Der „Yankee Doodle“ - ein Schwälmer Tanz?

Ein Archivalienfund zum amerikanischen Unabhängigkeitskrieg

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Druckfahne von Johann Lewalters Aufsatz „Der ‚Yankee Doodle‘ ein Schwälmer Tanz?“
Druckfahne zu Johann Lewalters Aufsatz „Der ‚Yankee Doodle‘ ein Schwälmer Tanz?“ (HStAM 340 Bantzer Nr. 114, Ausschnitt)

Am 4. Juli feiern die USA ihren Nationalfeiertag, der an die Ratifizierung der Unabhängigkeitserklärung der ursprünglich 13 Provinzen von der britischen Mutternation im Jahr 1776 und somit an den Beginn der Vereinigten Staaten von Amerika erinnert. Dies bietet einen Anlass, nach Dokumenten zu hessisch-amerikanischen Beziehungen in der Überlieferung des Hessischen Staatsarchivs Marburg zu schauen, die sehr vielfältig und durchaus umfassend sind. Erinnert sei zum Beispiel an die Auswanderung aus Hessen nach Amerika (Lagis-Modul HESAUS) oder an die Teilnahme hessischer Truppen am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (Lagis-Modul HETRINA).

Daneben gibt es aber auch weitere, interessante Akten. So findet sich beispielsweise im Nachlass des Malers Carl Bantzer (1857–1941) die Druckfahne von Johann Lewalters Aufsatz „Der ‚Yankee Doodle‘ ein Schwälmer Tanz?“ (HStAM 340 Bantzer Nr. 114), der 1905 im Heft 19 von „Hessenland“ – Zeitschrift für hessische Geschichte und Literatur“ auf S. 20–23 publiziert wurde. Die vorliegenden Druckfahnen in der Rubrik „Fremde Provenienz“ des Bestandes sind nicht weiter kontextualisiert, enthalten aber am Schluss die Nachricht „Herzl.(iche) Grüsse! Ihr Lewalter“, also eine Widmung des Autors an Bantzer. Dies ist insofern bemerkenswert, da mit Bantzer und Lewalter die beiden Personen zusammengekommen sind, die in ihren jeweiligen Spezialgebieten quasi mit dem Schwälmer Tanz identifiziert werden. Der stark vom Impressionismus beeinflusste Maler Bantzer, der Mitglied der Willingshäuser Malerkolonie war, stammte selbst aus der Schwalm und malte Zeit seines Lebens immer wieder Motive aus dem Leben der Schwälmer und damit auch seinen berühmten „Schwälmer Tanz“ oder auch „Schwälmer Jugend beim Tanz“. Johann Lewalter (1862–1935) hingegen hatte am Konservatorium in Leipzig Musik studiert und arbeitete als Musiklehrer in Kassel, wo er auch als Heimatkundler und Schriftsteller tätig war. Neben den von ihm gesammelten Kinder- und Volksliedern gab er 1903 die von ihm bei festlichen Anlässen zusammengetragenen „Schwälmer Tänze“ heraus. Zwei Jahre später erfolgte die Veröffentlichung des oben genannten Aufsatzes im „Hessenland“, wo er auch gelegentlich Gedichte publizierte.

Johann Lewalter: Porträt auf einer Autogrammkarte, um 1925
Johann Lewalter: Porträt auf einer Autogrammkarte, um 1925. Aus: Kassel Lexikon Bd. 2 L-Z, herausgegeben von der Stadt Kassel, Kassel 2009, S. 39 (aus: Stadtmuseum Kassel).

