Zweimal Welterbe

Darmstädter Mathildenhöhe und Bad Ems von der Unesco ausgezeichnet

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Eintrittskarte der ersten Ausstellung auf der Mathildenhöhe, 1901
Eintrittskarte der ersten Ausstellung auf der Mathildenhöhe, 1901 (HStAD)

Zwei historische Stätten wurden im Juli 2021 von der Unesco zum Welterbe erklärt, deren archivalische Überlieferung sich (auch) im Hessischen Landesarchiv befindet: Bad Ems und die Darmstädter Mathildenhöhe.

Die Mathildenhöhe würdigt die Unesco mit folgenden Worten:
„Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein gründete 1899 auf der Mathildenhöhe Darmstadt eine Künstlerkolonie als Zentrum der damals neu entstehenden Reformbewegung in Architektur, Kunst und Handwerk. Die experimentelle Wohn- und Arbeitsstätte wurde von den Künstlern selbst gestaltet und im Zuge von vier internationalen Ausstellungen 1901, 1904, 1908 und 1914 erweitert. Das Ensemble der Mathildenhöhe ist ein außerordentliches Zeugnis von Architektur und Landschaftsgestaltung an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Sie steht stellvertretend für die in und an ihr arbeitende Künstlergemeinschaft, deren wegweisende Visionen für Wohn- und Arbeitswelten als Vorläufer der architektonischen Moderne gelten können.“
Im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt sind zahlreiche Plakate, Fotografien und auch zeitgenössische Beschreibungen der Mathildenhöhe überliefert. Besonders selten sind die Eintrittskarten und Programme der ersten Ausstellung auf der Mathildenhöhe 1901, die sich im Familienarchiv von Werner erhalten haben. Der Ministerialsekretär Leopold von Werner (1867–1951) trug sie zusammen. Sie sind alle sehr schlicht gehalten, bestechen aber durch ihre eleganten Jugendstilformen.

Eintrittskarte zu den "Darmstädter Spielen" auf der Mathildenhöhe
Eintrittskarte zu den "Darmstädter Spielen" auf der Mathildenhöhe (HStAD)

Bad Ems ist Teil eines internationalen Zusammenschlusses von Kurorten. Hierzu schreibt die Unesco:
„Das europäische Kur-Phänomen hatte seine stärkste Ausprägung zwischen 1700 und den 1930er-Jahren. „Auf Kur zu gehen“ beinhaltete dabei sowohl das Baden in als auch das Trinken und Inhalieren von Wasser aus Mineralquellen, um die herum sich alle Kurstädte entwickelten. Darüber hinaus gab es ein eng geplantes Tagesregime, das medizinische und sportliche Elemente ebenso berücksichtigte wie Muße, Unterhaltung und Sozialleben. Dieser ganzheitliche Ansatz brachte eine Architektur aus einzigartig vernetzten Innen- und Außenräumen hervor, deren Kernelemente sich auf dem ganzen Kontinent wiederfinden. Aus den hunderten Kurstädten Europas wurden die dynamischsten und internationalsten ausgewählt: Spa (Belgien), Bad Ems, Baden-Baden und Bad Kissingen (Deutschland), Vichy (Frankreich), Montecatini Terme (Italien), Baden bei Wien (Österreich), Karlovy Vary, Františkovy Lázně und Mariánské Lázně (Tschechien) sowie Bath (Vereinigtes Königreich).“

Historische Postkarte vom Kurhaus in Bad Ems
Historische Postkarte des Kurhauses in Bad Ems (HHStAW Abt. 3088/1 Nr. 17605)

Aufgrund der komplizierten Besitzverhältnisse – sowohl die 1479 ausgestorbenen Grafen von Katzenelnbogen und ihre Erben, die Landgrafen von Hessen-Darmstadt, als auch verschiedene Linien des Nassauer Grafenhauses hatten Herrschaftsrechte an Bad Ems – ist die Aktenüberlieferung zu Ems auf mehrere Bestände und Abteilungen des Hessischen Landesarchivs verteilt.
Die älteste Überlieferung aus der Zeit der Grafen von Katzenelnbogen befindet sich im Hessischen Staatsarchiv Marburg (Best. Urk. 54 Grafschaft Katzenelnbogen und Best. Urk. 1 Hessisches Samtarchiv). Der zentrale Bestand im Hessischen Hauptstaatsarchiv ist Abt. 355 Vogtei Ems. Er enthält die Akten der nassauischen Verwaltung, die aber meistens auch Aufschlüsse auf die Entscheidungen und Handlungen der hessischen Beamten geben. Für die Erforschung des Kurbetriebs ist bes. Gliederungspunkt 15 Medizinalwesen interessant. Er beinhaltet Akten zum (nassauischen) Badehaus und den Quellen, Personalien, Bade-Rechnungen und zur medizinischen Versorgung der Badegäste seit dem späten 17. Jahrhundert. Anhand der Kurlisten kann man rekonstruieren, wer das Bad besuchte: 1774 gehörte Johann Wolfgang von Goethe zu den Kurgästen (HHStAW Best. 355 Nr. 311).

