"...aus dem Schiff in den Rhein gefallen undt ertruncken"

Untersuchung von Wasserleichen im Mittelrheintal in der Frühen Neuzeit

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Karte der Niedergrafschaft Katzenelnbogen (Ausschnitt)
Karte der Niedergrafschaft Katzenelnbogen (HHStAW Best. 3011/1 Nr. 313, Ausschnitt)

In den Sommermonaten ereignen sich besonders viele Wasserunfälle, oftmals mit tödlichem Ausgang. Vor allem der Rhein mit seiner starken Strömung, Strudeln und Wasserwirbeln fordert immer wieder Opfer. Dass dies keineswegs ein neues Phänomen ist, belegt eine Sammelakte des Hessischen Hauptstaatsarchivs, die in der Niedergrafschaft Katzenelnbogen geführt wurde. Sie gibt zudem einen interessanten Einblick in die behördliche Arbeitsweise beim Auffinden von Wasserleichen in der Frühen Neuzeit (HHStAW Abt. 300 Nr. 1362).

Aufgrund der zahlreichen Krümmungen des Flusses gab (und gibt) es am Mittelrhein verschiedene Stellen, an denen immer wieder Verunglückte angeschwemmt wurden. Hierzu gehört etwa das Ufer von Trechtingshausen hinter dem „Binger Loch“, der Felsen der Loreley oder das talabwärts gelegene St. Goarshausen.
Wenn dort Tote angeschwemmt oder „angeländet“ wurden, wie es in der Akte heißt, wurde der hessen-rheinfelsische Amtsverwalter oder der hessen-kasselische Reservatenkommissar tätig. Ein medizinisch Ausgebildeter, meistens einem Barbier oder Chirurg, später häufig ein studierter Arzt, untersuchte den Toten. Wenn Zeugen ein Unglück beobachtet und gemeldet hatten oder wenn keine Spuren von Gewalt zu erkennen waren, beließ man es bei einer äußerlichen Augenscheinnahme und ging vom Ertrinken aus; in Zweifelsfällen wurde aber auch eine Obduktion durchgeführt. Auch die Kleidung und die Besitztümer des Toten wurden untersucht und in Verwahrung genommen, um sie den Verwandten auszuhändigen bzw. die Beerdigungskosten zu bezahlen. Besondere Anstrengungen wurden unternommen, um bei unbekannten Toten die Religion herauszufinden und sie auf dem „richtigen“ Friedhof beizusetzen. Ein Rosenkranz, Heiligenbildchen oder -medaillon wurden als Beweis für die katholische Konfession gesehen. Das Ergebnis der Untersuchung wurde in einem Protokoll festgehalten.
Der rechtliche Status der Herrschaft Hessen-Rheinfels sorgte jedoch für einige Probleme: Die von einer hessischen (katholischen) Nebenlinie regierte Herrschaft war nur teilsouverän und stand unter der Oberhoheit von Hessen-Kassel (evangelisch). Der erwähnten Reservatenkommissar, der in St. Goar residierte, achtete genau darauf, dass die hessen-kasselische Souveränität nicht verletzt wurde, während umgekehrt der hessen-rheinfelsische Amtsverwalter die Interessen seines Landgrafen durchsetzen wollte. Welche Konsequenzen diese Konstruktion in der Praxis hatte, zeigen die ständigen Auseinandersetzungen zwischen Hessen-Rheinfels und Hessen-Kassel, die auch beim Umgang mit Toten aus dem Rhein zutage traten.

Mittelrheintal zwischen Kaub und Welmich
Viele der bei Kaub oder Oberwesel verunglückten Personen wurden erst an der Loreley oder bei St. Goarshausen angetrieben (Best. 3011/1 Nr. 313, Ausschnitt)

Am 17. Mai 1674 stürzte der Oberstallmeister des Markgrafen Louis von Baden in der Höhe des sog. „Sauerbrunnens“ aus einem flussaufwärts fahrenden Schiff und ertrank. Sechs Tage später wurde sein Leichnam bei der Loreley angeschwemmt. Der rheinfelsische Amtsverwalter ließ den Toten im Beisein von zwei Gerichtspersonen auskleiden und ein genaues Inventar der Besitztümer anfertigen. Zum Zeitpunkt des Unglücks hatte der Oberstallmeister einen Überrock mit insgesamt 94 (!) massiven Silberknöpfen und Handschuhe, „so aber fast verwest“, getragen, ferner lederne Kniebänder und Schuhe mit jeweils silbernen Schnallen sowie eine schwarze Seidenschärpe. In seinen Hosentaschen fand man zwei kleine Rosenkränze und ein braunes Skapulier, was ihn als gläubigen Katholiken ausweist, ein Petschaft und etliche Bleikugeln. Ferner trug er 32 Gulden, neun Dukaten und ein Goldstück bei sich, das der als Sachverständige hinzugezogene Süßmann Moyses auf 16 Gulden schätzte. Ein Degen, Ringe oder Schmuck wurden nicht gefunden, dafür aber ein gedrucktes französisches Buch und etliche Briefe, „seint aber gantz vermodert“. Da das Unglück beobachtet und gemeldet worden war, sah man von weiteren Untersuchungen ab.

