1916 - Internierte Musik

Unter nicht ganz geklärten Umständen gelangte die sogenannte Weltkriegssammlung in den Besitz des Hessischen Hauptstaatsarchivs. Darunter befinden sich Plakate, Graphiken, Zeitungen und Zeitschriften sowie Kuriosa aus der Zeit des Ersten Weltkriegs.
Eine Besonderheit ist allerdings die Mappe mit Dokumenten aus dem Gefangenenlager Ruhleben bei Berlin. In ihm waren zwischen 1914 bis 1918 Engländer interniert, die sich zu Kriegsbeginn in Deutschland aufgehalten hatten. Sie sollten mit der Inhaftierung daran gehindert werden, zu spionieren oder nach England zurückzukehren, um dort den Kriegsgegner zu unterstützen. Im Lager wurde eine eigene Zeitung herausgegeben, Sportwettkämpfe wurde abgehalten und Theater- und Musikaufführungen fanden statt. All dies ist in der Mappe dokumentiert.
Einzigartig dürften aber ein paar Partituren sein, die zur Aufführung im sogenannten Engländerlager bestimmt waren. Vor Kriegsbeginn waren viele englische Musiker in deutschen Orchestern beschäftigt, die dann nach Ruhleben eingewiesen wurden. Deshalb stand ein großes Lagerorchester zur Verfügung. 1916 setzte der Dirigent Charles Frederic Adler eine für Klavier komponierte Ballade des ebenfalls inhaftierten britischen Komponisten Roland Bocquet für großes Orchester. Bocquet war um 1900 von England nach Dresden übergesiedelt und hatte sich doch als Liedkomponist einen Namen gemacht. Seine Stücke tragen deutlich impressionistische Züge, neigen aber auch immer wieder zu sehr avantgardistischen Passagen. Adler setzte die schon für Klavier recht gewaltige Ballade nun für ein Riesenorchester mit Klavier und Orgel, so dass die große Zahl der Musiker – ganz im Sinne Mahlerscher Symphonien – bei der Aufführung zum Einsatz kommen konnte. Mit dieser Partitur ist damit ein besonders eindrückliches Denkmal für die Musikkultur im Engländerlager Ruhleben überliefert.

Hessisches Hauptstaatsarchiv Abt. 3037 Nr. 240

Ruhleben