Zerstört und vergessen?

Erinnerung an kleine Synagogen in Frankfurt

Synagogen Ostend.png

Synagogen im Frankfurter Ostend
1 Niederhofheim'sche Synagoge und Russisch-Polnischer Betsaal, 2 Von Rothschild'sche Synagoge, 3 Träub'sche Synagoge, 4 Langestraße/Schützenstraße

Während der Novemberpogrome des Jahres 1938 und in der Folgezeit zerstörten Nationalsozialisten auf dem damaligen Gebiet des Deutschen Reichs mehr als 1400 Synagogen und jüdische Betsäle. Trotz der verstärkten gesellschaftlichen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen seit den 1980er Jahren sind insbesondere kleinere Betsäle und Lehrhäuser inzwischen in Vergessenheit geraten. In vielen Fällen dokumentieren nur die Akten der Entschädigungsbehörde die ehemals reichhaltige jüdische Kultur in Deutschland – und belegen zugleich den oftmals schändlichen Umgang mit den Ansprüchen von Überlebenden oder ihren Rechtsvertretern. Stellvertretend für viele andere werden hier einige weniger bekannte Synagogen und Betsäle in Frankfurt anhand der Überlieferung der Entschädigungsbehörde vorgestellt.

Stadtplan von Frankfurt, Delkeskamp 1864 (Ausschnitt)
Links: Israelitische Männer- und Frauenkrankenkasse (Von Rothschild'sche Synagoge), dahinter die Spitalshäuser (Träub'sche Synagoge). Rechts: Synagoge Schützenstraße (bis 1907), dahinter Haus Rechneigrabenstraße 5. Stadtplan von 1864

Niederhofheim’sche Synagoge und Russisch-Polnischer Betsaal (Rechneigrabenstraße 5)
Die beiden Synagogen, vermutlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts eingeweiht, befanden sich im Haus Rechneigrabenstraße 5, in unmittelbarer Nachbarschaft der Synagoge in der Schützenstraße 14, die nach dem Bau der Synagoge an der Friedberger Anlage im Jahr 1907 aufgegeben wurde. Die Niederhofheim’sche Synagoge, benannt nach dem Geschäftsmann und Talmudgelehrten Benjamin Niederhofheim, der eine umfangreiche private Judaica-Bibliothek und Handschriftensammlung besessen hatte, wurde als „klein, aber unvergesslich schön eingerichtet“ beschrieben. Sie verfügte über insgesamt 60 Sitzplätze. Zur liturgischen Ausstattung gehörten fünf Torahrollen aus dem 16. Jahrhundert mit zugehörigem Torahschmuck und verschiedene Torahmäntel, zwei Megillot (Buch Ruth, Buch Esther, Hoheslied, Kohelet und Klagelieder) und eine Rolle mit Haftarot (Prophetenbücher). Ein besonderer Besitz war ein auf Pergament geschriebenes Memorbuch aus dem 16. Jahrhundert. Hinzu kamen verschiedene Leuchter (Menorah, Chanukkia, Jahrzeitleuchter) und (Gebet-)Bücher für den Gottesdienst.
Der erheblich größere Russisch-Polnische Betsaal verfügte über 170 Sitzplätze. Zu seiner Ausstattung gehörten unter anderem acht Torahrollen mit Schmuck und drei Megillot, sowie fünf Garnituren für verschiedene Feiertage, bestehend aus Vorhängen für den Torahschrein sowie Decken für das Vorbeterpult und das Vorleserpult.
Das Haus wurde durch Kriegseinwirkung völlig zerstört.
(HHStAW Abt. 518 Nr. 1269)

Blick auf den alten Jüdischen Friedhof, Zeichnung von Paul Becker
1 Rückseite der Israelitischen Männer- und Frauenkrankenkasse. 2 Spitalshäuser mit Träub'scher Synagoge und Laubhütte. 3 Späterer Standort der Synagoge Börneplatz (1938 zerstört). 4 Hauptsynagoge in der Börnestraße (1938 zerstört). Paul Becker, 1872