Eintrag von Goethe in der Kurliste von Bad Ems, 1774
Am 24. Juni kamen Hauptmann von Romling von Trier und Frau Stegmann aus Grenzhausen, die eine Schwitzstube gemietet hatte. Am 26. trafen Herr Elsasser und "Frau Liebste" aus Neuwied ein - und "Doctor Goethe" aus Frankfurt (HHStAW Abt. 355 Nr. 311, 1774)

Für die Erforschung der Emser Geschichte im 19. Jahrhundert bzw. der Zeit des Herzogtums Nassau gibt es mehrere relevante Bestände. Für den Kurbetrieb selbst ist HHStAW Abt. 251 Bade- und Kurverwaltung der wichtigste Bestand (Gliederungspunkt Badeverwaltung Bad Ems). Besonders umfangreich ist die Überlieferung zu den Kureinrichtungen , die zahlreiche Bauakten beinhaltet. Auch für das 19. Jahrhundert sind sog. „Fremdenbücher“ überliefert, in denen die Kurgäste, ihr Aufenthaltszeitraum und der jeweilige Übernachtungsort aufgeführt sind (Gliederungspunkt Kurbetrieb). In den Beständen der nassauischen Zentralbehörden befinden sich ebenfalls zahlreiche Akten zum Kur- und Badebetrieb in Bad Ems (Abt. 210 Herzoglich-Nassauisches Staatsministerium, Abt. 211 Landesregierung und Abt. 212 Finanzkollegium) finden sich zahlreiche Akten zum Kur- und Badebetrieb in Bad Ems. Für das Alltagsleben ist insbes. Abt. 235 Herzoglich Nassauisches Amt Nassau wichtig, zu dem Dorf und Bad Ems gehörten.

Im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt enthält Bestand D 4 Großherzogliches Haus eine Vielzahl von Akten zu Kur- und Badeaufhalten von Mitgliedern der landgräflichen bzw. später großherzoglichen Familie seit den 1570er Jahren. Sie werden durch die Überlieferung im Staatsarchiv Marburg ergänzt: auch HStAM Best. 4 f Staaten N Staatenabteilung: Nassau - Nürnberg und Best. 4 f Staaten P Staatenabteilung: Paar - Pyrmont enthalten in verschiedenen Gliederungspunkten Akten zu Badeaufenthalten hessischer Landgrafen und anderer. Teilweise handelt es sich um Korrespondenzen, teilweise um Kostenabrechnungen, die einen interessanten Einblick in das „fürstliche Badeleben“ im Lauf der Jahrhunderte geben.

Einstellung von Badeärzten in Bad Ems
Akte aus preußischer Zeit: Einstellung von Badeärzten in Bad Ems (HHStAW Abt. 405 Nr. 588)

Die wichtigsten Bestände für die preußische Zeit (nach 1866) befinden sich im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden: Abt. 405 Regierungspräsidium Wiesbaden und Abt. 453/2 Bade- und Brunnenverwaltung Ems. Besonders aufschlussreich sind auch die zahlreichen Pläne, die in Wiesbaden überliefert sind. Sie werden sich in Abt. 3011/1 Allgemeine Kartenabteilung aufbewahrt (Gliederungspunkt Bad Ems). Hinzu kommen zahlreiche weitere Bestände, in denen Akten zu Bad Ems zu finden sind.

Plan vom Verlauf des 'Kalten Röhrenbrunnens' in Bad Ems
Plan vom Verlauf des 'Kalten Röhrenbrunnens' in Bad Ems (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 1446 H)

Das Hessische Landesarchiv gratuliert beiden Orten herzlich zu diesem Erfolg und lädt zugleich all diejenigen ein, die ihre Kenntnisse über diese Stätten noch vertiefen möchten, das umfangreiche historische Archivgut einzusehen. Unser Archivinformationssystem Arcinsys steht für eine online-Suche rund um die Uhr zur Verfügung!
Rouven Pons, Darmstadt / Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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