Anders war es elf Jahre später, als – wieder am 23. Mai – am sog. Salmenwaag in St. Goarshausen ein totes Kind angetrieben worden war. Da zwei Anwohner das Kind bereits auf dem Friedhof begraben hatten, und zwar „ohne vorhergangene nöthige obrigkeitliche inspection“, wurde eine Exhumierung angeordnet. Die Untersuchung wurde im Rathaus in Anwesenheit von Amtsverwalter, Schultheiß, einem Gerichtsschöffen und einem Schreiber durchgeführt; als medizinische Autorität war der Leib- und Hofbarbier Johann Henrich Maul herbeigeholt worden. Er stellte fest, dass es sich um ein neugeborenes Mädchen handelte, bei dem sogar die Nabelschnur noch vorhanden war. Die festgestellte Kopfverletzung war nur oberflächlich, denn der Schädel war unverletzt. Nach Abschluss der Untersuchung wurde der kleine Leichnam wieder in sein voriges Grab gelegt. Welche Tragödie sich hinter diesem Fund verbarg und was er noch nach sich zog, geht aus der Akte nicht hervor.

Ein paar Jahre später, 1689, führte der Fund eines unbekannten männlichen Toten am Ufer von St. Goarshausen (erneut) zu einem Konflikt zwischen Hessen-Rheinfels und Hessen-Kassel. Der hessen-kasselische Reservatenkommissar hatte dem Barbier und Hospitalsverwalter Luther Daniel Maul befohlen, bei dem Toten zu bleiben und jegliche Untersuchung zu verhindern. Um dem hessen-kasselischen Standpunkt Nachdruck zu verleihen, hatte er ihm drei Soldaten beigegeben. Der hessen-rheinfelsische Amtsverwalter Georg Philipps Wirth ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken und befahl gegen allen Widerspruch dem von ihm beauftragten Barbier Johann Jost Henrich Brod, den Toten zu untersuchen. Zum Erstaunen von Brod griffen die hessen-kasselischen Soldaten nicht ein. Vielleicht hatte der Amtsverwalter sie mit dem Hinweis auf hessen-rheinfelsische Rechte verunsichert; vielleicht erschien ihnen der Zank um die Untersuchung eines Toten etwas lächerlich. Mit einem gleichgültigen „was machen wir dan hier“ blieben sie untätig stehen. Die Sache zog eine erbitterte Beschwerde des Reservatenkommisssars, eine ausführliche Befragung aller Beteiligten – außer den Soldaten – und einen Streit um die Hoheitsrechte, und was überhaupt dazu gehörte, nach sich. Der unbekannte Tote wurde auf dem katholischen Friedhof in St. Goarshausen begraben.

Bericht des Amtsarzts Dr. Ratz über die Untersuchung eines unbekannten Toten
"Es ist also wohlfolglich dieser Manne unter Wasser Erstickt..." Bericht des Amtsarzts Dr. Ratz über die Untersuchung eines unbekannten Toten, 1771

Noch 1761 war der Konflikt zwischen Herrschaft und Souverän nicht beigelegt. Immer wieder beschwerte sich die Regierung in Kassel, dass auf Befehl der rheinfelsischen Amtsverwaltung Tote eigenmächtig untersucht und beerdigt würden, was diese wiederum als ein ihr zustehendes Recht ansah. Besonders verärgert war Hessen-Rheinfels im Jahr 1770 über das Vorgehen des Reservatenkommissars: Obwohl Zeugen gesehen hatten, wie ein allen bekannter Mann mit einem Pferd bei Oberwesel in den Rhein gestürzt und ertrunken war, hatte der Reservatenkommissar eine Obduktion des einige Tage später angeschwemmten Leichnams durch den Garnisonsarzt Dr. Israel angeordnet. Diesmal waren es die hessen-rheinfelsischen Räte, die – wenn auch vergeblich – gegen dieses Vorgehen protestierten.

In einem anderen Fall sorgte die Beisetzung für Streit. Hessen-Kassel wachte streng darüber, dass Hessen-Rheinfels die katholische Religion nicht weiterverbreitete, und sei es durch Beerdigungen. Der im Jahr 1771 gefundene Tote hätte auf dem lutherischen Friedhof oder direkt am Rhein beigesetzt werden sollen, denn auch wenn der Verunglückte vielleicht katholisch gewesen war, „man in Catholischer Seits zu begraben sich nicht hätte anmaßen dörffen.“ Hierbei spielten nicht nur religiöse, sondern auch finanzielle Motive eine Rolle, denn für jede Beisetzung war eine Gebühr zu entrichten.

Die Akte belegt schon für das ausgehende 17. und 18. Jahrhundert ein routiniertes und professionelles Vorgehen der zuständigen Behörden beim Fund von Wasserleichen. Erstaunlich viele Tote blieben unidentifziert – ein Hinweis darauf, dass es sich nicht um Rhein-Anwohner, sondern um Durchreisende gehandelt hat, die vor Ort niemand kannte oder vermisste. Damals wie heute war ein Großteil der Ertrunkenen männlich; allerdings handelte es sich in den meisten Fällen um Arbeitsunfälle, Bootsunglücke oder fatale Stürze. Nur im Jahr 1780 kamen Amtsarzt J.M. Ratz und der Chirurg Philipp Carl August Reuther bei der Untersuchung eines unbekleidet gefundenen Jugendlichen zu einem anderen Schluss: „…daß dieser Junge vermutlich in der Absicht zu baaden das Unglück gehabt habe, unterzusincken [und] sofort unter dem Wasser erstickt seye.“
Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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