Von Rothschild’sche Synagoge / „Kippeschdub“ (Rechneigrabenstraße 18-20)
Die Synagoge befand sich 1827 errichteten Doppelgebäude der Israelitischen Männer- und Frauenkrankenkasse, zu der auch ein Altersheim gehörte. Der mundartliche Namen war von „Kupot“, den Kassen der Beerdigungsbruderschaften abgeleitet. Aufgrund der großzügigen Stiftungen der Familie Rothschild war die Synagoge sehr reichhaltig ausgestattet. Nach Aussage des (nichtjüdischen) Hausmeisters Wilhelm König, der zwischen 1926 und 1941 das Gebäude betreute und nach dem Krieg – trotz Kriegsdienst - wieder für die (neugegründete) Jüdische Gemeinde tätig war, lag die Synagoge zwischen den beiden Gebäuden und nahm „vom Erdgeschoß bis zum dritten Stockwerk den Raum zwischen den Treppenhäusern“ ein. Die Synagoge umfasste 77 Plätze für Männer und 44 für Frauen, wobei auch die Frauenplätze Pulte besaßen. Torahschrein, Vorbeterpult und Rabbinerpult waren mit Marmor verkleidet. An den Wänden hingen zahlreichen Tafeln „mit historisch wertvollen Daten“ geschmückt und mit speziellen Gebeten für die Familie Rothschild; außerdem gab es eine Tafel „hinter Glas“ für die Lesung der Haftara. Eine Seltenheit war eine Torahrolle mit silbernen Griffen, die auf rotem Hirschleder geschrieben war; hinzu kamen vier antike Torahrollen und 25 (!) weitere Torahrollen, Torahschmuck in großem Umfang und 85 Torahmäntel. Es gab 25 verschiedene Vorhänge für den Torahschrein, darunter einen „mit reicher Goldstickerei und Edelsteinen“, der von Gedulah von Rothschild gestiftet worden war, und einen anderen aus Brokat, in den biblische Motive mit echten Goldfäden eingestickt waren. Für die Pulte von Vorbeter, Vorleser und Rabbiner standen verschiedene Garnituren von Decken und allein 20 Decken für das besondere Pult für das Totengebet zur Verfügung. Zusätzlich gab es 150 weiße Seidendecken für die Sitzplätze, die an Jom Kippur gebraucht wurden. Ungewöhnlich waren die 15 Ewigen Lichter, filigrane Silberarbeit, „an Ketten hängend, gestiftet von den Familien v. Rothschild aus England, Frankreich, Deutschland und Oesterreich.“ Ihnen wurde ein „hoher Kunstwert“ beigemessen. Hinzu kam weiteres liturgisches Gerät sowie ein Trauhimmel aus Brokat mit reicher Goldstickerei. Zum antiken Inventar gehörte auch ein Memorbuch aus dem 17. Jahrhundert, Almosenbüchsen aus dem 18. Jahrhundert, vier Tafeln für Regengebete in Goldschriftm und 1000 antike Jahrzeitstäfelchen. Neben der Synagoge befand sich ein Bibliothekszimmer mit rund 2000 Bänden Hebraica und Judaica, darunter zahlreiche Frühdrucke von Talmud und Bibeln, teilweise aufwendig illuminiert.
Das Gebäude der Israelitischen Männer- und Frauenkrankenkasse diente „bis zum Jahr 1942 als Sammelstelle für die zur Deportierung gelangenden Juden Frankfurts“, wie es in der Entschädigungsakte emotionslos heißt. Zwar war die Synagoge während der Novemberpogrome 1938 offenbar nicht geschändet worden, doch bei der Übernahme im Jahr 1942 zerstörte die SS sämtliche Kultgegenstände und die gesamte Inneneinrichtung, „soweit nicht einzelne Teile für Privatzwecke geplündert wurden.“
(HHStAW Abt. 518 Nr. 1268)

Laubhütte der Träub'schen Synagoge
Laubhütte der Träub'schen Synagoge. Foto aus einem Artikel von Stephanie Forchheimer im "Jüdischen Gemeindeblatt", das wenige Tage vor dem Novemberpogrom 1938 erschien.

