1911 - Großer Bahnhof für Fürsten

Im 19. Jahrhundert war es gesellschaftliche Normalität, dass Reisende nicht gemeinsam der Abfahrt oder Ankunft harren, sondern dafür Säle verschiedener Klassen eingerichtet wurden.
Dem Hochadel wurden eigene Wartezimmer eingerichtet. Dadurch entstand eine ganz besondere Gattung der Eisenbahnarchitektur: die Fürstenbahnhöfe, Fürstenzimmer oder Fürstenpavillons, die angemessenen Komfort und höhere Sicherheitsstandards gewährleisteten.
So gab es etwa in Gießen ein „Fürstenzimmer“. Historische Quellen von 1910 belegen, dass es mit einem Sofa mit gelbem Seidenüberzug ausgestattet war. In dem Zimmer lag aber auch ein „abgängiger Teppich“. Im sogenannten „Gefolgezimmer“ gab es karminroten Plüsch, der ein gewisses Maß an Eleganz garantierte.
Später entstand ein „Fürstenbau“, der standesgemäß Kunstverglasungen, Marmor und Stuck aufweisen konnte. Der Friedberger Pavillon aus dem Jahr 1897/1898 bot neben einem Raum für den Fürsten auch ein Zimmer für dessen Gefolge, den Komfort einer sanitären Anlage, ein Vestibül sowie eine Vorhalle. Der Pavillon wurde gut genutzt. So weilte Kaiserin Victoria 1889 am Friedberger Bahnhof. 1886 verlangte die Ankunft des Großherzogs die Anwesenheit aller bei der Station Beschäftigten, und 1910 empfing Friedberg den letzten russischen Zaren. Auch Darmstadt verfügte über einen prachtvollen Fürstenbahnhof, der noch heute zu sehen ist.
Heute sind diese Bauten, die mit dem Bedeutungs- und Machtverlust des Adels im 20. Jahrhundert ihre Funktionalität verloren, vielfach in Vergessenheit geraten, zum Teil abgerissen oder umgebaut wurden.

Hessisches Hauptstaatsarchiv Abt. 480 Nr. 2047
Möbel für den Kaiserpavillon des Homburger Bahnhofs, 1911

Fürstenbahnhof