Wer kennt heute noch die Sopranistin (Therese) Thoma Börs? Dabei hat die 1850 in Hamburg geborene Sopranistin, Tochter eines Hornvirtuosen namens Börs (Fremden-Blatt 25. Januar 1867), keine unbedeutende Karriere gemacht. Zunächst von ihrem Vater sowie Gesangspädagogen in Lübeck (Allgemeine musikalische Zeitung, 20. Februar 1867) ausgebildet, debütierte sie mit 17 Jahren in Hamburg als Agathe in Webers „Freischütz“. Im darauf folgenden Jahr wurde sie nach Leipzig engagiert, von wo aus sie in Berlin und Dessau gastierte, um sich dann in Rom bei dem Gesangslehrer und Komponisten Eugenio Terziani (Tergiani) weiter fortbilden zu lassen ( grandemusica.net/musical-biographies-t-1/terziani-eugenioÖffnet sich in einem neuen Fenster). Mehrfach trat sie in den 1870er Jahren in Italien auf und war dann von 1875 bis 1876 an der kaiserlichen Oper in Moskau engagiert. 1876 bis 1879 war sie Mitglied des Ensembles am Schweriner Hoftheater, wo sie bereits 1875 gastiert hatte (Personalakte Landeshauptarchiv Schwerin 5.12.7/8 1980), um dann nach Hannover (Personalakte NLA HA Hann. 132 Acc. 2005/88 Nr. 244) zu wechseln, wo sie bis 1891 tätig blieb. Gastspiele führten sie an die Hofopern von Wien, London, München und St. Petersburg. Ihr Repertoire umfasst vor allem jugendlich-dramatische und hochdramatische Partien, bis hin zur Brünhilde im „Ring des Nibelungen“ ( OPERISSIMOÖffnet sich in einem neuen Fenster). Noch am Ende des Ersten Weltkriegs wirkte sie als Gesangslehrerin und starb 1930 in Hannover ( musiXplora – b0738Öffnet sich in einem neuen Fenster).
Wie sang Frau Thoma Börs?
Privater Zufallsfund anhand Darmstädter Erschließungsdaten
Durch Referenzierungsarbeiten mit Normdaten in einem Projekt zu den Darmstädter Theaterakten (
Archivnachrichten aus Hessen, Ausgabe 23/1, 2023, David Gniffke/Rouven Pons: Genormte Bühnenstars. Versuch zur manuellen Anreicherung mit Personennormdaten an Darmstädter Theaterbeständen, in: Archivnachrichten aus Hessen 23/1, S. 76–80) fiel jüngst das Augenmerk darauf, dass Frau Thoma Börs in der Spielzeit 1869/70 auch am Darmstädter Hoftheater gastierte. Sie sang dort in Gounods „Romeo und Julia“ (HStAD, Best. G 55, Nr. 2557) die Rolle der Julia und in Mozarts „Don Giovanni“ die Zerlina, also beides Koloraturpartien, die für ihren weiteren Karriereweg keineswegs bestimmend bleiben sollten. Die Kritiken waren jedoch verhalten. Zur Darbietung der Julia schrieb die Darmstädter Zeitung am 03.04.1870: „Die junge Dame, zwar mit hübscher Stimme und mit unverkennbarem Darstellungstalente begabt, besitzt nicht die Stärke des Organs, wie sie für unser großes Opernhaus notwendig ist, um dasselbe gehörig auszufüllen. Die Stimme klingt ungemein dünn […]“.
Etwas besser kam ihre Verkörperung der Zerlina an:
Fräulein Thoma Börs vom Stadttheater in Hamburg, deren Leistungen als „Julie“ in der Gounod’schen Oper wir nur theilweise anerkennen konnten, erwies sich in der bescheidenen Soubretten-Partie als „Zerline“ mehr an ihrem Platz: die junge Dame sang recht hübsch und spielte nett und lebhaft.
Einem Nutzer des Darmstädter Staatsarchivs fiel auf, dass er genau zu einer solchen Partie – Donizettis „Lucia di Lammermoor“ – Noten aus dem Besitz von Frau Thoma Börs zuhause hat, in der Kadenzen, also Koloraturverzierungen, mit Bleistift eingetragen sind, die über den gedruckten Notentext hinausgehen.
Da es sich um einen Klavierauszug in italienischer Sprache handelt und die Zusätze ebenfalls in dieser Sprache ergänzt wurden, ist davon auszugehen, dass es sich um Arbeitsmaterialien handelt, die die junge Sängerin während ihrer Ausbildung in Rom anfertigte. Die heute schon etwas verwaschenen Notizen geben damit einen Einblick, wie die italienische Belcantotradition in der Mitte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Werke aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts interpretierte, in einer Zeit, aus der noch keine Tonaufnahmen überliefert sind.
Mehr noch als über die Gesangskünste von Frau Thoma Börs sagen diese Notizen etwas über die die italienische Gesangsausbildung aus, die Terziani an der renommierten Accademia Santa Cecilia in Rom pflegte und prägte. Damit sind diese verwaschenen Notizen Quellen einer akustisch nicht dokumentierten Tradition, die es 1870 auch auf die Darmstädter Opernbühne gebracht hatte. Es wäre sicherlich lohnend, diesen Spuren von musikwissenschaftlicher Seite nachzugehen.
Rouven Pons, Darmstadt