Aus einem Totenhaus - Zum 140. Todestag von Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Zum 140. Todestag von Fjodor Michailowitsch Dostojewski

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Bühnenbild der Erstaufführung von "Aus einem Totenhaus" am Staatstheater Kassel
Bühnenbild der Erstaufführung von "Aus einem Totenhaus" am Staatstheater Kassel

Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821–1881) gilt als einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller, zu dessen Hauptwerk „Schuld und Sühne“, „Der Idiot“ und „Die Brüder Karamasow“ gehören. Da er revolutionären Kreisen und dem Frühsozialismus nahestand, wurde er 1849 verhaftet und in Sibirien inhaftiert. Seine dort gemachten Erfahrungen verarbeitete er in der Erzählung „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“, mit der sein schriftstellerisches Renommee wiederhergestellt wurde. Diese Erzählung wiederum verwendete der tschechische Komponist Leoš Janáček als Vorlage für das Libretto seiner Oper „Aus einem Totenhaus“, die 1930 posthum in Brünn aufgeführt wurde.

Am 30. November 1972 hatte diese Oper im Staatstheater Kassel ihre Premiere, u.a. mit dem später als Heldenbariton international gefeierten Wicus Slabbert als Alexander Petrowitsch Gorjantschikoff. Für die Aufführung hat sich im Bestand 159 – Staatstheater Kassel – eine Akte erhalten (HStAM Best. 159 Nr. 4634), die neben den Kosten und dem Programmheft vor allem über die technischen Details informiert, die während der Vorstellung zu beachten waren. Nach der Regieanweisung sollte im zweiten Akt eine Zigarette geraucht werden und zwar hinter dem Eisernen Vorhang. Für dieses dramaturgische Detail beantragte kurz vor der Premiere Direktor Olbrich beim Polizeipräsidium Kassel eine Raucherlaubnis. Diese wurde am 1. Dezember 1972 mit dezidierten Vorstellungen des Brandschutzes erteilt: Das Anzünden der Zigarette hatte nur mit einem Sicherheitsfeuerzeug hinter dem Eisernen Vorhang zu erfolgen. Zusätzlich musste der Aschenbecher, in dem die Zigarette abgelegt werden sollte, mit Wasser gefüllt sein. Bei jeder Aufführung hatte eine „Feuersicherheitswache“ anwesend zu sein, die zudem vor jeder Vorstellung das ordnungsgemäße Funktionieren des Sicherheitsvorhanges durch Aufziehen und Herablassen zu überprüfen hatte.

Antrag auf Raucherlaubnis in der Inszenierung von "Aus einem Totenhaus"
Antrag auf Raucherlaubnis in der Inszenierung von "Aus einem Totenhaus"

Da in der Schluss-Szene auch ein lebendiger Adler vorgesehen war, wurde ein Steppenadler von Falkner Knau aus Marburg organisiert, der für den Auftritt seines Vogels ein pauschales Honorar von 150,- DM erhielt. Zudem wurde der Adler im Rahmen einer Tier-Lebensversicherung abgesichert. Schließlich findet sich auch noch eine Brief-Kritik einer Lehrerin aus Frankenberg in der Akte, die zwar das Thema sehr gut fand, die musikalische Umsetzung aber durch die Sänger nicht gelungen, was sie eventuell auf die kompositorische Vorlage von Janáček zurückführte.

Die Akte stammt aus dem Bestand 159 Kasseler Staatstheater, der 2020 vollständig verzeichnet worden ist. Da die Akten des Staatstheaters, das auf Vorläufer aus dem 17. Jahrhundert zurückgeht, seit 1814 fast lückenlos dokumentiert sind, gewährt dieser Bestand mit seiner Überlieferung neben den Beständen 160 Akademie der Bildenden Künste und 223 Landesbibliothek einen umfassenden Einblick in die Kulturgeschichte der Stadt Kassel. Etwa 30 laufende Regalmeter oder fast 3000 Verzeichnungseinheiten bieten Informationen zu den Vorstellungen, zum Repertoire, Gastspielen, aber auch zu Garderoben-, Kostüm- und Dekorationselementen sowie zum Finanz- und Rechnungswesen. Auch wenn sich die Theater durch die Corona-Pandemie in einem verlängerten Winterschlaf befinden, regt dieser Artikel vielleicht die Vorfreude auf zukünftige Premieren und Theaterbesuche an. So wird beispielsweise die für März 2021 in Kassel geplante Premiere von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ sicher zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden.
Eva Bender, Marburg

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