Träub’sche Synagoge (Börneplatz 6 /10)
Die kleine Synagoge, die rund 100 Sitzplätze für Männer und 60 für Frauen gehabt haben soll, befand sich in einem der ehemals sechs Spitalhäuser am alten Jüdischen Friedhof. Sie waren 1711 errichtet worden und dienten – nach Bau der Israelitischen Männer- und Frauenkrankenkasse in der Rechneigrabenstraße – weitgehend zu Wohnzwecken. Mit vier Torahrollen und zugehörigem Schmuck und einer Megillah war die Synagoge vergleichsweise bescheiden ausgestattet. Für Besucher standen je 20 Gebetbücher für Alltag und Feiertag zur Verfügung. Laut Aufstellung der JRSO verfügte die Synagoge über einen Kronleuchter, vier Hängeleuchter und acht Seitenleuchter. In der Rückerstattungsakte nicht genannt ist die fest gebaute Laubhütte, die noch aus dem 18. Jahrhundert stammte. Sie besaß Bleiglasfenster und eine Art Klappdach, um den halachischen Vorschriften zu entsprechen.
Über die Vorgänge während des Pogroms im Jahr 1938 und den entstandenen Schaden ließen sich keine Zeugenaussagen finden. Die JRSO stützte ihre Ansprüche auf die Angaben in dem Manuskript „Ele Toldot“ von Dr. Shlomo Ettlinger (Digitalisat des umfangreichen Werks siehe hier: https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE3517892 ) . Regierungsinspektor Anton, der das Gebäude und seine Bewohner kannte, zweifelte die Angaben der JRSO jedoch an, da es sich um ein altes und kleines Haus gehandelt habe. Im Adressbuch des Jahres 1938 war für das Haus kein Betraum mehr eingetragen; das Haus selbst wurde durch Kriegseinwirkung fast völlig zerstört.
(HHStAW Abt. 518 Nr. 1264)

Synagogengesellschaft Linas Hazedek (Langestraße 31) und Synagoge Schützenstraße 2
Die Synagoge lag ursprünglich in einem Hinterhaus in der Langestraße 31 in einem eigens errichteten Gebäude. Sie war Teil der um 1900 gegründeten „Lern- und Studienanstalt“, „deren Hauptzweck in der Lehre und der Erläuterung der Thora und des Thalmud bestand.“ Auch zu ihr gehörte eine sehr große Judaica- und Hebraica-Bibliothek von rund 5000 Bänden, darunter einige gedruckte Erstausgaben. 1937 war die Synagogengesellschaft zwangsweise aus der Langgasse in die Schützenstraße 2 umgezogen, wo es bereits einen andere Synagoge gab. Deren Betsaal war ungefähr 160 qm groß und hatte rund 200 Plätze; zudem gab es im Haus eine „Wochentagssynagoge“ mit rund 30 Plätzen sowie ein Bibliothekszimmer. Zur Ausstattung beider Synagogen und der Synagogengesellschaft Linas Hazedek gehörten neun Torahrollen mit Schmuck und 15 Mänteln, fünf Vorhängen für den Torahschrein und je sechs Decken für Vorbeterpult und Vorlesepult, dazu Leuchter und anderes liturgisches Inventar sowie 50 Gebetbücher und 50 Festagsgebetbücher. Wie die Zeugin Elsa Heinlein im Zuge des Entschädigungsverfahrens aussagte, wurden bei der Pogromnacht 1938 das Inventar, Mobiliar, Bücher und liturgische Gegenstände „auf die Straße geworfen und anschließend angezündet“. Das Haus wurde später durch Kriegseinwirkung zu etwa Dreivierteln zerstört.
(HHStAW Abt. 518 Nr. 1267)

Lage der Synagoge im Hermesweg 5-7 Frankfurt
Lage der Löb Elias Reiss'schen Synagoge und des Lehrhauses im Hermesweg 5-7

Löb Elias Reiss’sche Synagoge der Israelitischen Religionsschule (Hermesweg 5-7, jetzt Julius-Heymann-Straße 10-12)
Die Synagoge gehörte zur Israelitischen Religionsschule, die im Hermesweg eine Torahstudienanstalt unterhielt. Sie war 1887 eingeweiht worden, ein Neubau aus der Stiftungsmasse von Löb Elias Reiß, der im Jahr 1782 im Haus „Zum weißen Schwan“ in der Judengasse eine Synagoge mit Lehrhaus gestiftet hatte. Die neue Synagoge im Hermesweg umfasste 118 Sitzplätze. Herman Hirschberg, im Jahr 1938 Vorstandsmitglied der Synagoge und später in Baltimore wohnhaft, gab an, dass die Synagoge sieben bis acht Torahrollen mit zugehörigem Schmuck und Mänteln besessen hätte. Besonders in Erinnerung waren ihm die wertvollen Vorhänge für den Torahschrein, von denen einer aus der „alten Frankfurter Synagogen“ stammt, vermutlich aus der alten Hauptsynagoge in der Börnestraße, und ein großer Silberpokal. Der Torahschrein, ebenfalls aus der alten Hauptsynagoge stammend, bestand aus Marmor, das Vorlesepult aus Edelholz. Beleuchtet wurde der Raum von einem vielflammigen Kronleuchter, dessen Wert mit 20 000 DM angegeben wurde, sowie 12 Seitenleuchtern aus Bronze. Zur Austattung gehörten auch zwei kostbare Orientteppiche, die – wie auch einige der Torahvorhänge - von der Familie von Rothschild gestiftet worden waren. Ungewöhnlich waren die 120 seidenen Platzdecken für Rosch haSchana und Jom Kippur. Ein weiteres Wertobjekt war der Flügel im Vortragssaal der Religionsschule, in dem auch die rund 500 Bände umfassende Bibliothek untergebracht war.
Beim Pogrom im Jahr 1938 wurde laut Frau Dotzert, Nachbarin und Augenzeugin des Geschehens, das liturgische Inventar der Synagoge in den Garten des Grundstücks geworfen, zerschlagen und in Brand gesteckt, wohingegen an der Schule kein Schaden entstanden sei. Eine andere Zeugin sagte aus, dass auch Inventar und Mobiliar der Schule zerstört worden sei. Auch im Synagogeninneren wurde Feuer gelegt, das aber kurze Zeit später vom Personal der Firma Dotzert wieder gelöscht wurde, da man ein Übergreifen auf die benachbarte Liegenschaft im Hermesweg 9 fürchtete. Dennoch entstand erheblicher Sachschaden. Einige der Kultgegenstände und das Mobiliar überstanden das Pogrom und wurden danach zeitweilig wieder in der notdürftig instandgesetzten Synagoge für den Gottesdienst verwendet. Was später mit ihnen geschah, ist unbekannt.
Das Haus wurde später durch Kriegseinwirkung zu mehr als Dreivierteln zerstört.
(HHStAW Abt. 518 Nr. 1211)

