Erbauung der Gläubigen und Theologenstreit

Eine waldeckische Predigt zum 1. Advent

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Titelblatt der Waldeckischen Predigt zum 1. Advent, 16. Jahrhundert
Titelblatt der Waldeckischen Predigt zum 1. Advent, 16. Jahrhundert

Mit beginnender Advents- und Vorweihnachtszeit lohnt sich ein Blick in entsprechende archivalische Quellen. Im Bestand der Waldeckischen älteren Kanzlei hat sich in der Kirchenüberlieferung eine Predigt zum ersten Advent erhalten. Auch wenn dieser 2020 schon hinter uns liegt, mag diese aufschlussreiche Schrift aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auch jetzt noch vorgestellt werden. (HStAM 155/07, Nr. Generalia 103). Beeindruckend ist schon das Titelblatt, das neben dem handschriftlichen Vermerk „Concion. Dom. 1. Advent: Esai. 9. Cap.“ vor allem den runden Abdruck eines auf dem Papier abgestellten Kruges aufweist. Es ist fraglich, welche Substanz den Abdruck möglich gemacht hat: Tinte? Wein? Auf jeden Fall ist die Predigt im Gebrauch gewesen.

Das insgesamt 19 beschriebene Quart-Seiten umfassende Manuskript in einer gut leserlichen Schrift ist wie viele frühneuzeitliche Predigten aufgebaut: Nach einem einleitenden Text, „Diese Zeitt bis auff den Heyligen Christag, wirdt von Alters hero der Advent genennet, darumb, das man diesen und folgende sontag in der Kirchen Gottes von der Zukunfft unsers Herrn Jesu Christi handeln soll“ wird die Predigt in zwei Teile - primo pars und secundo pars – geteilt, die ebenfalls eingeleitet und erläuterte werden. Alle Textstellen werden mit den entsprechenden Bibelstellen, auf die sich die Inhalte beziehen, an der Seite belegt.
Der Einstieg ist klassisch und spricht von der Erlösung durch Christus, der „leibhafftig worden durch den Hl. Geist, von der Jungfrau Maria, und mensch worden, auch für uns gecreutziget unter Pontio Pilato“. Es folgte eine Vertiefung des unterschiedlich gewichteten Inhalts von Advent, der die Gläubigen in der Adventszeit als bewusste Hinführung auf das Fest der Geburt des Erlösers der Menschheit vorbereitet. Denn sind die Menschen fest in ihrem Glauben, werden sie auch in das Reich Gottes und von Jesus Christus auferstehen: „Darumb sollen wir uns unseres einigen und ewigen konigs Jesu Christi, in noth und todt trösten seine letzte zukunfft von Hertzen frewen, welches uns allen nun verhelffen wolle Gott der himlische retter durch Christum Jesum seinen Sohn etc. Amen“

Doppelseite aus der Predigt zum 1. Advent, 16. Jahrhundert
Doppelseite aus der Predigt. Die Bibelstellen, auf die der Predigttext Bezug nimmt, sind am Rand angegeben.

Die Predigt ist aber nicht nur eine biblisch fundierte Vorbereitung der Gläubigen auf die Adventszeit. Bei der näheren Betrachtung zeigt sich, dass der lutherische Pfarrer die aktuelle Auseinandersetzung zwischen Lutheranern und Calvinisten verfolgt, da er auf die Diskussion Theodors von Beza mit dem Württemberger Theologen Jakob Andreae eingeht: „Vorab demnach allemal Beza, und andere Calvinisten, die da fürgeben und schreiben: das die Auserwehlten, wann sie gleich im Todtsunden wider das gewissen leben, dennoch den Heiligen Geist und Gottes Gnade behalten. Nein, das kan nicht beysammen sein“. Die vorliegende Predigt ist somit mehr als nur die Dokumentation der Arbeit eines waldeckischen Pfarrers im 16. Jahrhundert, sondern auch ein Beleg der konfessionellen Diskurse dieser Zeit. Da sich in diesem Bestand weitere Lektionen aus dem gleichen Zeitraum erhalten haben, etwa zur Obrigkeit, der göttlichen Liebe oder der Zauberei, bietet sich hier ein Ansatz für theologische wie auch historische Forschung, die sicher spannende Erkenntnisse liefern wird.
Eva Bender, Marburg

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