Refugees welcome?

Waldenserakten im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt

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Original-Deklaration für die Waldenser
Original-Deklaration für die Aufnahme und Niederlassung der Waldenser (HStAD Best. A 1 Nr. 228/1)

Am 22. April 1699 wurde in Darmstadt eine prächtige Urkunde ausgestellt und von Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt sowie dem Bevollmächtigen der Waldenser, Pieter Valkenier, eigenhändig unterschrieben (HStAD Best. A 1 Nr. 228/1). In 33 Artikeln wird darin die Aufnahme der aus den Alpentälern bei Turin stammenden Waldenser in die seit dem Dreißigjährigen Krieg entvölkerte Landgrafschaft geregelt. Besonders hervorzuheben ist § 15, in welchem die Flüchtlinge von der Leibeigenschaft befreit wurden. Diese Regelung sollte in den kommenden Jahren immer wieder für Konfliktstoff vor Ort sorgen. Auch die zehnjährige Steuerfreiheit sorgte bei den Einwohnern der umgebenden Gemeinden für Unmut, denn man sah dort die aus Piemont geflohenen Personen mit Privilegien ausgestattet, die man selbst nicht hatte.

Original-Deklaration für die Waldenser
Erste Seite der Original-Deklaration für die Waldenser

Die Glaubensgemeinschaft der Waldenser war im 12. Jahrhundert entstanden und hatte sich im 16. Jahrhundert der Reformation angeschlossen. Auf Druck des französischen Königs Ludwig XIV. vertrieb der Herzog von Savoyen 1698/1699 Waldenser aus seinem Territorium. Sie flohen nach Deutschland und kamen unter anderem nach Hessen-Darmstadt. Sie bekamen – neben anderen Privilegien – im lutherischen Hessen auch Glaubensfreiheit gewährt. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde in den Gottesdiensten französisch gepredigt, und auch die Umgangssprache war sehr lange die französische. Die wirkliche Integration gestaltete sich also schwierig.
In Hessen-Darmstadt entstanden die Siedlungen in Rohrbach, Wembach und Hahn bei Ober-Ramstadt und Walldorf im Norden Darmstadts. Alle diese Gemeinden waren eng miteinander und mit anderen Waldensergemeinden in anderen Territorien vernetzt. Der Kontakt zu den Einheimischen aber gestaltete sich oft schwierig.

Unterschrift von Ernst Ludwig Landgraf von Hessen und Pierre Valkenier
Unterschrift von Ernst Ludwig Landgraf von Hessen und Pierre Valkenier, Bevollmächtigter der Waldenser

Im Hessischen Staatsarchiv sind – neben dem gezeigten Privileg – einige Akten in Bestand E 14 A überliefert, die den schwierigen Weg der Niederlassung und Integration verdeutlichen. In einigen Fällen ist diese Integration gescheitert. Nach nur wenigen Jahren musste die Waldensersiedlung Neu-Kelsterbach, zu deren Anlage es hier einige Schriftstücke gibt, aufgegeben werden. Die Spannung mit den Alt-Kelsterbachern waren zu groß gewesen, so dass die Waldenser in andere Siedlungen verzogen.

Namensliste der Waldenser
Namensliste der aufgenommenen Waldenser (HStAD Best. E 14 A Nr. 321/2)

Erfolgreicher verlief die Entwicklung in der nur wenige Kilometer entfernten Walldorf. Zunächst waren die Flüchtlinge auf dem dort befindlichen Gundhof untergebracht. Dieser war 1647 wüst geworden und stand quasi als Flüchtlingsunterkunft zu Verfügung. Auf engstem Raum und in schwierigen Verhältnissen hatten sie zunächst zu bleiben. Dann wurde ihm auf Gelände der Gemeinde Mörfelden Land zugeteilt, das parzelliert wurde. An einer Straße reihten sich nun die kleinen Häuser auf. Wohlstand aber wollte sich bei dem kargen sandigen Ackerboden nicht einstellen. Viele Kolonisten waren zusätzlich als Strumpfwirker tätig.

Bericht des Schultheißen Johann Pons
In den Stall auf dem Gundhof wollte niemand mehr investieren: Bericht des Schultheißen Johann Pons aus Walldorf, 1760 (HStAD Best. E 14 A Nr. 321/2)

Die Darmstädter Akten, die in der zuständigen Rentkammer entstanden, beleuchten die Ansiedlung besonders unter finanziellen Aspekten. Aber auch die persönlichen Aspekte spielen eine große Rolle. Immer wieder beleuchtet die in französischer Sprache verfassten Eingaben der Waldenser oder ihrer Bevollmächtigten die Zwangslage der Flüchtlinge und die Schwierigkeit der Integration, der auf beiden Seiten mit Vorbehalten und Abgrenzungstendenzen zu kämpfen hatte. Unter diesem Aspekt sind es diese Akten sicherlich wert, mit dem heutigen Blickwinkel und den aktuell diskutierten Herausforderungen (wieder) einmal genauer wissenschaftlich untersucht zu werden.
Rouven Pons, Darmstadt

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