Ein Verbrechen in der "Schönen Aussicht"

Kriminalpolizeiliche Ermittlungen im Jahr 1916

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Schreibtisch in der Wohnung in der Schönen Aussicht in Frankfurt
Das Schreibpult im Vorzimmer der Wohnung des Getöteten war zwar etwas unordentlich, wies aber keine Spuren einer gewaltsamen Durchsuchung auf. Rechts die Wohnungstür mit den im Schloss steckenden Schlüsseln. (Tatortfoto der Kriminalpolizei)

„Frankfurt kann sich rühmen, eine Stadt ohne bewegte kriminelle Vergangenheit zu sein. Hoffentlich bleibt das auch in Zukunft“ – so beginnt ein Artikel in der Frankfurter Bürgerzeitung ,Sonne'. Alle Hoffnung setzte man in die Ermittlungsmethoden des Polizeirats Dr. Auerbach, der auch das jüngste Verbrechen erfolgreich aufgeklärt hatte: Nur wenige Tage zuvor, am 06. Mai 1916, war in einem Haus an der „Schönen Aussicht“ ein Gewaltverbrechen begangen worden.

Wie die Nachbarn aussagten, hatte Ernst Friedrich Haymann, ein rüstiger Privatier im Alter von 77 Jahren, wie üblich gegen Mitternacht seine Hündchen hinausgelassen und war anschließend in seine Wohnung im Erdgeschoss zurückgekehrt. Kurze Zeit später hatte der Kaufmann Reining, der im ersten Stock wohnte, von unten Hilferufe und Hundebellen gehört, doch weder er noch die herbeigerufene Haushälterin, Frau Münzer, hatten dem besondere Bedeutung beigemessen. Erst Reinings Tochter, die gegen halb zwei Uhr morgens nach Hause kam, bemerkte, dass im Haus etwas nicht stimmte: beide Haustüren und die Wohnungstür im Erdgeschoss standen offen. Zusammen mit ihren Eltern entdeckte sie dann den leblos im Vorzimmer liegenden, geknebelten Haymann und verständigten die Polizei. Gegen 3:30 Uhr morgens wurde das Verbrechen der Kriminalpolizei gemeldet, die sofort mit den Ermittlungen begann.

Fingerabdrücke des Opfers Ernst Friedrich Haymann
Fingerabdrücke des Opfers.

Während einige Kriminalpolizisten die Lebensumstände des Opfers untersuchten, versuchten andere, seinen letzten Lebenstag zu rekonstruieren und alle Personen, mit denen er zusammengetroffen war, zu ermitteln. Es ergab sich folgendes Bild:
Ernst Friedrich Haymann, geboren 1838 in (Bad) Kreuznach, war ein ehemaliger Weinhändler, der sich aus dem Berufsleben zurückgezogen hatte. Er besaß mehrere Häuser in Frankfurt und galt als sehr wohlhabend, weswegen er oftmals von Bittstellern aufgesucht wurde; auch „zweifelhafte Frauenspersonen – vielleicht auch Personen, die sich mit der Vermittlung solcher Frauen befassen“ gehörten nach Zeugenaussagen zu seinen Besuchern. Insgesamt aber führte Haymann ein ruhiges und respektables Leben, hatte keine Feinde und keine Schulden, nur manchmal säumige Mieter. Er besaß zwei kleine Hunde, Affenpinscher, die er regelmäßig ausführte, und ging gerne auswärts essen. Haymann, der offenbar niemals verheiratet gewesen war, lebte allein in der Vierzimmerwohnung, die aus einem Vorzimmer – dem Tatort – , einem Wohnzimmer, einem Schlafzimmer und einer Vorratskammer bestand. Ob auch eine Küche vorhanden, ist unklar; die Toilette befand sich außerhalb der Wohnung auf dem Treppenabsatz.

Das Schloss der Wohnungstür wies Spuren früherer Einbruchsversuche auf, war jedoch nicht gewaltsam geöffnet worden; die Schlüssel steckten von innen in der Tür. Die Wohnung zeigte keinerlei Spuren eines Diebstahls oder Kampfes. Es fehlte lediglich das Portemonnaie mit ca. 40 RM, das Haymann bei sich getragen hatte. Weitere 110 RM in Goldstücken in der Hosentasche des Opfers waren von dem oder den Tätern - oder Täterinnen - übersehen worden. Die Polizei folgerte daraus, dass der Täter bereits in der Wohnung gewesen war, als Haymann von dem nächtlichen Hundespaziergang zurückkam. Und er musste einen Schlüsssel besessen haben.

Portemonnaie
Das gestohlene Portemonnaie: Foto des Modells, Materialprobe und Druckknopf aus dem Ledergeschäft Siegmund Löwenherz (moderne Fotomontage)

Die Ermittlungen konzentrierten sich nun auf die Suche nach dem Portemonnaie, dem zum Knebeln verwendeten Taschentuch und verdächtigen Personen aus dem näheren Umkreis des Opfers.
Das Taschentuch, rot mit weißen Tupfen und drei umlaufenden weißen Streifen am Rand, stammte offenbar nicht aus dem Besitz des Toten. Daher berief man Naftali Loeb als Sachverständigen, den Inhaber des Taschentuchgeschäfts Pessel & Loeb in der Bleidenstraße. Loeb konnte das Tuch schnell identifizieren. Es handelte sich um ein sog. „Croisè-Tuch Größe 65“, das gerne von „besseren Arbeitsleuten“ gekauft wurde. Als Hersteller kamen laut Loeb die Firma Gabriel und Herosè in Konstanz oder die Firma Berberich in Seckringen in Frage; in Frankfurt waren diese Tücher nur in größeren Geschäften erhältlich.
Das gestohlene Portemonnaie, ein kleines Täschchen aus Kunstleder mit zwei Druckknöpfen, hatte Haymann im Ledergeschäft Siegmund Löwenherz in Frankfurt erworben. Löwenherz stellte der Polizei ein gleiches Modell und Materialproben für Fotoaufnahmen zur Verfügung. Trotzdem liefen beide Spuren ins Leere.

