Unbekannte Baupläne der Ämter Höchst und Idstein

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Bauzeichnung aus HHStAW Abt. 476/1
Bauzeichnungen aus HHStAW Abt. 476/1

Baupläne von Privathäusern sind vergleichsweise selten in Staatsarchiven überliefert – im Gegensatz zu Plänen staatlicher Gebäude. Grund für diese Überlieferungslücke ist vor allem das Fehlen detaillierter baurechtlicher Vorschriften für Privatgebäude bis weit in das 19. Jahrhundert hinein, wenn man von regionalen Vorgaben zu Massivbauten und Ziegeldächern einmal absieht. Zu deren Kontrolle bedurfte es jedoch keiner Bauzeichnungen. Erst mit der Ausdifferenzierung der Baubehörden und der Verlagerung der Ausbildung von Bauhandwerkern aus dem zünftischen in den staatlichen Bereich stiegen auch die Anforderungen an eine genaue Dokumentation von Bauvorhaben. Ursache hierfür waren unter anderem die Professionalisierung der Stadtplanung, die städtebauliche Anforderungen wie Baufluchtlinien, Straßenführung, Abwasserkanäle und Brandsicherheit ebenso berücksichtigte wie Brandschutz und Bausicherheit sowie die Fassadengestaltung. Bauherren waren nun verpflichtet, ihr Bauvorhaben bei der zuständigen Bauaufsichtsbehörde genehmigen zu lassen. Die Pläne hierzu wurden meistens von Zimmermeistern, manchmal von Architekten und zuweilen vom Bauherrn selbst angefertigt und verblieben i.d.R. bei der Behörde. Dort wurden sie allerdings nur selten dauerhaft aufbewahrt, sehr zum Kummer heutiger Hausbesitzer.

Um so erfreulicher ist das Ergebnis der Tiefenerschließung von HHStAW Abt. 476/1 Preußisches Hochbauamt Wiesbaden: In den bislang mit dem wenig aussagekräftigen Titel „Baudekrete“ verzeichneten Sammelakten wurden Baupläne zu über 240 Privathäusern der Ämter Höchst und Idstein entdeckt. Die meisten dieser Pläne beinhalten Grundriss, Aufriss und Querschnitt des Gebäudes sowie eine Lageskizze. Sie belegen eindrucksvoll die Wohn- und Arbeitssituation um 1870 und zeigen den Unterschied zwischen dörflicher und städtischer Architektur sowie die Finanzsituation verschiedener Bevölkerungsschichten. Vor allem Arbeiter, aber auch Kleinhandwerker und Witwen lebten häufig in sehr bescheidenen Verhältnissen. Der Mangel an Toiletten oder gar Badezimmern traf jedoch alle gleich und war dem Fehlen einer Kanalisation geschuldet.

Die Baupläne wurden nach Bauherrn, Gebäude und Ort verzeichnet. Eine genaue Lokalisation konnte aufgrund der vielfach veränderten Straßenführung und -bezeichnung nicht vorgenommen werden, ist jedoch für Ortskundige anhand der Lageskizzen gut möglich.

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HHStAW Abt. 476/1

Tipp: Pläne zu Privatbauten von Rüdesheim, Geisenheim und Oestrich-Winkel befinden sich in HHStAW Abt. 3011/1 unter „Ortskarten“.