Nr. 4296). Er setzte sich u.a. für das Schlachten unter Betäubung und durch ausgebildete Metzger ein, für das legale, möglichst schmerzfreie Töten sehr alter und kranker Tiere und für das Verbot des sog. Dohnenstiegs (Vogelfalle mit Schlinge). Auch die richtige Haltung von Nutz- und Haustieren war ihm ein Anliegen. Neben politischen und gesellschaftlichen Aktivitäten, wie etwa dem Aufhängen von Plakaten zur Vogelfütterung im Winter, richtete er seine Aufmerksamkeit besonders auf den Schulunterricht. Eine kleine Broschüre mit dem Titel „Tierschutz in Schule und Gemeinde“, verfasst von Lehrer Philipp Klenk aus Mainz, enthielt Anregungen, wie man in allen Schulfächern (außer Sport) das Thema „Tierschutz“ vermitteln konnte. Schulkinder erhielten kostenlose Büchlein und Taschenkalender, in denen mit kleinen Geschichten, Bildern und praktischen Tipps ein Bewusstsein für Tiere geweckt werden sollte. Auch wenn die Machart der Publikationen auf heutige Betrachter etwas naiv wirkt, hat ihr Anliegen leider noch immer nichts von seiner Aktualität verloren.
Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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