Frau Anna Huber und ihre Tochter
Verdächtige Damen? Anna Huber aus der Gutleutstraße und ihre Tochter.

Auch die Rekonstruierung der Tatnacht und die Überprüfung der Personen ergab zunächst keine Hinweise. Der Schuss, der gegen Mitternacht in der Nähe der Schönen Aussicht abgefeuert worden war, stand offenbar nicht in Zusammenhang mit dem Verbrechen. Auch für das Foto zweier Damen, das sich bei Haymann fand, gab es eine harmlose Erklärung – die Bewerbung der Anna Huber, wohnhaft in der Gutleutstraße in Frankfurt, auf die Stelle der Haushälterin. Das Foto zeigte sie zusammen mit ihrer 17jährigen Tochter, die bei der geschiedenen Mutter lebte und in einem Büro arbeitete. Auch bei der ominösen Visitenkarte, die absichtlich von einer Dame verloren und zur Polizei gebracht worden war, handelte es sich vermutlich um einen schlechten Scherz. „…ist der Ferbrecher der den Mann ermordet hat“ stand dort mit krakeliger Schrift auf der Rückseite. Der Namen auf der Vorderseite war jedoch durchgestrichen. Es lässt sich dort noch Walter S…, Kunstmaler erkennen. Weitere Zeugen wollten zwei junge Männer gesehen haben, die sich kurz vor Mitternacht in der „Schönen Aussicht“ herumgetrieben haben, aber genaue Hinweise ergaben sich nicht.

Visitenkarte
Schlechter Scherz oder ernster Hinweis? Die Visitenkarte des Kunstmalers Walter S... (oben Vorderseite, unten Rückseite, vergrößert)

Die Kriminalpolizei konzentrierte sich wieder auf die Frage, wie der Täter in die Wohnung gelangt war, und erbat für die Untersuchung des Schlosses von der Haushälterin einen Wohnungsschlüssel. Den Polizisten fiel auf, dass es sich dabei um einen ganz neuen Schlüssel handelte. Bereitwillig erklärte Frau Münzer, dass ihr Sohn Karl diesen Schlüssel vor einigen Tagen selbst angefertigt hatte – jener Karl, der zur Tatzeit im Bett, aber schon bei der ersten Befragung in der Tatnacht auffällig nervös gewesen war…
Jetzt gingen die Ermittlungen schnell: Der junge Karl Münzer hatte einen gleichnamigen Vetter, der als Maschinenschlosser arbeitete und mit dem Bergmann Alfons Kirchner befreundet war. Es war bekannt, dass Haymann größere Mengen Bargeld in seiner Wohnung aufbewahrte: eine vermeintlich leichte Beute. Nachdem Versuche, die Tür mit einem Dietrich zu öffnen, fehlgeschlagen waren, verschaffte Karl seinem Vetter den Nachschlüssel. In der Nacht zum 06. Mai 1916, als Haymann mit den Hunden spazieren war, betraten der ältere Münzer und Kirchner heimlich die Wohnung, wo sie nur wenige Augenblicke später von dem heimkehrenden Haymann überrascht wurde. Nach ihren Aussagen wollten sie ihr Opfer nur zum Schweigen bringen, nicht aber töten, als sie den alten Herrn zu Boden rissen und knebelten. Vielleicht hätten die Hausbewohner Haymann noch retten können, wenn sie seinen Hilferufen gefolgt wären, doch niemand kam. Ernst Friedrich Haymann erstickte unter dem Knebel an seinem Gebiss.

Verbrechensopfer Ernst Friedrich Haymann
Tatortfoto der Kriminalpolizei. Im Versuch, dem Opfer noch zu helfen, war E. F. Haymann mehrfach bewegt worden, so dass die ursprüngliche Position des Toten nur nachgestellt werden konnte.

Die geständigen Täter, erst achtzehn- und neunzehnjährig, wurden zu zwölf Jahren Zuchthaus bzw. Gefängnis verurteilt; der noch minderjährige Karl, der den Schlüssel beschafft hatte, erhielt eine Jugendstrafe von zweieinhalb Jahren Gefängnis.
Als Beispiel für gute Ermittlungsarbeit wurden die Hand- und Nebenakten in das Kriminalmuseum des Polizeipräsidiums Frankfurt übernommen, von wo aus sie später an das Hessische Haupstaatsarchiv abgegeben wurden (HHStAW Abt. 407 Nr. 944). Mit den enthaltenen Fotos, Fingerabrücken und Beweisstücken und den zahlreichen Zeugenaussagen geben sie einen interessanten Einblick in die Polizeiarbeit vor über 100 Jahren.
Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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