Schwarz-Weiß-Luftbild eines großen, symmetrischen Gebäudekomplexes mit mehreren Flügeln und Innenhof, umgeben von Wegen, Feldern und dichtem Wald

Lehramtsausbildung im Nationalsozialismus

Ein Neuzugang von Personalakten der ehemaligen Hochschule für Lehrerbildung in Weilburg gibt Einblicke in die Beurteilung angehender Volksschullehrer in den 1930er Jahren.

Das Reifezeugnis, ein Lebenslauf mit Passbild, das Attest vom Amtsarzt und gelegentlich ein Antrag auf Studienbeihilfe sind Dokumente, die wir auch heute noch in der Personalakte eines Lehramtsanwärters erwarten würden. Etwas kurios erscheinen uns dagegen etwa Berichte der Hochschule an die Eltern von erwachsenen Studenten, die Auskunft über deren Fleiß und das Betragen ihres Sohnes geben. Zeittypisch für die 1930er Jahre sind die vielfach in den Personalakten enthaltenen Bescheinigungen der nationalsozialistischen Jugend- und Parteiorganisationen, des Reichsarbeitsdienstes und mitunter auch der SA oder der SS über die Mitgliedschaften und die „weltanschauliche und charakterliche Festigkeit“ der jungen Männer. Gutachten über Praktika und Lehrversuche, die die Studenten in Grund- und Volksschulen abzuleisten hatten, geben Aufschluss über das zeitgenössische Idealbild eines guten Lehrers. 

In den Richtlinien zur Durchführung des Schulpraktikums im Sommersemester 1935 wurde die Leitlinie ausgegeben, als „wichtigste Erfahrung“ mögen die Studenten aus den Praktika mitbringen, dass sie die „Ehre des Erzieherberufs“ darin erkennen, dass sie am Aufbau des "Dritten Reiches" in Schule und Gemeinde mitwirken (HHStAW, Abt. 800, Nr. 141Öffnet sich in einem neuen Fenster). Auf dem Lehrplan der Hochschule für Lehrerbildung standen im Jahr 1935 neben Erziehungswissenschaft auch Heimat- und Rassenkunde, Leibeserziehung und Wehrsport, sowie Kunst und Werkarbeit. Den Leitlinien entsprechend zieht einer der Studenten in seinem Praktikumsbericht das Fazit: „Sie brauchen nicht hochgelehrt zu sein; denn fast alle ergreifen wieder den Beruf ihrer Väter und werden Bauern und Lohnarbeiter. Viel wichtiger ist, dass sie zu tüchtigen und brauchbaren Menschen erzogen werden.“ Von seinem Ausbildungslehrer übernahm er sein zentrales Bildungsziel: „Vertrauen auf sich selbst und den Glauben an Deutschland“ (HHStAW, Zug. 44/2026, Personalakte Lenz). Die Dozentengutachten zu einzelnen Fächern heben auf vielfältige Weise hervor, dass Fleiß und die richtige Weltanschauung an der Hochschule weitaus mehr Gewicht hatten als fachliche Kompetenz.

Er musste von mir wegen ungebührlichen Benehmens und wegen ungenügenden Fleißes bei der Beteiligung an der Hochschularbeit zur Rede gestellt werden.

Die rund 50 Personalakten dokumentieren sowohl erfolgreiche Übergänge in den Lehrerberuf als auch Studienabbrüche oder Suspendierungen wegen Diebstahls oder sogenannter Sittlichkeitsvergehen. Manche Studenten sind während ihrer Studienzeit gestorben. Bei der Prüfungsstelle der Hessischen Lehrkräfteakademie in Gießen wurden die Akten bei Aufräumarbeiten aufgefunden und daraufhin an das Hauptstaatsarchiv abgegeben.

Maschinenschriftliches Schreiben auf vergilbtem Papier
Brief der Hochschuldirektion an den Vater eines Studenten (HHStAW, Zug. 44/2026, Kontrast erhöht)

Die Hochschule für Lehrerbildung ging 1934 als Nachfolgeorganisation aus der Pädagogischen Akademie Frankfurt am Main hervor und fungierte als staatliche Ausbildungsorganisation für Volksschullehrer. Während des Zweiten Weltkriegs blieb die Hochschule geschlossen und der Windhof wurde für militärische Zwecke genutzt. Im Herbst 1945 wurde sie als Lehrerausbildungsstätte des Landes Hessen unter dem Namen Pädagogisches Institut Weilburg wiedergegründet. 1963 wurde der Bildungsauftrag des Instituts den Universitäten übertragen. Die Personalakten der Pädagogischen Hochschule ergänzen hervorragend den bereits im HHStAW archivierten Bestand des Pädagogischen Instituts Weilburg, der unter anderem Verwaltungsakten, Lehrpläne und weitere Personalakten aus der Nachkriegszeit umfasst (HHStAW, Best. 800Öffnet sich in einem neuen Fenster). Diese stehen von nun an der Forschung zur Verfügung.   

Elis Eiling, Wiesbaden

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