Screenshot einer Website mit dem Titel "Aktenbestände im Überblick"; die mehrere Themenbereiche wie Entschädigung, Rückerstattung und Forschung in Bildkacheln darstellt.

Projekt zur „Wiedergutmachung“ - Startschuss für Erschließung von Rückerstattungsakten

Im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden ist am 1. März ein neues Projekt angelaufen: Ziel ist die Erschließung von 63.000 Rückerstattungsakten in den kommenden dreieinhalb Jahren. Das Projekt wird gefördert vom Bundesministerium der Finanzen und dient dem Ausbau des Themenportals „Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts“.

Das Projektteam wird zwei für die Aufarbeitung der Vermögensentziehung in der NS-Zeit zentrale Quellenbestände erschließen: Zum einen werden 48.000 Einzelfallakten in dem Archivinformationssystem Arcinsys verzeichnet, die in Umsetzung des Militärregierungsgesetzes Nr. 59 der amerikanischen Besatzungsverwaltung bei den zehn Rückerstattungsämtern in Hessen entstanden sind (HHStAW, Best. 519/5). Zum anderen werden 15.000 Einzelfallakten aus Verfahren nach dem Bundesrückerstattungsgesetz von 1957 verzeichnet (HHStAW, Best. 519/6). Beide Bestände sind bislang ausschließlich über analoge Karteien recherchierbar.

Die Datenerfassung erfolgt nach dem von der Konferenz der leitenden Archivdirektorinnen und -direktoren beschlossenem Metadatenstandard für Rückerstattungsakten, der die Erhebung einer Vielzahl von Personendaten und Verfahrensangaben vorsieht. Die Erschließungsinformationen werden, soweit rechtlich zulässig, dem Themenportal zur Verfügung gestellt. Dadurch wird eine differenzierte Recherche nach Personen und konkreten Vermögenswerten wie z. B. Immobilien, Mobiliar, Schmuck, Kunst, Musikinstrumenten, aber auch Bankguthaben oder Aktienwerten möglich.

vergilbtes Schriftdokument mit maschinenschriftlichem Text und handschriftlichen Eintragungen
Anmeldung von Rückerstattungsansprüchen durch die Frankfurter Komponistin Rosy Geiger, geb. Kullmann, 1957 (HHStAW, Best. 519/6, Nr. 580)

Initiiert wurde das Themenportal vom Bundesministerium der Finanzen als Folgeaufgabe der „Wiedergutmachung“. Nachdem die materielle „Wiedergutmachung“ des NS-Unrechts durch Restitution von entzogenem Vermögen bzw. Leistung von Ausgleichszahlungen weitgehend abgeschlossen ist und auch die Leistung von Entschädigungszahlungen perspektivisch ausläuft, dient die Transformation in das digitale Format dazu, auch künftig der Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen Rechnung zu tragen. In dem Themenportal sollen erstmals alle einschlägigen Quellenbestände des Bundes, der Länder und Kommunen virtuell zusammengeführt werden.

Zielgruppe sind die ehemals Verfolgten und deren Nachkommen, aber auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Lehrende, Schülerinnen und Schüler und andere Interessierte, denen ein niedrigschwelliger Einstieg in das Thema und ein unkomplizierter Zugang zu den Quellen ermöglicht wird. Mit Förderung des Bundesministeriums der Finanzen laufen aktuell in zahlreichen Archiven in Deutschland Projekte zur Inventarisierung, Erschließung und Digitalisierung von Archivgut zur „Wiedergutmachung“. Flankierend werden z. B. Podcasts, Ausstellungen und Veranstaltungen erarbeitet, um das Thema auch in der breiten Öffentlichkeit bekannter zu machen.

maschinenschriftlicher Text
Auflistung von entzogenem Tafelsilber der Frankfurter Komponistin Rosy Geiger, geb. Kullmann, 1958 (HHStAW, Best. 519/6, Nr. 580)

Das Hessische Landesarchiv beteiligt sich nun mit einem ersten Projekt am Ausbau des Themenportals. Zugleich werden die Rückerstattungsakten auch in Arcinsys recherchierbar und können von Nutzerinnen und Nutzern künftig direkt in den Lesesaal bestellt werden. Die für die persönliche und wissenschaftliche Aufarbeitung der Enteignung insbesondere der jüdischen Bevölkerung in der NS-Zeit und für die Provenienzforschung bedeutenden Quellen in Hessen werden so erstmals adäquat zugänglich gemacht. Folgeprojekte des Hessischen Landesarchivs zugunsten des Themenportals sind in Vorbereitung.

Carina Schmidt, Wiesbaden

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