Zwangsabonnements für Landesbeamte

Aus der Verordnungssammlung des Forstamts Wimpfen

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Zwangsabonnements für Landesbeamte
Verordnung für Landesbeamte zur Bestellung von Theaterabonnements (HStAD Best. G. 38 Wimpfen Nr. 12)

Der Förster in Wimpfen wird die ihm zugestellten Rundschreiben und Erlasse mit einer gewissen Verwunderung aufgenommen haben. Bereits am 10. Oktober 1933 ging ihm ein Rundschreiben zu, das an alle hessischen Behördenvorstände in Darmstadt und Umgebung gedacht war. Darin wurde jeder Beamte und Angestellte gebeten, entweder beim Darmstädter Landestheater oder bei der „Deutschen Bühne“ ein Abonnement zu erwerben. „Insbesondere sind alle Beamten auf den Kulturwert des Landestheaters aufmerksam zu machen. Es ist allen Beamten mit höherem Einkommen zu empfehlen, die Erhaltung des Landestheaters dadurch zu unterstützen, daß sie als Festbesoldete, wenn irgend möglich, ein Theaterabonnement erwerben.“ Bei dem ca. 120 Kilometer von Darmstadt entfernt gelegenen Bad Wimpfen, das nordwestlich von Heilbronn liegt und seit 1803 eine hessische Exklave bildete, konnte nun wahrlich nicht von einem Ort in Darmstadts Umgebung gesprochen werden.

Eine Reaktion des Forstpersonals auf diese Bitte ist aus der Akte HStAD Best. G 38 Wimpfen Nr. 12 leider nicht zu entnehmen. Am 26. Juni 1934 aber erfolgte die nächste Ermahnung. „Das Hessische Landestheater in Darmstadt, das im kommenden Winter sein 125-jähriges Bestehen feiern kann, hat soeben seine Werbeschrift für das am 9. September beginnenden Spieljahr herausgegeben und hierbei zur Erwerbung einer Platzmiete eingeladen“, heißt es da. „Opferfreudig“ sollten sich die Beamten für das Theater einsetzen und durch Theaterabonnements das Haus unterstützen. Alle Beamten und Angestellten sollten erneut um „dem Einkommen entsprechende“ Abonnements am Landestheater oder bei der Deutschen Bühne, die zur NS-Organisation „Kraft durch Freude“ gehörte, angehalten werden. Und diese Werbung wurde am 2. September 1935 erneuert, diesmal auch in einem leicht schärferen, vor allem aber ideologisch noch nachdrücklicheren Ton. „Angesichts der großen Bedeutung, die dem deutschen Theater im Kampf um die nationale Kultur zukommt, erwarte ich von den Beamten und Angestellen, daß sie auch in der jetzt beginnenden Spielzeit Mieter des Landestheaters werden und damit erneut die Opferfreudigkeit und ihren Willen zur Mitarbeit an den geistigen Zielen des neuen Staats zum Ausdruck bringen.“

Nationalsozialistische Propaganda am Landestheater Darmstadt
Nationalsozialistische Propaganda am Landestheater Darmstadt anlässlich der Reichstagswahl 1936 (HStAD Best. R 4 Nr. 20538/1)

Ob dem Reichsstatthalter in Hessen, von dem die Aufforderung kam, bewusst war, dass es wenig einladend gewirkt haben dürfte, dass ein Theaterabonnement mit „Opferfreudigkeit“ begründet wurde, ist ungewiss. Die anschließende Werbung für die erschwinglichen Preise und die Ermahnung, an einem „deutschen Volks- und Nationaltheater“ mitzuwirken, spricht aber dafür, dass das Darmstädter Landestheater, das u.a. unter dem Intendanten Gustav Hartung expressionistisch geprägt war und – trotz aller Konflikte – auf eine große Publikumsresonanz rechnen konnte – mittlerweile seine Schwierigkeiten hatte, das Haus zu füllen. Leider geben die Publikationen von Hermann Kaiser darüber keine Auslastung. Neue Felder zur Erforschung der Darmstädter Theatergeschichte wären also gegeben.
Rouven Pons, Darmstadt

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