Eine Uhr für das Badehaus

Farbenprächtige Entwürfe aus Bad Ems

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Entwurf einer Uhr für das Badehaus in Bad Ems
Entwurf einer Uhr für das Badehaus in Bad Ems in Originalfarben (HHStAW Abt. 173 Nr. 4969)

Bad Ems gehörte und gehört zu den bekanntesten Kurorten. Das prachtvolle Gebäudeensemble von Kurhaus und Kasino am Ufer der Lahn lässt von der komplizierten Herrschaftsgeschichte nichts erahnen: Das Bad gehörte Hessen-Darmstadt und Nassau-Oranien gemeinschaftlich, wobei beide Herrschaften jeweils eigene Anteile hatten. So gab es zwei Badehäuser – ein hessisches und ein nassauisches – sowie zahlreiche weitere Gebäude, die dem Ganzen den Eindruck einer verschachtelten Burganlage gaben. Im frühen 18. Jahrhundert setzte sowohl auf hessischer als auch auf nassauischer Seite eine rege Bautätigkeit ein, mit der das beliebte Bad modernisiert wurde. Auch wenn Hessen und Nassau allein schon aufgrund der räumlichen Nähe zusammenarbeiten mussten, blieb doch stets eine gewisse Konkurrenz zwischen den beiden Landesherrn – und gegenüber dem Dritten auf der südlichen Lahnseite, dem Erzbischof von Mainz.

Im Jahr 1752 sollte das nassauische Badehaus daher eine besondere Neuerung erhalten: Eine große Uhr. Möglicherweise wollte man damit den neuen Fürsten von Oranien ehren und zugleich seinen Herrschaftsanspruch gegenüber der hessischen Seite betonen, denn Wilhelm V. war zu diesem Zeitpunkt erst drei Jahre alt und stand noch unter der Vormundschaft seiner Mutter, Anna von England. Zudem war eine prächtige Uhr mit Schlagwerk immer eine Attraktion, die den Kurgästen die Zeiteinteilung während der Kur erleichtern konnte.

Entwurf einer Uhr für das Badehaus in Bad Ems
Ein weiterer Entwurf mit Schildhaltern im Giebelfeld und einer reichverzierten Sonnenuhr über der mechanischen Uhr (HHStAW Abt. 173 Nr. 4969).

Die dünne Akte, die über die „Anschaffung einer Turmuhr am Badehaus zu Ems“ erhalten ist (HHStAW Abt. 173 Nr. 4969), enthält zwar keine Schriftstücke zu den Vorplanungen, dafür aber drei überaus farbenprächtige Entwurfszeichnungen der Uhr. Ob sie von dem Uhrmacher Friedrich Gräf aus Limburg, der einen Kostenvoranschlag beifügte, oder von einem der beiden namentlich nicht genannten Konkurrenten aus Neuwied und Rotenhain (Rotzenhahn) stammen, ist unklar. Möglicherweise sollten die Uhrmacher nur das Werk ausführen. Interessanterweise wurden die Vorschläge von Dr. Moritz Gottfried Forell, dem Emser Badearzt, begutachtet, nicht etwa von einem Architekten. Auch er wäre als Urheber der Vorschläge denkbar; vielleicht stammt auch die ganze Idee von ihm.

Die Uhr sollte – darin gleichen sich alle Vorschläge – in dem geschwungenen Giebelfeld in der Mitte des nassauischen Badehauses (Corps de Logis) angebracht werden. Zwei Vorschläge sahen zusätzlich eine Sonnenuhr überhalb der mechanischen Uhr vor; der dritte platzierte die Sonnenuhr vor allem aus technischen Gründen darunter. Das Zifferblatt sollte aus Eisenblech gemacht werden, die Zahlen aus Messing, „wie es an der Dietzer Uhr ist gemacht worden“. Wieder sollte Schlossermeister Braun tätig werden, der bereits das große Zifferblatt für Schloss Diez angefertigt hatte. In Ems war noch eine ältere Glocke vorhanden, die offenbar aus der alten (abgebrochenen) Kapelle der Kuranlage stammte. Sie konnte man für den Stundenschlag verwenden, so dass nur eine neue Glocke für die Viertel- und Halbenstunden erforderlich war. Der Schlag selbst sollte einem bekannten Vorbild folgen, nämlich „…daß die zwey Clocken daß geleute geben wie zu Oranienstein, wan den Gottesdienst gehalten würde“.

Entwurf einer Uhr für das Badehaus in Bad Ems
Dem dritten Entwurf wurde nachträglich das Glockentürmchen hinzugefügt. Er wurde später in ähnlicher Form realisiert (HHStAW Abt. 173 Nr. 4969)

Das gewünschte Schlagwerk sorgte aber für ein neues Problem: Es fehlten die Schalllöcher. Hierfür die Fassade oder das Dach zu durchbrechen, war aus architektonischen Gründen unmöglich. Es gab nur eine Lösung, wie Dr. Forell schrieb: „…mithin muß zu den Klocken ein kleines Thürmgen [Türmchen], so in der mitte Corps de Logis sich recht gut schicket, (…) gebauet werden“. Nach Meinung des Badearztes sollte die vorhandene Glocke für den Viertelstundenschlag und die neue (größere) Glocke für den Stundenschlag verwendet werden – er dachte also an ein lauteres Geläut.

Sämtliche Entwürfe zeigen ein dunkelblaues Zifferblatt mit goldfarbenen römischen Ziffern. Der große Zeiger war zudem rot grundiert. Besonders wichtig war das von zwei Löwen gehaltenen Wappen des Fürsten von Oranien. Ein Alternativvorschlag sah das Allianzwappen von Fürst Wilhelm IV. und Anna von England vor. Angesichts der heutigen eleganten weiß-gelben Fassadengestaltung des (modernen) Kurhauses muten die farbenprächtigen Vorschläge beinahe schrill an. Sie zeigen auch, dass die Lisenen in der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht weiß, sondern rötlich bzw. sandsteinfarben waren.

Allianzwappen von Wilhelm IV. von Oranien-Nassau und Anna von England
Auch das farbenprächtige Allianzwappen von Wilhelm IV. von Oranien-Nassau und Anna von England war als Verzierung der Uhr angedacht (HHStAW Abt. 173 Nr. 4969)

Dr. Forell legte die Entwürfe der Rentkammer vor, die angesichts der Kosten zurückschreckte. Uhrmacher Gräf verlangte 106 Reichsthaler reinen Arbeitslohn; hinzu kamen noch Uhrwerk und das Zifferblatt, die Glocke und die Baukosten für das Glockentürmchen. Im Jahr 1753 befahl die Rentkammer Dr. Forell, das Projekt vorerst nicht weiterzutreiben. Falls aber die Einkünfte aus dem Bad Ems „in künftigen oder noch folgenden Jahren“ einen Überschuss erzielten, „soll das sur plus zu anschaffung besagter uhr verwendet werden.“

Postkarte des Kurhauses von Bad Ems um 1900
Die Postkarte von 1900 zeigt den Rundgiebel mit einer einfachen Uhr und dem Glockentürmchen. Beim Umbau 1912/13 wurde der linke Spitzgiebel der Mittelpunkt des vergrößerten Kurgebäudes und trägt jetzt das Glockentürmchen (HStAD Best. R 4 Nr. 20817)

Die Uhr wurde später doch noch realisiert, möglicherweise gleich in vereinfachter Form. Fotografien und Zeichnungen des alten Badehauses zeigen den Rundgiebel mit dem sich dahinter erhebenden Glockentürmchen, das jedoch etwas unharmonisch eingefügt ist und vor dem höheren Dachstuhl seine Wirkung verfehlt. Bei dem grundlegenden Umbau der Jahre 1912/1913, der erstmal ein (optisch) einheitliches Gebäudeensemble schuf, wurde die Uhr in das Glockentürmchen integriert. Seit nun über 100 Jahren sind Uhr und Türmchen die zentrale Bekrönung des Mittelgiebels. Die alten Glocken befinden sich in der Kapelle in Spieß (Maria König).

Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

Literaturhinweis
Hans-Jürgen Sarholz: Vom Wildbad zum Grand Hotel. Die Baugeschichte des Kurhauses in Bad Ems. (Bad Ems als Weltkulturerbe? – Heft 5. Bad Emser Hefte Nr. 479 (2016)).

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