Eigenheim im Grünen

Umfassende Dokumentation der Villenkolonie Buchschlag im Staatsarchiv Darmstadt

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Blick in eine Straße der Villenkolonie Buchschlag, 1910
Blick in eine Straße der Villenkolonie Buchschlag, um 1910 (HStAD, R 4, 32200/1-5 A)

„Der Wunsch ein eigenes Heim zu besitzen, eine feste Scholle, auf der man sich Herr fühlt, auf der und mit der man nach eigenem Ermessen ungehindert schalten und walten kann, regt sich wohl in jedem Menschen.“ So beginnt der Text der Imagebroschüre „Villenkolonie Buchschlag“, die die Wohnungsgesellschaft Buchschlag 1904 herausgab.

Werbebroschüre "Villenkolonie Buchschlag"
Werbebroschüre "Villenkolonie Buchschlag"

Großherzog Ernst Ludwig von Hessen hatte der Gesellschaft einen Walddistrikt von 300.000 qm in der Gemarkung Mitteldick zur Verfügung gestellt und der Architekt Friedrich Pützer (1871–1922) die Ausarbeitung des Bebauungsplans übernommen, so dass zwischen Frankfurt und Darmstadt eine Villenkolonie entstehen konnte, die moderne, reformerische Bautypen aufgriff. Angedacht war eine Siedlung mit ca. 200 Ein- und Zweifamlienhäusern, deren Grundstücke 1000 qm nicht unter- und 2500 qm nicht überschreiten sollten. Der Preis für den Quadratmeter Grund sollte 2,70 Mark betragen.

Bebauungsplan für die Villenkolonie Buchschlag
Bebauungsplan für die Villenkolonie Buchschlag

Und das Ganze entwickelte sich zu einem Erfolgsmodell. Waren 1904 noch einige Interessierte abgesprungen, weil ihnen die Verkehrsanbindung nicht gut genug erschien, so konnte über die nächsten Jahre die Kolonie kontinuierlich ausgebaut werden. Und auch Bedenken bezüglich der Besteuerung wurden ausgeräumt, indem Einwohner des preußischen Frankfurt mit eigenem Gewerbe oder Grund in der Mainmetropole nicht zusätzlich im Großherzogtum Hessen besteuert werden sollten. Nur Angestellte – oder Kapitalvermögen – wurden zum Teil in Hessen besteuert, was insbesondere für Geschäftsleute mit eigenem Betrieb einen großen Anreiz bot, nach Buchschlag umzusiedeln. Wegen des guten Zuspruchs wurde die Siedlung dann am 15. April 1913 sogar eine eigenständige Gemeinde, was dem Versprechen, dass wegen der nicht existenten Gemeinde auch keine Gemeindesteuern anfielen, ein Ende bereitete. Die baulichen Aktivitäten aber gingen weiter.

Idealansicht mit Grundriss von Erdgeschoss und Obergeschoss einer Villa der Villenkolonie Buchschlag
Idealansicht mit Grundriss von Erdgeschoss und Obergeschoss einer Villa der Villenkolonie Buchschlag

Beim Erwerb des Grundstücks verpflichtete sich der Käufer, innerhalb von drei Jahren in villenartiges Wohngebäude zu erreichten, dessen Pläne von der großherzoglichen Domanialverwaltung zu genehmigen waren. „Der Bauwert des Einfamilienhauses muß mindestens Mk. 12000 betragen“, im Falle von Zweifamilienhäuser 20.000 Mark. Die Größe der Häuser war genau geregelt, so dass eine künstlerisch hochwertige Siedlung im Sinne der englischen Gartenstadtbewegung entstand.

Blick in eine Straße in der Villenkolonie Buchschlag, um 1910
Blick in eine Straße in der Villenkolonie Buchschlag, um 1910 (HStAD, R 4, 32200/1-5 A)

Allerdings ging sie nicht konform mit den Ideen des Frankfurter Kaufmanns Jakob Latscha, der 1903 die Anlage ursprünglich initiiert hatte, weil ihm eine Arbeitersiedlung im Grünen vorschwebte. Denn Arbeiter konnten sich diese Häuser nicht leisten. Trotzdem investierte auch Latscha über die nächsten Jahre in die Kolonie.

Blick in eine Straße in der Villenkolonie Buchschlag, 2022
Blick in eine Straße in der Villenkolonie Buchschlag, 2022

Da die Siedlung auf großherzoglichen Forstgrund im Distrikt Mitteldick errichtet wurde, ist die Anlage in fünf dickleibigen Bänden des damals zuständigen Forstamtes Kelsterbach im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt dokumentiert (HStAD Best. G 38 Kelsterbach Nr. 223–227). Damit sind rechtliche und künstlerische Aspekte des Bauprojektes sehr gut nachvollziehbar: Der Ankauf von Grundstücken ist ebenso belegt wie die Rodung von Waldflächen, Bau- und Lagepläne liegen bei und Straßenbaumaßnahmen sind nachvollziehbar und die Korrespondenz der Behörde mit den Architekten und den – zumeist Frankfurter – Bauherrn einsehbar.

Stempel des Architekturbüros Scherer
Stempel des Architekturbüros Scherer

Prägender Baumeister war der aus dem benachbarten Mörfelden stammende Architekt Wilhelm Koban (1885–1961), daneben wirkten aber auch Georg Scherer (1860–1941), Carl Weissenbach, Willi Lutz oder die Gartenarchitekten Gebrüder Siesmayer aus Frankfurt, deren Schriftverkehr überliefet ist. Zeitungsberichte, Broschüren, Pläne und Skizzen ergänzen das Aktenmaterial.

Häuser in der Villenkolonie Buchschlag, 2022
Häuser in der Villenkolonie Buchschlag, 2022

In der Bildersammlung liegen darüber hinaus noch Fotografien, in der Kartenabteilung großformatige Pläne, Aufrisse von Fassaden und kolorierte Gartenpläne vor. Und wer es dann noch ganz genau wissen möchte, sollte im Darmstädter Bestand O 24 Nachlass Hesse nachsehen. Aus dem Nachlass des Ministerialrats im Finanzministerium Hermann Hesse (1882–1953) sind auch noch einmal ca. 50 Aktenstücke überliefert, die sich der Villenkolonie zwischen 1906 und 1943 widmen (HStAD Best. O 24 Nachlass Hesse, Gliederungspunkt 1.24.9 Buchschlag).
Rouven Pons, Darmstadt

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