Schwarz-weiß Foto eines großen, prächtigen Gebäudes

130 Jahre Maifestspiele am Staatstheater Wiesbaden

Unter dem Motto „Dieser Ort ist ein Archiv“ startet das Hessische Staatstheater Wiesbaden in die Maifestspiele 2026.

Im Mittelpunkt steht eine Neuinszenierung des Wagner’schen Musikdramas „Tristan und Isolde“, das mit den eingangs zitierten Worten eröffnet, und die vielfältigen Deutungen des Tristan-Mythos bis in die Gegenwart hervorhebt. Dazu holt der Regisseur Tiago Rodrigues das Archiv, symbolisiert durch mit Akten gefüllte Regale, auf die Bühne, die Darsteller blättern in den Akten und stellen Fragen an die Geschichte. Begleitend ist eine Reihe von Experten-Talks geplant unter der Überschrift „Die Kunst des Archivs“, moderiert von Dr. Kai Hinrich Müller, zu der auch die Leiterin des Hauptstaatsarchivs Wiesbaden, Dr. Nicola Wurthmann, eingeladen ist. Sie wird am 17. Mai mit dem Juristen Prof. Dr. Paul Klimpel und der Poetry Slammerin Mali Carillo über das Thema „Archiv und Zukunft“ diskutieren.

Das echte Archiv(gut) des Staatstheaters Wiesbaden ist im Hauptstaatsarchiv (Best. 428) überliefert. Zahlreiche Werkakten zu den Inszenierungen, eine Vielzahl an Künstler- und Szenenfotos sowie Plakate, Programmhefte und Presseartikel gewähren Einblick in die Theaterwelt seit dem frühen 19. Jahrhundert bis heute. Auch eine kleine Sammlung an Skizzen von Bühnenbildern und Kostümentwürfen aus der Zeit um 1900 ist erwähnenswert. Hinzu kommen Personalakten, gerade auch zu den hier tätigen Künstlern, Verwaltungsakten sowie Unterlagen zu Bau und Instandhaltung des Gebäudes.  

schwarz-weiß Foto eines imposanten Gebäudes
Südfassade des Staatstheaters Wiesbaden mit Säulenportikus, 1928 (HHStAW, Best. 3008/1, Nr. 34902)

Ein wesentliches Element des Wiesbadener Theaterprogramms waren und sind die 1896 begründeten Maifestspiele. Inspiriert von den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth, wurden die Maifestspiele bewusst in den Wonnemonat gelegt, hielt sich doch zu dieser Jahreszeit regelmäßig Kaiser Wilhelm II., der gerne das Theater besuchte, in der Weltkurstadt auf. Auf seine Initiative geht auch der Neubau des Theaters zurück, den der Kaiser 1892 mit einem Architektenwettbewerb anstieß. Die in ganz Europa bekannten Wiener Architekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer konnten diesen mit dem Entwurf eines großzügigen Neubaus für sich entscheiden, der dann innerhalb von zwei Jahren ausgeführt wurde. Die feierliche Eröffnung des neobarocken Gebäudes, das bis heute das Staatstheater beherbergt, fand am 16. Oktober 1894 statt – natürlich in Gegenwart des Kaisers, der bei dieser Gelegenheit auch das Denkmal zu Ehren seines Großvaters Kaiser Wilhelm I. im angrenzenden Park enthüllte.

schwarz-weiß Foto einer Frau in einem Gewand und einer blonden Perücke mit zwei Zöpfen auf dem Kopf, in den Händen eine Schale haltend
Szenenfoto aus der Aufführung von „Tristan und Isolde“ im Staatstheater Wiesbaden 1951 (HHStAW, Best. 3008/1, Nr. 68160)

Vordergründig wurden bis zum Ersten Weltkrieg vornehmlich Richard Wagners Werke aufgeführt, die bis heute immer wieder aufgegriffen werden. So sind im Hauptstaatsarchiv etwa Unterlagen zu Aufführungen von „Parsifal“ im Jahr 1914, von „Lohengrin“ 1934 und von „Die Walküre“ 2017 vorhanden. Auch über frühere Aufführungen von „Tristan und Isolde“ geben Akten im Hauptstaatsarchiv Auskunft, so z.B. eine Werkakte von 1949, die Zeitungsartikel, Begleithefte, Besetzungslisten und Kostenaufstellungen enthält. Damals wurde das Stück von Regisseur Hubert Franz inszeniert. Die Handlungsorte sind klassisch das Meer zwischen Irland und Cornwall, sowie ein Burghof. Der Wiesbadener Anzeiger lobte die Bühnenbilder im Mai 1949 als „überzeugende und lebensvolle Mitte zwischen naturalistischer Darstellung und Wagnerschem Kunststil“. Trotz Publikumsbegeisterung erntete die Inszenierung auch Kritik: Der Wiesbadener Kurier schrieb im Januar 1951 zu der Aufführung: „Damals machte sie starken Eindruck. Heute ist sie ein Beispiel mehr dafür, dass eine Inszenierung in ihrer Gültigkeit zeitlich begrenzt ist“.

schwarz-weiß Foto von vielen elegant und festlich gekleideten Menschen in einem imposanten Foyer
Theaterbesucher im Foyer des Hessischen Staatstheaters, 1968 (HHStAW, Best. 3008/2, Nr. 24499)

Zum 130-jährigen Jubiläum der Wiesbadener Maifestspiele hat sich die Intendanz des Staatstheaters erneut für eine Inszenierung von „Tristan und Isolde“ entschieden, die einen ganz neuartigen Zugang wählt, indem sich die Protagonisten mit Geschichte, Erinnerungskultur und Deutungsmustern auseinandersetzen. Bleibt zu hoffen, dass die Werkakte und weitere einschlägige Unterlagen auch zu dieser Produktion von Tiago Rodrigues zu gegebener Zeit in den Bestand des Staatstheaters im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden gelangen, um diese für künftige Generationen zu bewahren.

Khela Mae Brophy, Wiesbaden

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