Welches Korn ist denn das?

Objektübergreifende Akten im Staatsarchiv Marburg

Kornsamen_3.png

Akte mit Getreidekörnern (Warenprobe)
Akte mit Getreidekörnern als Warenprobe

Bisweilen finden sich in den Akten nicht nur Schriftstücke, sondern auch Realien der unterschiedlichsten Art. Im Kammerarchiv: Fruchtankauf und –verkauf befindet sich eine Akte aus dem Sommer und Herbst 1709, die sich mit dem „Ankauf von einigen 1000 Viertel Korn in Thüringen“ beschäftigt. Neben der Korrespondenz zwischen dem Amtsverweser Rückersfeld in Göllingen und der Regierung in Kassel haben sich auch insgesamt vier kleine Umschläge mit Getreideproben in der Akte erhalten (HStAM Best. 40 a Rubr. 48 Nr. 800)

Die Akte beschäftigt sich mit dem Ankauf von Getreide. Da der Winter zuvor ungewöhnlich hart und anhaltend gewesen war und in Frankreich sogar zu einer Hungersnot geführt hatte, war die Kasseler Regierung bemüht, rechtzeitig geeignetes Korn zu finden, das sich zur Mehlverarbeitung verwenden ließ. Immerhin stand zu erwarten, dass die bisher in auswärtigen Quartieren überwinternden hessischen Truppen, die im Spanischen Erbfolgekrieg kämpften, über die kalte Jahreszeit nach Hessen-Kassel zurückkehren würden und versorgt werden mussten. Daher bemühte sich der Amtsverweser Rückersfeld in Göllingen um den Ankauf von Korn außerhalb Hessen-Kassels, was sich nicht einfach gestaltete, zumal bereits der Kurfürst von Hannover im Thüringischen Korn aufkaufte. Da also die Getreidenachfrage groß und das Angebot begrenzt war, übersandte Rückersfeld zur Begutachtung verschiedene Kornproben nach Kassel, um zu klären, wo er das Getreide kaufen solle. Er schickte Proben aus Clingen im Sonderhäusischen, aber auch eine aus Harbsleben in Thüringen. Allerdings vermerkt er dazu: „diese probe korn ist der zu Clingen nicht gleich“. Bei der Betrachtung sind die Körner tatsächlich kleiner und weniger voluminös, was dann auch zum Befehl des Ankaufs des Clinger Korns führte.

Akte mit Getreidekörnern als Warenprobe
Dinkel oder Roggen? Die der Akte beiliegenden Getreidekörner in Großaufnahme.

Unklar ist, um welches Korn es sich bei den Proben in der Akte handelt. Während „Korn“ im Sprachgebrauch in der Regel das in einer Region gängige Getreide bezeichnet, spricht die Akte von Weizen, Gerste und Roggen, die aber im Kasseler Fruchtlager noch vorhanden und nicht unter Preis abzugeben waren. Nach Inaugenscheinname durch landwirtschaftlich geschulte Personen scheinen Dinkel oder Roggen für das Korn in Frage zu kommen. Aufgrund der Tatsache, dass Roggen bereits in der Quelle genannt wurde und für die Region auch zu Beginn des 18. Jahrhunderts recht verbreitet war, scheint es sich wohl um Roggen zu handeln. Dennoch fragt sich die Historikerin: Welches Korn ist denn das?

Kontakt: eva.bender@hla.hessen.de
Eva Bender, Marburg

Hessen-Suche