Grundriss der Synagoge im Hermesweg 5-7 in Frankfurt
Grundriss der Synagoge im Hermesweg 5-7 in Frankfurt

Die Entschädigungsbehörde ging bei der Entscheidung über die Höher der Entschädigungssumme für die Schäden der Novemberpogrome des Jahres 1938 streng formal vor. Akribisch wurde untersucht, ob die Synagoge oder der Betsaal im Jahr 1938 noch bestanden hatte, ob der Schaden wirklich durch das Pogrom – oder nicht später durch „Kriegseinwirkung“ entstanden war, und generell wurden die von der Jewish Restitution Successor Organization geltend gemachten Ansprüche als mindestens um die Hälfte zu hoch bewertet.
Im Fall der Niederhofheim’schen Synagoge und des Russisch-Polnischen Betsaals in der Rechneigrabestraße 5 vertrat die Entschädigungsbehörde die Ansicht, dass beide Synagogen schon Anfang der 1930er Jahre aufgelöst worden seien. „Was mit den Einrichtungs- und Kultgegenständen des Betraums nach dessen Auflösung geschehen ist, konnte nicht festgestellt werden“, erklärte die Entschädigungsbehörde, und lehnte den Antrag ab. Auch bei der „Träub’schen Synagoge“ am Börneplatz 6 / 10 wurde die Existenz eines Betraums im Jahr 1938 in Frage gestellt, aber immerhin eine Entschädigungssumme festgesetzt.
Bei der Synagogengesellschaft Linas Hazedek und der Synagoge in der Schützenstraße 2 zweifelte die Entschädigungsbehörde zwar nicht die Pogromschäden an, aber das gemeldete Inventar. „Erfahrungsgemäß verfügten die ostjüdischen Bestäle über keinen umfangreichen Bestand an Einrichtungs- und Kultgegenständen, zumal die überwiegende Mehrzahl der Besucher dieser Betsäle nicht in besonders günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen lebte (…).“ Im Fall der Synagoge und Schule im Hermesweg erklärte die Entschädigungsbehörde die Aussage von Frau Dotzert für glaubwürdiger, der zufolge die Schule während der Pogromnacht nicht beschädigt worden war. Die Brandstiftung und Zerstörungen in der Synagoge ließ sich zwar nicht leugnen, aber da einige der Einrichtungs- und Kultgegenstände – in welchem Zustand auch immer – später noch verwendet wurden, legte sie die Entschädigungssume auf 80 000 DM fest. Die JRSO hatte den Schaden auf 309.400 DM geschätzt.
Keinen Zweifel gab es über das Bestehen der reich ausgestatteten Von Rothschild’schen Synagoge, für deren Beschädigungen die JRSO 1 036 345 DM forderte. Da jedoch in der Pogromnacht offenbar keine Zerstörungen stattgefunden hatten und sich für die Zerstörungen des Jahres 1942 keine Zeugen finden ließen, setzte die Entschädigungsbehörde die Summe auf 120 000 DM fest und gab ansonsten den Zerstörungen durch Kriegseinwirkung die Schuld.
Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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