Fakenews aus dem 16. Jahrhundert

Einblattdruck des Grafen von Schwarzburg gegen ein kursierendes Gerücht

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Aufklärung der Gerüchte gegen Graf Günther von Schwarzburg
Schritt in die Öffentlichkeit: Die von Graf Günther von Schwarzburg veröffentlichte Gegendarstellung zu den über ihn kursierenden Gerüchten.

Unsere Zeit wird auch von der Diskussion um öffentliche Meinungsfreiheit, Verschwörungstheorien und sog. „Fakenews“ geprägt. In engem Zusammenhang mit diesen stehen Gerüchte, die im gesellschaftlichen Bereich schnell zu Klatsch und Tratsch führen. All diese sind jedoch keine Erfindung des 21. Jahrhunderts, und so zeigt sich, dass Gerüchte auch in den Archivalien zu finden sind, von denen hier auf eines beispielhaft eingegangen werden soll, zumal es eine Strategie aufzeigt, sich öffentlich gegen Gerüchte zur Wehr zu setzen.

Während heute meist die digitalen Medien der Social Media wie Facebook und Twitter genutzt werden, um Meinungen zu verbreiten, Gerüchte zu streuen und diese zu dementieren oder zu widerlegen, waren die Möglichkeiten im 16. Jahrhundert deutlich beschränkter, aber nicht minder effektiv: 1562 sah sich Graf Günther XLI. von Schwarzburg genötigt, mit einem Einblattdruck gegen ein über ihn kursierendes Gerücht vorzugehen. Ihm wurde vorgeworfen, er habe „eine Frantzösische Botschafft niederwerffen, dieselbe volgends in unser gewahrsam führen, jnen das jre, was sie an Briefen und Gelde bey sich gehabt, nehmen und sie darzu entheupten“ lassen. (HStAM 1, Nr. 1273)

Die von Louis I. de Bourbon, Prinz von Condé ins Reich geschickte Gesandtschaft war an einem nicht näher genannten Ort überfallen und getötet worden. Aus dem Schriftstück geht leider nicht mehr hervor. Aber bereits das Gerücht war politisch brisant. Denn Günther XLI. war ein enger Verbündeter Kaiser Karls V. und seines Sohnes Philipp II. gewesen, bevor er sich später den österreichischen Habsburgern zuwandte. Daher war es ihm im September 1562 offensichtlich wichtig, gegen das Gerücht vorzugehen: „Sagen derwegen zuerrettung unserer Ehre, wer obberurt gerüchte von uns ausbracht, oder uns solchs nachmals zumisset, Das uns derselbige gewalt und unrecht thut, und mit warheit nimmermehr das auff und darthun kann.“ Es ging also auch um die Ehre Graf Günthers, die in der Frühen Neuzeit ein wesentliches Gut war, das nicht unbegründet befleckt werden durfte.

Er entschuldigte sich bei den Standesgenossen, immerhin könne er nichts für diese Gerüchte, die „in rerum natura nicht ergangen noch sich zugetragen und begeben haben.“ Dabei spielte der in Frankreich stattfindende Hugenottenkrieg eine entscheidende Rolle: Wenn eine Gesandtschaft Condés im Reich um Unterstützung für die Hugenotten ersuchen wollte, die von wem auch immer – aber Günther XLI. zugeschrieben – überfallen und ermordet worden war, führte dies durchaus innerhalb des Reiches zu Spannungen zwischen den protestantischen Sympathisanten der Hugenotten und den katholischen Reichsständen. Günther war zwar selbst Protestant, aber deutlicher Parteigänger der katholischen Habsburger. Er wollte vermeiden, in diesen Konflikt hineingezogen zu werden oder durch dieses Gerücht die Situation zu verschärfen; daher auch die dezidiert devote und wiederholte Anrede der „Chur und Fürstlichen gnaden“. Es zeigt sich, dass auch im 16. Jahrhundert Gerüchte eine erhebliche Sprengkraft besitzen konnten, denen mit verschiedenen Mitteln – in diesem Fall mit einem Einblattdruck – entgegengewirkt werden konnte.
Eva Bender, Marburg

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