Zeiterfassung made in Darmstadt

Ein Meisterwerk der Uhrmacherkunst aus Hessen

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Vorstellungsuhr von Landgraf Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt, 1745

Am vergangenen Wochenende wurden die Uhren wieder von der Winterzeit auf die Sommerzeit umgestellt. Das bietet die Gelegenheit, ein Meisterwerk der Uhrmacherkunst vorzustellen: die sogenannte kaiserliche Vorstellungsuhr, die sich heute in der Wiener Hofburg befindet. Hergestellt wurde sie in Darmstadt, und die Archivalien zu ihrer Anfertigung befinden sich noch heute im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt (HStAD Best. D 4 Nr. 394/5, 394/6 und 409/6).

Kurz nach der Kaiserkrönung Franz I. 1745 beschloss Landgraf Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt, dem Kaiserpaar ein besonderes Präsent zu überreichen. Der Auftrag ging an den landgräflichen Hofuhrmacher Johann Philipp Ludwig Knaus, eine prächtige Uhr anzufertigen. Knaus begann darauf mit seinem jüngeren Bruder Friedrich mit der Arbeit. Der Landgraf gab die Anweisung, die Uhr „so kostbar als es nur immer gemacht werden könnte“ auszuführen. Für das ikonographische Programm der Uhr wurde überdies noch der kaiserliche Diplomat Karl Graf Cobenzl zu Rate gezogen, damit die Gestaltung auf jeden Fall Wiener Wünschen entspräche.
Ende März 1748 stand der Entwurf fest, der in Zusammenarbeit der Brüder Knaus mit dem Hofbildhauer Johann Paul Eckhard zustande gekommen war. Eine beachtliche Zahl an Künstlern und Handwerkern versammelte sich in der Werkstadt der Brüder Knaus, um die Arbeit fristgerecht zu vollenden. Der Uhrenkasten selbst wurde in Augsburg angefertigt.

Die Uhr sollte am Theresientag (15. Oktober), dem Namenstag der vom Landgrafen vergötterten „Kaiserin“ Maria Theresia, in Wien überreicht werden. Sie besteht aus den Materialien Schildpatt und Silber, hat eine Höhe von 1.85 m bei einer Breite von 1.15 m, wiegt 128 kg, von denen 50 kg auf das verarbeitete Silber zurückgehen, und ihre Entstehungskosten werden auf 80.000 Golddukaten geschätzt. Mittelpunkt des Ganzen ist das Spielwerk mit Figuren unterhalb des Ziffernblattes, das durch das Ziehen an einer Schnur in Bewegung gesetzt werden kann.
Vor den Arkadenbögen befindet sich ein der Ewigkeit geweihter Altar, auf dem die Weihegaben lodernd brennen, während vor ihm militärisches Gerät zu liegen gekommen ist. Links und rechts des Altares befinden sich zwei mit den Initialen ‚FS’ (Franz Stephan) und ‚MT’ (Maria Theresia) bestickte Baldachine, deren Stirnseite jeweils von einem Doppeladler geziert wird. Aus diesen Baldachinen tritt bei Beginn des Spielwerks das Kaiserpaar heraus. Nachdem das Kaiserpaar erschienen ist, treten die Vertreter der Nationen gefolgt von allegorischen Figuren auf: Personifizierung des Heiligen Römischen Reiches sowie Ungarns und Böhmens. Nachdem alle versammelt sind, begrüßen die Majestäten die Anwesenden feierlich durch Handbewegungen, worauf sich die Träger der Kronen niederknien. Doch die Eintracht bleibt nicht gewahrt. Aus den Wolken stürzt drohend der Dämon des Hasses hervor, der aber vom Erzengel Michael mit einigen Schwerthieben vertrieben wird. Nach dieser martialischen Aktion werden die Majestäten mit Lorbeerkränzen bekrönt. Anschließend erscheint die Muse der Geschichtsschreibung und schreibt mit einem goldenen Griffel auf ein Wolkenband die Worte: VIVANT FRANCISCUS ET THERESIA. Diese Worte sind anschließend in Goldbuchstaben auf dem Himmel über den Arkaden zu lesen und manifestieren die historische Stellung des Kaiserpaares. Die von links und rechts hereinfliegenden, Posaunen blasende Engel, die als Genien des Ruhms zu interpretieren sind, unterstreichen die göttliche Fügung, durch die der bleibende Ruhm des Kaiserpaares in der Weltgeschichte verankert wird. Ein Choral ertönt schließlich und auf die Häupter des Kaiserpaares senken sich Lorbeerkränze herab. Die Apotheose hat ihren Gipfelpunkt erreicht, die auf Habsburg ruhende göttliche Vorsehung hat sich versinnbildlicht. Diese Huldigung des Kaiserpaares setzt sich auch noch auf dem Schmuck des Uhrenkastens fort.

Am 28. Oktober 1750 wurde nach Darmstadt berichtet, „daß die magnifiqueste Uhr von beeden allerhöchsten Kayserlichen Majestäten gestern beaugenscheint und vollkommen gnädigste approbation erhalten“ und dass sie „auch alle dabei mit eingefundene Großen vom Kayßerlichen Hoff bewundert haben.“ Man habe versichert, dass die Uhr „recht magnifique in die Augen“ falle. Die Kaiserin hatte den beiden Uhrmachern persönlich ihren besonderen Dank ausgesprochen und nachgefragt, wie man dem Landgrafen eine besondere Freude bereiten könne. „Da wir nun keine Commission hatten, etwas zu melden, so antwortteten wir in aller Unterthänigkeit, daß mir nichts bekandt.“ Den beiden Uhrmachern überreichte die „Kaiserin“ ein Dankschreiben, 250 fl. in bar und je eine goldene Tabatière. Diese „Bezahlung“ wurde aber nicht als Dank für die Vorstellungsuhr angesehen, sondern als Entlohnung für die Herrichtung weiterer kaiserlicher Uhren, die in den nächsten Tagen vorgenommen werden sollte.
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv