Das Königliche Theater in Wiesbaden stand im Jahr 1905 vor einem besonderen Problem: Es war verstaubt.
Beim ständig erforderlichen Wechsel der handgemalten Kulissen, die auf- und abgerollt und hin- und hertransportiert wurden, platzten unablässig Farbpartikel ab; hinzu kamen der Abrieb, der beim Umstellen des Bühnenmobiliars entstand, und die Textilfasern der Kostüme und Garderoben, die durch die Bewegung der Bühnenkünstler, insbes. des Balletts, und des hinein- und hinausströmenden Publikums losgelöst wurden. Verschlimmert wurde die Situation noch durch die regelmäßige „Reinigung“ des Zuschauerraums, bei der man zeittypisch die samtbezogenen Polstersessel einfach ausklopfte und letztlich nur für eine gleichmäßigere Verteilung des Staubs sorgte.
Staubiges Spiel
Technische Neuerung vs. Verwaltung: Der Staubsauger des Königlichen Theaters
Der Theaterarzt und Sanitätsrat E. Hoffmann schlug Alarm. Nur 10 Jahre nach dem Umzug in das prachtvolle neue Gebäude am Warmen Damm waren die Arbeitsbedingungen für die Theaterarbeiter so schlecht, dass „eine grosse Anzahl an chronischen Lungenaffectionen mit sehr hartnäckigem und öfters bösartigem Verlauf“ erkrankt war, wie der Theaterarzt in einem Gutachten vom April 1905 schrieb. Nicht nur die mechanische Belastung durch den Staub war krankheitserregend, sondern auch die Stoffe, die der Staub enthielt, vor allem Chrom und Kupfer und andere Metallzusätze, insbes. Blei, die den Farben beigemischt waren. Die einzige Lösung, so der Theaterarzt, war eine gründliche Entfernung des Staubes, „und dies kann nur durch Aufsaugen des Staubes in den luftleeren Raum mittelst eines Apparates genannt „Vacuum Entstäuber“ geschehen.“
Die Formulierung zeigt, dass der „Vacuum Entstäuber“, heutzutage als Staubsauger bezeichnet, damals noch keineswegs allgemein bekannt war – kein Wunder, handelte es sich doch um eine noch sehr junge Erfindung. Nach einigen technischen Vorläufern aus den USA hatte der Engländer Hubert Cecil Booth das Sauggerät „Puffing Billy“ entwickelt, dessen Namen an eine Dampflok denken lässt. Tatsächlich handelte es sich um eine große, pferdegezogene und benzinbetriebene Vakuumpumpe, an der lange Saugschläuche befestigt werden konnten. Wohlhabende Kunden ließen damit ihre Häuser von der Straße aus reinigen, jedenfalls soweit der Schlauch durch das Fenster reichte. Die ersten mobilen, elektrisch betriebenen Geräte für den Hausgebrauch wurden in den USA erfunden und etwa ab 1904 von der „Vacuum-Reiniger Gesellschaft m.b.H.“ auch in Deutschland vertrieben. Für große Betriebe wurden stationäre Anlagen entwickelt, eine Art Zentralstaubsauger für mehrere Saugschläuche wie beim "Puffing Billy". Größere Anlagen verfügten über ein eigenes Rohrleitungssystem im Gebäude; für das Saugen musste der Staubsaugerschlauch an der nächsten Rohröffnung angeschlossen werden.
Die Theaterintendanz, die das Gutachten ihres Arztes ernst nahm, holte sich zunächst allerlei Erkundigungen über die neuartige Erfindung ein. Die Universitätsbibliothek Heidelberg hatte die Druckwerke ihrer Bibliothek, rund 440.000 Bände, durch ein mobiles Gerät der Dienstleistungsfirma Firma J. Hochstetter „von sehr grossen und teilweise alteingesessenen Staubmasse“ befreien lassen. Sehr zufrieden waren auch das Kaufhaus August Polich in Leipzig und das Textilhaus Rudolph Hertzog in Berlin, die schon 1903 eine feste Staubsaugeranlage installiert hatten, und das Wiesbadener Palast-Hotel (vormals Zum Engel und Schwan), das ein mobiles Gerät benutzte.
Der weitere Fortgang der staubigen Sache zeigt die Probleme, vor denen Institutionen schon vor über einhundert Jahren standen. Um den Staubsauger anschaffen zu können, musste sich das Theater an die Stadt Wiesbaden wenden, die ihrerseits die Anschaffung einer so teuren Gerätschaft genau abwägen wollte, betrugen die Anschaffungskosten für einen „transportablen zweicylindrigen Vacuum-Reiniger-Apparat“ samt Zubehör doch immerhin rund 6804 Reichsmark, wohingegen die einmalige Reinigung des gesamten Zuschauerraumes „mittelst Vacuum“ nur 414 RM kostete. Mehrfach fragte die „Vacuum-Reiniger-Gesellschaft“ beim Theater nach und bot immer neue, günstigere Konditionen, doch bis September 1909 war noch nichts entschieden.
Ein Jahr später verfasste der Theaterarzt Dr. Böhmer ein neues Gutachten, in dem er nicht nur die gesundheitlichen Gefahren der Staubbelastung insbes. für die Bühnenarbeiter und Maschinisten weiter ausführte, sondern auf das Sicherheitsrisiko von Staubnestern hinwies: „Bekannt ist, dass unter in größeren Mengen angesammelten feinen Staubmassen Selbstentzündungen vorkommen können. An eine derartige Möglichkeit muss man bei dem Theaterstaub um so eher denken, als derselbe doch, wie bereits erwähnt, chemische Bestandteile enthält.“
Die Explosionsgefahr schreckte den Magistrat auf – die verheerenden Theaterbrände im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert mit vielen hundert Todesopfern waren eine traurige Mahnung. Eilends stimmte der Magistrat zu und gab die Angelegenheit an die Hochbau-Deputation „zur Prüfung und Antragstellung“ weiter, die ebenfalls keine Einsprüche erhob. Nun wurde das Städtische Maschinenbauamt mit den Vorarbeiten beauftragt – und musste diese erstmal aufschieben, da die Genehmigung der Stadtverordnetenversammlung fehlte. Aus der erwarteten Verzögerung von vier Wochen wurde ein dreiviertel Jahr.
Ende April 1911 drängte die Intendanz des Theaters erneut auf Einbau der Staubsaugeranlage, doch erst im August hatte das Städtische Maschinenbauamt Kapazitäten für die Installation. Unklarheiten bestanden noch bei der Technik: Wollte das Theater eine reine Saugluft-Anlage oder, wie das benachbarte Kurhaus, eine Druckluft-Sauganlage? Die Technische Oberinspektion des Theaters entschied sich innerhalb von zwei Tagen für eine Druckluftanlage. Nun musste geklärt werden, welche Firma die Anlage liefern sollte, und wo diese aufgestellt werden sollte; eine weitere Verzögerung von mehreren Monaten.
Im Mai 1912 war es endlich soweit: Nach sieben Jahren Diskussion wurde die im Maschinenraum des Theaters eingebaute Staubsaugeranlage der Firma A. Borsig seitens der Stadtverwaltung im Beisein von Intendanz, Stadtrat Blume und Stadtbauinspektor Berlit offiziell dem Theater übergeben. Den nötigen Strom erhielt sie aus der Stromversorgung des Theaters, das seinerseits das städtische Netz und – für etwaige Netzausfälle - eine eigene Akkumulatorenbatterie sowie eine Reserve-Dampfmaschine verwendete. Die Anlage arbeitete zur allgemeinen Zufriedenheit, auch wenn sich die erhoffte Kostenersparnis gegenüber der Reinigung durch beauftragte Firmen nicht eingestellt hatte, da man nun den Stromverbrauch der Anlage mit einberechnen musste. Die Tilgung und Verzinsung der Anschaffungs- und Betriebskosten blieb auch in den folgenden Jahren ein Diskussionspunkt zwischen Magistrat, Stadtverordnetenversammlung und Theater. Aber wenigstens ließ sich der stetig anfallende Staub nun entfernen.
Quelle: HHStAW, Best. 428, Nr. 460Öffnet sich in einem neuen Fenster
Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv