„Hastu genug?“

Eine Wirtshausstreiterei mit Todesfolge in Gemünden (Wohra)

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Aufstellung über die angefallenen Arztkosten zur Behandlung des Jakob de Morre
Aufstellung über die angefallenen Arztkosten zur Behandlung des Jakob de Morre (HStAM Best. 17 d Nr. von Klauer 6)

Wenn Emotionen und Alkohol im Spiel sind, können die Gemüter hochkochen. In den hoffentlich meisten Fällen sitzen die Streitenden anschließend zusammen und genießen die nächste Runde Kaltgetränke. Manchmal entwickeln sich solche Streitereien jedoch zu ernsthaften Auseinandersetzungen mit schmerzhaften Nachwirkungen für alle Teilnehmenden. Es handelt sich hierbei freilich nicht um ein modernes Phänomen: Bereits antike Autoren wie der sogenannte Kirchenvater Augustinus von Hippo (Aug. de catechizandis rudibus 16, 25, 7ff.) äußern sich über das Gewaltpotenzial von Tavernenbesuchern.

Einer dieser Tatorte war ein Wirtshaus im späten 17. Jahrhundert bei Gemünden (Wohra) und einer der Täter der Lieutenant der Infanterie Adolph Sittich von Klauer zu Wohra. Im Marburger Bestand 17 d Familienrepositur ist die Familienrepositur zur Familie von Klauer von der Landgräflich-Hessischen Regierung Kassel überliefert (von Klauer). Neben beispielsweise Familien- und Erbschaftsangelegenheiten, Beziehungen zum Landesherrn oder Finanzangelegenheiten finden sich hier auch Akten zur Streitigen und Strafgerichtsbarkeit. Die Akte zum „peinliche(n) Prozess gegen Leutnant Adolph Sittich von Klauer wegen der Misshandlung des kurbrandenburgischen Reiters Jakob de Morre in einem Wirtshaus in Gemünden“ dokumentiert die Aufarbeitung (HStAM Best. 17 d Nr. von Klauer 6). Bei dem „peinlichen Prozess“ handelt es sich von der Bedeutung her um einen Strafprozess. Der Fall von 1680 liefert einen Einblick in das Ermittlungsprozedere bei Straftaten mit Todesfolge im ausgehenden 17. Jahrhundert. Hierfür wurden die Aussagen von Zeugen und Beteiligten mittels Fragebögen eingeholt, der Autopsiebericht ausgewertet und die Ergebnisse in einem Bericht zusammengetragen. Diese Vorgehensweise ähnelt durchaus jener bei modernen Verfahren, ist aber deutlich weniger formell und verfahrensförmig gestaltet.

Was war den Ermittlungen zufolge geschehen? Eine kleine Gruppe von Angehörigen des Militärs um besagten Adolph Sittich von Klauer war in ein Wirtshaus eingekehrt und sprach großen Mengen Alkohol zu. Innerhalb der Gruppe kam es zu Beleidigungen und Streitigkeiten, die darin endeten, dass ein gewisser Fähnrich Winther übel zugerichtet wurde. Daraufhin nahm sich eine eigentlich unbeteiligte Frau eines Sergeanten, die in den Akten ausschließlich „Sergantin“ genannt wird, des Verletzten an. Sie brachte ihn auf ihr Zimmer, in dem sich ihr Mann und der Gast Jakob de Morre aus Danzig aufhielten. Die Gruppe um von Klauer durchbrach die Tür und verletzte den Sergeanten und dessen Frau schwer. Auch der Gast de Morre wurde von der Gruppe mit schweren Schlägen und Tritten malträtiert, als er versuchte, sich vom Geschehen zu entfernen. Auf die Frage „hastu genug?“ beschwerte sich der am Boden Liegende über die Behandlung. Daraufhin stach einer der Angreifer mit dem Degen zu und trieb den Verletzten in eine nahegelegene Scheune, wo dieser letztlich liegen blieb und von ihm abgelassen wurde. Im Hospital St. Jacob ist de Morre später seinen Verletzungen erlegen, laut Autopsiebericht „vermuthlich wegen der heftigen contusion der brust“.

Aufstellung über die angefallenen Arztkosten zur Behandlung des Jakob de Morre
Trotz Wein und Medikamenten aus der Apotheke und "Mühwalten" des Chirurgen Johann Rudolph Glock war dem Opfer nicht mehr zu helfen. Schließlich musste Schreiner Johann Michael Schmidt einen "Totensarck" anfertigen.

Drei Jahre nach den Ereignissen wurden die Kosten ermittelt, die bei der medizinischen Versorgung sowie durch das Begräbnis des Jakob de Morre angefallen sind, da die Gläubiger ihre Bezahlung von den Beschuldigten verlangten. Womöglich wurden Absprachen getroffen, die keinen Niederschlag mehr in den Unterlagen fanden. Entsprechende außergerichtliche Einigungen waren zu dieser Zeit keine Seltenheit, vielmehr fungierten die Räte der Verwaltung als Mediatoren. Eine über einen kurzfristigen Arrest hinausgehende Sanktion der Täter ist nicht überliefert.
Fabian Frenken, Marburg

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