Von einem tyrannischen Kammerdiener

Erstaunliche Interna vom Darmstädter Hof

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Uniformen der Leib-Lakaien am Kaiserlichen Hof in Wien
Ansichten des "tyrannischen Kammerdieners" und seiner Kollegen sind leider nicht erhalten. Wir zeigen daher zur Einstimmung zwei Leib-Lakaien vom Kaiserlichen Hof in Wien aus der "Neu eröffneten Welt-Galleria" von Christoph Weigel, 1703

Intrigante, korrupte oder tyrannische Bedienstete bevölkern (mindestens) seit der Frühen Neuzeit die europäische Literatur. Aber es gab solche Persönlichkeiten natürlich auch im „richtigen Leben“, wovon eine schmale Akte im Darmstädter Hausarchiv (HStAD D 4 Nr. 500/6) Zeugnis ablegt.

Nachdem Prinz Johann Friedrich Karl von Hessen-Darmstadt, ein Sohn des Landgrafen Ludwig VIII., am 26. Januar 1746 verstorben war, wurde die Dienerschaft darauf verpflichtet, den Nachlass des Verstorbenen wieder vollständig auszuhändigen. Johann Friedrich Karl hatte in österreichischen Militärdiensten gestanden und eine Karriere bis zum kaiserlichen Obristen und Kommandanten gemacht. Dann aber war er noch nicht einmal zwanzigjährig an einer „hitzigen Brust-Schwachheit“ (HStAD D 4 Nr. 500/1) unverheiratet in Darmstadt verstorben.

Beschwerde über den Kammerdiener Werner
Ausschnitt aus der Beschwerde über den Kammerdiener Werner: Er sei so autoritär aufgetreten, dass man nicht mehr unterscheiden konnte, "ob er unter einem Gouvernement eines Höheren stehe oder Herr selbst seye."

Im Zusammenhang mit der Nachlassregelung durch die Dienerschaft muss es zu Unstimmigkeiten gekommen sein, weshalb drei Diener eine Beschwerde über den Kammerdiener Werner zu Protokoll gaben, die wenige Wochen nach dem Tod des Prinzen den Hofbehörden präsentiert wurde. Hierin geht es ausschließlich um die Verfehlungen des Kollegen. Er habe sich eine solche Autorität angemaßt, heißt es in dem Schreiben, „daß fast ein vernünfftiger Mensch nicht mehr [habe] unterscheiden können, ob er unter einem Gouvernement eines Höheren stehe oder Herr selbst seye“, und das wird auf acht handschriftlichen Seiten detailliert ausgeführt. Es wird auf seine „Herrschsucht“ eingegangen, die auch darin bestand, dass die von ihm erteilten Antworten an den Prinzen durch die Boten so weit umformuliert werden mussten, dass sie „geziemend“ erschienen. Auch hatte Werner seinem Herrn Geldzahlungen zum Kartenspiel verweigert, weil dieser die Summe nur verspiele und damit seiner Ehre Abbruch tue, was den Diener regelrecht dazu zwinge, sich einen anderen Arbeitgeber zu suchen. Während der Unpässlichkeiten des Prinzen hatte sich Werner geweigert, seinen Dienst zu verrichten, und sich über acht Tage nicht sehen lassen. Während der Krankheit Johann Friedrich Karls hatte er sich sogar mit Kartenspiel vergnügt und den frisch aufgebrühten Tee selbst getrunken, während der kranke Prinz den Aufguss vom Vortag vorgesetzt bekam. Ließ er sich also häufig nicht sehen und versah nur säumig seinen Dienst, konnte es andererseits auch sein, dass er sich verweigerte, wenn der Prinz ihn bat, sich zurückzuziehen. Selbst wenn der Prinz auf dem Nachtstuhl saß, setzte er sich dazu oder legte sich in das danebenstehende Bett.

Kaiserlicher Kammerdiener am Hof in Wien
Prächtig gekleidet waren auch die Kaiserlichen Kammerdiener am Hof in Wien

Warum dieser Bericht überhaupt angefertigt wurde, dürfte mit dem Verweis darauf zu erklären sein, dass Werner angeblich schon während der Krankheit des Prinzen damit angefangen hatte, Kleidung, Jagdwaffen und Pfeifenköpfe aus dem Zimmer zu räumen und in seine Verwahrung zu übernehmen. Vermutlich fehlten Gegenstände im Nachlass, so dass sich die übrigen Diener durch die Anklage gegen den Vorwurf schützen wollten, diese veruntreut zu haben.
Als großes Fragezeichen aber wird bleiben, warum das Verhalten des Kammerdieners so lange geduldet wurde. Als es zwischen Werner und einem Läufer zu Auseinandersetzungen um Teewasser kam, hieß es in dem Bericht: „Es wäre auch dieses beynahe in den Augen Seiner Hochfürstlichen Durchlaucht weitergekommen, wann nicht der Hochfürstliche Printz den Läuffer gerufen, um ihm befohlen, nur zu schweigen, mit dem Zusatz, wann Ihnen Gott die Gesundheit wieder schencken würde, Sie mit Ihrem Cammerdiener eine gantz andere Sache machen wollten.“ Dass der Prinz das Verhalten seines Kammerdieners so lange duldete und auch jetzt noch – trotz der Drohung für die Zukunft – seinem Läufer befahl, klein beizugeben, spricht nicht nur für einen ausgeprägten Charakter Werners, sondern auch für ein eigentümliches persönliches Verhältnis zwischen dem Prinzen und seinem Diener. Vielleicht kann die eher dürftige schriftliche Überlieferung Johann Friedrich Karls darüber noch Aufschluss geben. Vielleicht wird es aber auch immer ein Rätsel bleiben. Einen interessanten Einblick in die Arbeitswelt der Hofbediensteten aber bietet das Schriftstück auf alle Fälle.
Rouven Pons, Darmstadt

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