Auf den sieben in Halbfolio-Format vorliegenden Seiten handelte der Musiker und Heimatkundler alle Aspekte zu dem „eigenartigen volkstümlichen amerikanischen“ Lied ab, die ihm relevant erschienen und ergänzte diese um die Informationen, die ihm zu dieser Zeit zugänglich waren. Für einen Musiker sind zunächst die unterschiedlichen Textversionen des Liedes von Bedeutung, da sie wohl „nur wenigen geläufig sein werden“, wie er schrieb. Noten hingegen fehlen. Dabei hat er die letzte von ihm präsentierte Version von der amerikanischen Komponistin Gertrude Normand-Smith aus einer Sammlung amerikanischer Kriegslieder. Zudem sandte sie einen Absatz aus einer amerikanischen Publikation über die Herkunft des Liedes, den Lewalter auf Englisch zitiert. Darin wird das Lied wie im Allgemeinen bis heute auf den Arzt Shamburg oder Shuckburg zurück geführt, der es 1775 arrangiert hatte, als er im Lager der britischen Soldaten am Hudson River südlich von Albany geweilt und Text und Musik zusammengestellt hatte. Die Melodie wird dabei als britische Weise bezeichnet, die einer aus dem 17. Jahrhundert ähnelt und ein Spottlied der königstreuen Kavaliere am Hof Karls I. über Cromwell aufgreift. Lewalter verweist aber auf einen Artikel, nach dem die Melodie von einem Militärmarsch herrühren soll, der bei den im englischen Sold stehenden hessischen Truppen während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges üblich war. Zu den Truppen gehörten auch Spielleute, meist Trommler und Pfeifer.

Archibald Willard (1836-1918): The spirit of ’76
Archibald Willard (1836-1918): The spirit of ’76 (aka Yankee Doodle), Abbot Hall in Marblehead / Massachusetts.

Bis zu der Zeit, in der Lewalter selbst gedient hat, spielten die Militärkapellen nicht nur die Märsche, sondern v.a. auch in der Lagerzeit populäre zeitgenössische Weisen und Tänze. Da 1776 das Hauptwerbe-Depot für hessische Rekruten in Ziegenhain war, scheint es für Lewalter schlüssig, dass die dabei geworbenen Schwälmer Spielleute auch ihre Weisen nach Amerika genommen und dort gespielt haben. Zudem scheint Lewalter in Rhytmus und Melodie der Schwälmer Lieder eine Ähnlichkeit zum „Yankee Doodle“ zu erkennen. Bestätigt wird dies durch eine Aussage von Gertrude Normand-Smith, die Lewalter berichtet hatte, dass der amerikanische Nationaltanz „Virginia Reel“ zu der Weise von „Yankee Doodle“ getanzt wird: „Auch das wäre lehrreich, denn dann hätten die Amerikaner instinktiv erkannt, daß die Weise eigentlich einem Tanze angehört.“ Er folgert weiter, dass die Melodie dieses „ur-amerikanischen“ Liedes von hessischen Bauern aus der Schwalm möglicherweise nach Amerika gebracht worden ist. Lewalter schließt seine Ausführungen: „Schließlich sei noch der Tatsache Erwähnung getan, daß auf der Kirmes im Schwälmer Dorfe Wasenberg am 22. Oktober 1904 der Yankee-Doodle ohne Wissen der Schwälmer Burschen und Mädchen als Schwälmer Tanz gespielt worden ist und daß die Tänzer und Tänzerinnen genau danach getanzt haben, wie nach einem ihnen bekannten ‚Schwälmer‘“.

So wie aber auch Lewalter sich nicht endgültig festlegen kann oder will – immerhin lässt er seine Überlegungen unter einer Frage stehen –, kann auch hier nicht endgültig geklärt werden, ob sich die verschiedenen Melodien aufgrund ähnlicher Musikinstrumente und Rhythmen nur zufällig ähneln oder ob der Yankee Doodle wirklich im Ursprung ein Schwälmer Tanz ist. Entscheidend ist, dass sich an einem als amerikanisch bekannten Lied die vielseitigen Einflüsse auf die nordamerikanische Kultur aufzeigen lassen. Womöglich gilt dies folglich auch für Schwälmer Tänze.
Eva Bender, Marburg

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