Der Faschingsfreude Leuchtraketen

Dokumente der Wiesbadener Honoratiorenfastnacht um 1900

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"Narrheit - Einigkeit". Zeichnung aus einer Karnevalszeitung der Wiesbadener Carnevalsgesellschaft "Sprudel" e.V.
"Narrheit - Einigkeit". Zeichnung aus einer Karnevalszeitung der Wiesbadener Carnevalsgesellschaft "Sprudel" e.V.

Schriftliche Dokumente historischer Büttenreden oder Fastnachtsspiele sind nicht allzu häufig überliefert, da sie in der Regel nicht gedruckt und publiziert wurden. Im Nachlass des Wiesbadener Zweiten Bürgermeisters Johannes Heß (1854–1909) jedoch sind solche Wortbeiträge aus der Zeit zwischen 1892 bis 1907 überliefert, die einen Einblick in die Honoratiorenfastnacht in der Wiesbadener Carnevals-Gesellschaft Sprudel von 1862 e.V. ermöglichen. Die zum Teil mit Bleistift geschriebenen – zumeist gereimten – Notizen sind häufig verwischt und dann nur mühsam zu lesen. Ein eingehender Blick aber lohnt, weil er die Form des damaligen Fastnachtstreibens offenbart (HHStAW Abt. 1053 Nr. 5).

Faschingsgedicht der Honoratiorenfastnacht in der Wiesbadener Carnevals-Gesellschaft "Sprudel" e.V
Faschingsgedicht der Honoratiorenfastnacht in der Wiesbadener Carnevals-Gesellschaft "Sprudel" e.V

Auffällig ist zunächst, dass es in den Büttenreden weder um Kokolores noch um eine politische Fastnacht ging, sondern dass in mehr oder minder humorvollen bildungsbürgerlichen Reimen der eine oder andere kleine Seitenhieb auf andere Vereinsmitglieder verteilt oder für eine gute Sache geworben wurde: hier zumeist für das Sammeln von Geldern zugunsten der Wiesbadener Armen.

„‘Wo Ernstes sich mit Heitrem paart
Entsteht daraus eine gute Art!‘
So singt in einem Chansonett
Unser classischer Mitbürger Bodenstedt“
– so beginnt eine Rede mit Bezug auf ein Gedicht des im Wiesbadener Ruhestand lebenden Schriftstellers Friedrich von Bodenstedt, das in der Zeitung veröffentlicht worden war.

Weiter geht es:
„Aus allen Höhen und Tiefen des Wissens
Aus dem Reiche der Minne und des Küssens
Aus der Schmiedewerkstatt der Gedankenblitze
Aus der Waffenkammer der Geisteswitze,
Aus der Faschingsfreude Leuchtraketen,
Aus den Freudenhimmel und seinen Kometen,
Giebt das Blatt [die Zeitung] Euch fröhliche Kund‘,
Drum heißt es willkommen mit Herz und Mund!“

Und dann werden die Mitglieder des Karnevalsvereins in die Stadt gesendet, um die besagten Spenden beim gehobenen Bürgertum und bei Beamten einzutreiben.
„Laßt füllen von den Herren vom Handelsstand
Euch die kleinen Händchen bis zum Rand.
Vor allem aber die Herren Rentner,
Erleichtert gleich um einige Centner!
Nur mit den Herren Referendaren
Müßt Ihr etwas milde verfahren.“

Liederheft zur Vierten General-Versammlung der Wiesbadener Carnevalsgesellschaft "Sprudel" e.V.
Liederheft zur Vierten General-Versammlung der Wiesbadener Carnevalsgesellschaft "Sprudel" e.V.


Für die Zeitgenossen humorvoller, heute aber nur mit Mühe und nach intensiven stadthistorischen Begleitrecherchen verständlich ist eine fingierte Sitzung der Wiesbadener Stadtverordneten vom 7. Februar 1896, in der es angeblich um die Unterstützung hilfsbedürftiger Armenärzte durch Zuwendung von Untersuchungskosten für Schulkinder geht. Als Erster tritt der Naturforscher Ludwig Dreyer (1841–1924) vor und spricht: „Ich möchte zunächst einen Lapsus unseres verehrtesten Herrn Vorsitzenden berichtigen, der mir selbst oft in meinen Selbstgesprächen passirt: ich bin nämlich, wie männiglich und weiblich bekannt, von den 5Füßlern zu den 2Füßlern eingewandert; mein Name ist Dreyer. Schon der alte Salomon sagte: Aller guten Dinge sind drei, der Comparativ der guten Dinge zeigt also dreier. Aber ein gut Ding will Weile habe, und so dachte ich zuerst, die Herren Armenärzte konnten auch noch lange Weile habe. Jedoch überzeugte ich mich in der Finanzkommission, die schon durch ihr Alter Ehrfurcht einjagt, daß den Armenärzten geholfen werden muß.“ Und in diesem bildungsbürgerlichen Tonfall mit zeithistorischen Anspielungen geht es weiter, bis schließlich der Vizebürgermeister Heß und ein Mitglied der Familie Fresenius – wohl der Chemiker Heinrich (1847–1920) – das Wort ergreift. Allerdings machen die zahlreichen Anspielungen eine Einordnung des Geschehens nicht immer leicht und der Humor wirkt oft eher gestelzt, denn wirklich ansteckend.

In weiteren kleinen Reden werden verschiedene Honoratioren ironisch porträtiert oder der Verzehr des Dippehas – eines Schmorgerichts aus Hasen- und Schweinefleisch – gefeiert. So harmlos und schwer verständlich manches daherkommt, für die Wiesbadener Karnevalsgeschichte – aber auch für die Stadtgeschichte um 1900 – sind die Texte sicherlich eine Fundgrube. Vielleicht ist die diesjährige, etwas ruhigere Fastnachtszeit ja die Gelegenheit, sich dem historischen Karneval in Wiesbaden mit eingehenderen Studien zu widmen.
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

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